Monster

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Yannic Niehr
10

Comic-Couch Rezension von Yannic Niehr Jun 2022

Story

Die Story scheint oberflächlich simpel, doch hat es in sich! Nach und nach gibt das Drama seine brutalen Geheimnisse preis und lässt einen nicht mehr los.

Zeichnung

Der Stil ist kantig, aber auf den Punkt. Abstoßend, doch faszinierend; wuchtig, doch einfühlsam – stimmungsvolle Ergänzung des Inhalts.

Monster werden nicht geboren, sie werden gemacht

Kalifornien, 1964: Keine Bleibe, keine Kinder, keine lebenden Verwandten – Bobby Bailey ist ein absoluter Niemand, ein Junkie ohne Vergangenheit oder Zukunft, ein lebender Schatten, als er die kleine Außenstelle betritt, um sich von Sergeant McFarland für die Army rekrutieren zu lassen. McFarland erinnert sich an die vertrauliche Anweisung, dass Jungs wie Bailey die perfekten Kandidaten für das streng geheime Projekt Prometheus seien. Einen Anruf später wird Bobby Bailey von Major Roth in Augenschein genommen und für Prometheus verpflichtet.

Was die Öffentlichkeit nicht weiß: Bei Prometheus handelt es sich um eine unter Verschluss gehaltene, pseudowissenschaftliche Operation der Nazis, die nach Kriegsende unter der Leitung des gnadenlosen Colonel Oskar Friedrich vom US-Militär weitergeführt wurde; sie soll dazu dienen, den „perfekten Soldaten“ hervorzubringen. Das Experiment jedoch geht gehörig schief, denn Bobby Bailey wird zu einem grotesk anzuschauenden Hünen – kaum der vorzeigbare Supersoldat, den sich die hohen Tiere gewünscht haben. Daher soll er vernichtet werden. Doch mithilfe von McFarland, den sein schlechtes Gewissen, Bailey wissentlich einem schrecklichen Schicksal ausgeliefert zu haben, zum Äußersten treibt, kann diesen unter Einsatz seines Lebens befreien.

Von nun an ist Bobby Bailey auf der Flucht. Doch ihm auf den Fersen ist nicht nur Major Roth: Auch andere, wohlgesonnene Menschen, suchen ihn; Menschen, die auf unvorhersehbaren Pfaden einst seinen Weg gekreuzt haben und deren Verbindungen mit ihm weit zurückreichen. Sie kennen seine unglaubliche  Geschichte – eine Geschichte über menschliche Monster …

„Stets bleib selbst dir treu“

Der britischstämmige Barry Windsor-Smith zeigte sich schon früh als talentiert und machte Abschlüsse in Illustration und Industrial Design am East Ham Technical College. Seine Arbeiten, die ihren größten Bekanntheitsgrad in den Vereinigten Staaten fanden, schließen u.a. zahlreiche Geschichten der X-Men sowie von Conan der Barbar mit ein und sind so zahlreich wie vielfältig. Das Magnum Opus Monsters, dessen Grundidee ursprünglich in den 80ern einmal als Hulk-Story gedacht war, erschien letztes Jahr als Windsor-Smiths erstes Werk seit 16 Jahren; nun liegt es bei CrossCult erstmals in (sehr gelungener) deutscher Übersetzung vor.

Dass der wegweisende Klassiker Frankenstein eine Inspirationsquelle für Windsor-Smith gewesen sein muss, wird nicht nur in der Betitelung des Projektes Prometheus und der Inszenierung des genveränderten Bobby Baileys als verwuchertes, klobiges, aber sanftes Ungetüm deutlich; auch in Mary Shelleys berühmtem Roman ging es – wie in Monster – um die Frage persönlicher Verantwortung. Viel tiefer jedoch gehen die Parallelen kaum. Vielmehr bedient sich der Autor Elementen pulpiger Horror- und SciFi-Comics sowie nostalgischer „Heile-Welt“-Americana, um daraus eine radikale, zynische Abrechnung mit der Unmenschlichkeit des militärisch-industriellen Komplexes zu stricken.

„Ich erwarte nicht, dass Gott mir vergibt. Würde er das, wäre er ein dummer Gott …“

Zum Glück geht dies nicht auf Kosten der sehr intimen Schilderung von Bobby Baileys persönlichem Martyrium und der miteinander verzahnten Umstände, die dazu geführt haben – denn genau das ist das schmerzhaft pulsierende Herzstück der Graphic Novel. Dabei gelingt durch die verschachtelte Erzählweise, die Stück für Stück immer tiefer in Bobbys Vorgeschichte in den späten 40er Jahren vordringt, eine schleichende Erweiterung der eigenen Sichtweise, die einen stetig näher an ein emotionales Verstehen rückt. So sehen wir, wie Bobbys Vater Tom, der in Deutschland stationiert war und zu dem Team gehörte, das die Gräueltaten des ursprünglichen Projektes Prometheus aus erster Hand entdecken musste, als gebrochener, völlig wesensveränderter Mann heimkehrt, der nur noch zur Aggression fähig ist; wie die hellsichtige Gabe von Elias McFarlands Tochter Nina ihre Familie auf eine harte Probe stellt, sich aber letztendlich als Gottesgeschenk erweist; wie Bobbys Mutter zunehmend nicht nur um das Wohl ihres unschuldigen Sohnes, sondern auch um ihr eigenes Seelenheil kämpfen muss; und wie Officer Jack Powell, der selbst für die Regierung arbeitet und sich langsam, aber sicher in Mrs. Bailey verliebt, schließlich alles auf eine Karte setzt, um eigene Fehler wieder gutzumachen.

All dies skizziert Windsor-Smith in hart konturierten, doch detailverliebten Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die mit geschickten Perspektiv- und Kontrasteffekten eine atmosphärische Welt schaffen, die der unseren (leider) nicht unähnlich ist, und die darüber hinaus jede Regung der Figuren – auch über die epische Breite wechselnder Settings und mehrerer Jahrzehnte an Handlung hinweg – glaubhaft und versiert einfangen. Und in dieser Handlung wimmelt es von Menschen, welche die Sprache der Liebe nicht sprechen – doch zum Glück auch von solchen, denen Einsicht und Mitgefühl nicht fremd ist und die sich nicht scheuen, sich ihrer persönlichen Verantwortung (wenn auch spät) zu stellen. Deutlich wird dabei vor allem, wie Krieg Menschen innerlich vernichten kann und wie Gewalt in einer endlosen Abwärtsspirale neue Gewalt erzeugt. Damit wird Monster zu einem der überzeugendsten Plädoyers für den Pazifismus – selten „schön“ anzuschauen, aber immer nur allzu wahr.

Fazit:

Eine zeitlose, intelligente, verstörende und doch auch zutiefst berührende Geschichte über Trauma und Heilung. Monster ist harter Tobak, der unter die Haut geht – und die Bezeichnung „Meisterwerk“ verdient!

Monster

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