Matter

Erschienen: Februar 2021

Couch-Wertung

7
Story
Zeichnung

Story

Bernhart Matter ist eine Figur, die man sehr gut zu einem romantischen „edlen Räuber“ machen könnte. Die Stärke des Comics ist aber, dass er eine greifbare Figur mit Stärken und (vielen) Schwächen geblieben ist. Der geschichtliche Kontext wird mit einem informativen Nachwort erklärt. Nur die kurzen Erklärungen, die zwischendurch als „Randnotizen“ im Comic auftauchen, wirken wie Fremdkörper.

Zeichnung

Das Schwarz-in-Schwarz zusammen mit den skizzenhaften Strichen ist etwas gewöhnungsbedürftig und hat mich ein bisschen überfordert. Trotzdem finde ich den Zeichenstil von Reto Gloor bemerkenswert. Er schafft es, sehr präzise zu zeichnen und die Bilder gleichzeitig sehr beiläufig wirken zu lassen. Dieser Mix aus Schnelligkeit, Dynamik und Präzision ist sehr faszinierend, aber auch ungewohnt.

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Nina Pimentel Lechthoff
Der Schweizer Robin Hood

Comic-Rezension von Nina Pimentel Lechthoff Jun 2021

200 Jahre Bernhart Matter

Der Schweizer Bernhart Matter, geboren am 21. Februar 1821 in Muhen, war ein Dieb und Einbrecher aus dem Kanton Aargau. Er gilt als „edler Räuber“, als Schweizer Robin Hood, und wurde insbesondere durch seine spektakulären Ausbrüche aus verschiedenen Gefängnissen bekannt. Am 24. Mai 1854 wurde er in Lenzburg vor 2000 Personen auf dem Schafott geköpft — eine bereits damals juristisch umstrittene Strafe.

Zum 200. Geburtstag von Matter hat der Comic-Verlag Edition Moderne die zwischen 1992 und 1993 von Reto Gloor und Markus Kirchhofer publizierten Comics „Matter“ und „Matter entzweit“ in einer vom Autor Markus Kirchhofer revidierten Fassung als Gesamtausgabe neu aufgelegt.

Der edle Räuber

Von den Reichen nehmen, um es den Armen zu geben – die Idee vom Robin Hood, der Reichtum umverteilt und moralisch nicht verwerflich ist, ist eine sehr romantische. Die Gerechtigkeit in die eigenen Hände nehmen, ohne diese schmutzig zu machen. Denn eigentlich rettet er Leben, oder nicht? Indem er den Überschuss an Geld oder Güter nimmt, den einige horten, um diesen den Leuten zu geben, die am Hungertuch nagen und sich selbst nicht mehr zu helfen wissen. Man hätte die Geschichte von Bernhart Matter sehr einfach in diese romantische Schublade stecken und ihn so zu einem Helden machen können. Das ist aber nicht die Absicht der Macher hinter dem Comic „Matter“. Mit seinen Einbrüchen und dem Schmuggel zwischen der Schweiz und Frankreich hat Matter zwar Teile der ärmlicheren Bevölkerung in seiner Umgebung unterstützt, dennoch ist Matter zu keiner Zeit der selbstlose Retter in der Not.

Nein, Matter flucht, säuft und gaunert sich durchs Leben. Dabei will er eigentlich das Beste für seine Frau und Kind, obwohl er zu ihnen kaum Kontakt hat. Und wenn doch, dann sporadisch und es endet immer im Streit. Diese zwei Seiten von Matter – liebender Familienvater und untreuer, saufender Gauner – macht seine Geschichte sehr spannend. Matter ist eben nicht der edle Robin Hood oder der Einbrecher ohne Gewissen. Die vielen Facetten, die Reto Gloor und Markus Kirchhofer in ihrem Comic darstellen, machen den Menschen Bernhart Matter zu einer greifbaren Figur, zu einem Menschen, der nicht immer sympathisch ist, aber mit dem man trotzdem mitfiebert und am Ende um ihn trauert.

Crashkurs Schweizer Geschichte

Geschichte kann man immer nur in einem Kontext sehen, sonst ergeben die Geschehnisse wenig Sinn. Der explosive Bevölkerungswachstum Anfang des 19. Jahrhunderts in Matters Heimat, dem Kanton Aargau; die darauffolgende landwirtschaftliche Krise, die sich wegen der in ganz Europa grassierende Kartoffelfäule noch verschärfte; die massive Auswanderung Richtung Amerika; der Bürgerkrieg in der Schweiz und die neue Bundesverfassung… Es gibt viel, was man wissen muss oder sollte, um die Geschichte von Bernhart Matter vollständig begreifen zu können. Im von Edition Moderne neu aufgelegten Gesamtband „Matter“ wird dem Leser anhand von einem Nachwort zweier Historiker geholfen, die informativ und knapp den geschichtlichen Kontext vorstellen.

Innerhalb des Comics werden auch immer wieder Informationen zu den Ereignissen außerhalb von Matters unmittelbaren Umfeld gegeben. Sie stechen hervor, denn während die Sprechblasen mit einem für Comics typischen handschriftlichen Lettering versehen sind, sind die „Info-Texte“ wie mit der Schreibmaschine an den Rand der Panels gedruckt. Dadurch wirken sie wie Fremdkörper, als wären sie im Nachhinein als eine Art Notiz am Seitenrand hinzugefügt worden.

Effizient, schnell, dynamisch

Der Zeichenstil von Reto Gloor ist sehr gewöhnungsbedürftig. Mit schnellen, fast skizzenhaften Strichen zeichnet er sowohl die Hintergründe als auch seine Figuren. Obwohl alles wie ganz schnell auf dem Papier gekritzelt scheint, sind die Linien und Striche sehr genau platziert: das Laub, das von den Bäumen fällt, die Falten in den Gesichtern der Figuren, die Schatten – alles hat einen festen Platz, und doch wirken die Figuren und die Schauplätze sehr dynamisch. Es gibt keine Farben in den Bildern von Reto Gloor und es scheint fast, als würden sie nur aus Schwarz bestehen, hier und da glänzt was Weißes hervor. Das macht die Bilder und Figuren trotzt der dynamischen Linien sehr schwer. Das hat „Matter“ für mich zu einer langwierigen Lektüre gemacht, denn nach ein paar Seiten war ich etwas überfordert vom vielen Schwarz und den dynamischen Strichen.

Fazit:

„Matter“ ist auf jeden Fall ein außergewöhnlicher Comic. Die Geschichte von Bernhart Matter wird von Reto Gloor und Markus Kirchhofer schön zu Papier gebracht. Sie schaffen es vor allem, Matter zu einer greifbaren Figur zu machen. Auch das Nachwort der Historiker Marc Griesshammer und Raoul Richner ist sehr informativ und stellt das Ganze in den historischen Kontext. Nur die „Randnotizen“ im Verlauf des Comics wirken wie im Nachhinein hinzugefügt, sodass man kurz wieder aus dem Lesefluss hinausgezogen wird. Auch der Zeichenstil von Reto Gloor ist gewöhnungsbedürftig. Das sehr Skizzenhafte gepaart mit den sehr dunklen Bildern hat mich etwas überfordert. Trotzdem finde ich sehr bemerkenswert, wie präzise dieses schnelle Strichen im Endeffekt doch sind.

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