Made in Korea

  • Panini
  • Erschienen: August 2022
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Marcel Scharrenbroich
6

Comic-Couch Rezension vonOkt 2022

Story

„Made in Korea“ bedient sich großzügig bei ähnlichen Stoffen der letzten Jahrzehnte. Nicht gerade schlecht, aber auf eigenen Beinen wird kaum gestanden.

Zeichnung

Wer Kinder nicht zeichnen kann, sollte sie vielleicht lieber nicht zeichnen. Angedeutete oder gänzlich ausgelassene Hintergründe machen es nicht leichter, dieses Manko zu ignorieren.

Was… WER… bin ich?

Nicht der Klapperstorch, sondern der Paketbote…

…bringt in nicht allzu ferner Zukunft den Nachwuchs. Verantwortlich dafür ist der koreanische Konzern Wook-Jin Industries. Dieser stellt sogenannte Proxys her. Künstliche Menschen, die Paare mit unerfülltem Kinderwunsch zu glücklichen Eltern machen. Proxys altern nicht, lassen sich nach individuellen Wünschen ordern und sind lernfähig. In den Vereinigten Staaten, in Texas, spielen Suelynn und Bill mit dem Proxy-Gedanken, nachdem sie lange Zeit erfolglos versuchten eigenen Nachwuchs in die Welt zu setzen. Einen ersten Eindruck konnten sie sich bei ihren Nachbarn verschaffen, denen gerade erst ein fabrikneues Modell ins Haus geliefert wurde. Kurz darauf entscheiden sie sich für ein weibliches Modell, welches sie Jesse nennen und freudig in den kleinen Kreis ihrer - nun endlich vollständigen - Familie aufnehmen. Doch schnell bemerken sie Anomalien an Jesse. Sie lernt unglaublich schnell, saugt Wissen wie ein Schwamm auf und legt ungewöhnliche Verhaltensweisen an den Tag… jedenfalls für eine „Maschine“.

Dies ist das Werk des Programmierers Kim Dong Chul. Chul arbeitet in der Software-Entwicklung von Wook-Jin Industries und hat etwas bislang Einmaliges vollbracht. Er schrieb einen Algorithmus, mit dem er die erste künstliche Intelligenz erschaffen hat. Allerdings auf dem Firmenrechner, womit die bahnbrechende Entwicklung automatisch im Besitz von Wook-Jin geblieben wäre. So leicht machte es Chu der Firma aber nicht und hatte den Code in einen ausrangierten Proxy aus der Entsorgungsabteilung implementiert. Jesse…

In Texas entwickelt sich die wissensdurstige Jesse rasend schnell weiter. Jedoch tut sie sich schwer damit, soziale Kontakte zu knüpfen. Als sie schließlich doch noch „Freunde“ findet, stellt sich schnell heraus, dass die Wahl nicht katastrophaler hätte getroffen werden können. Die vermeintlich wohlgesonnenen Mitschüler haben einen tödlichen Plan, zu dessen Durchführung Jesses Fähigkeiten geradezu prädestiniert scheinen.

Währenddessen hat Chu sich auf den Weg in die USA gemacht, um Jesse zu suchen. Unbemerkt von den Augen seiner Vorgesetzten möchte er den „fehlerhaften“ Proxy zurück nach Korea bringen und das bislang einmalige Exemplar als seine Tochter aufziehen. Jesse hadert jedoch zunehmend mit ihrer Identität und greift zu drastischen Mitteln.

Und der Mensch heißt Mensch…

Geschrieben und gezeichnet wurde „Made in Korea“ von Jeremy Holt („Marvel Voices: Identity“, „Gatsby“, „Virtually Yours“) und Gorge Schall („Chasing Echoes“, „Wizard Beach“, „Wishes“). Beide Künstler bezeichnen sich als nichtbinär, fühlen sich also keiner Geschlechterbezeichnung zugehörig. Folglich benutzen sie die Pronomen they/them. Warum dies relevant ist? Nun, weil der Comic genau darauf abzielt. Und - da bin ich ganz ehrlich - damit auch einen gesellschaftlichen Nerv trifft, der durchaus kritisch diskutiert werden darf. Ja, es auf sachlicher Ebene vielleicht sogar sollte. Ein kleines Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Die nichtbinäre MARVEL- und DC-Allzweckwaffe für höchstens durchschnittliche Storys, Vita Ayala, schrieb in den sozialen Medien nach einer Stellenausschreibung von MARVEL für deren Homepage, dass sich bitte nur People of Color und vorzugsweise weibliche Personen darauf melden sollen. Diese Ansicht wurde - vorsichtig ausgedrückt - sehr zwiegespalten aufgenommen. Doch Ayala legte nach und forderte für den Posten als Associate Editor „no cis dudes“, also keine Männer, die sich mit ihrem körperlichen Geschlecht identifizieren. Wie kann ich Akzeptanz fordern, wenn ich konfrontativ einer gesellschaftlichen Mehrheit ungefragt die Tür ins Gesicht schlage? Muss ich unbedingt Aufmerksamkeit auf mich ziehen, indem ich meine Identität demonstrativ als Aushängeschild trage und zum Maß aller Dinge erkläre? Man kann natürlich auch medienwirksam vor jedem neuen Album einen Pronomen-Wechsel ankündigen, wie es zum Beispiel Sängerin (Sänger?) Demi Lovato handhabt. Damit stößt man nicht nur jedem Menschen vor den Kopf, welcher nachweislich darunter leidet, sich im falschen Körper geboren zu fühlen (Transidentität), sondern wirft der allgemeinen Akzeptanz einen derartigen Knüppel zwischen die Beine, dass sie nicht nur leicht ins Straucheln gerät. Ein plakatives zur Schau stellen der eigenen Geschlechteridentität und/oder der sexuellen Orientierung halte ich, und das ist ausdrücklich nur meine ganz eigene Meinung, für kontraproduktiv und nicht relevant. Dass in den Künstler-Biografien zu „Made in Korea“ hervorgestellt werden muss, dass diese sich als nichtbinär identifizieren, macht die Geschichte an sich weder besser noch schlechter. Noch macht es Jeremy Holt und George Schall zu besseren oder schlechteren Menschen. Ich weiß nicht, wie es in Zukunft gehandhabt wird, aber in keinem meiner Lebensläufe steht, ob ich homo, hetero, trans, schwarz, weiß, grün oder gestreift bin… und das soll bitte auch so bleiben. Warum? Weil es verdammt noch mal niemanden zu interessieren hat. Ich begegne Mitmenschen auf Augenhöhe, da braucht es weder Diffamierungen noch Wichtigtuerei von der einen oder anderen Seite. Verbohrtheit und unsichtbare Scheuklappen - egal ob ideologischen oder religiösen Ursprungs - machen uns den Weg nur zusätzlich steiniger, als er sein sollte.

Zwischen Spielberg und Pinocchio

Auch wenn „Made in Korea“ sehr aktuelle und durchaus hitzig diskutierte Themen aufgreift, ist die Idee sicherlich nicht neu. Man könnte jetzt zurück gehen bis hin zu Mary Shelleys „Frankenstein“, wo bereits 1818 existentielle Fragen gestellt wurden, die noch heute Autoren, Filme- oder eben Comic-Macher beschäftigen. Anleihen an „Pinocchio“, jener Holzpuppe, die auf ihrer Suche nach Identität unbedarft die Grenzen zwischen Gut und Böse auslotet, gibt es ebenso, wie Momente eines geläuterten „Terminators“. Starke Parallelen weist der Comic zu Steven Spielbergs Androiden-Coming-of-Age-Streifens „A.I. - Künstliche Intelligenz“ aus dem Jahr 2001 auf. Dort folgten wir mit David, einem sogenannten Mecha, einem vermeintlichen Jungen, dessen einst programmierte Liebe sich als zutiefst menschlich entpuppte. Als Pionier erwies sich Spielberg damit aber nicht, denn dann müssten wir Ridley Scotts „Blade Runner“-Adaption nach Philip K. Dick und vor allem den thematisch dem Comic weit vorausgeeilten Film „D.A.R.Y.L. - Der Außergewöhnliche“ von 1985 voranstellen. Nimmt man all diese Zutaten weg, bleibt von „Made in Korea“ aus kreativer Sicht nicht mehr viel übrig. Mit den gegebenen Vorlagen wird in der Summe aber solide jongliert.

Die Zeichnungen von George Schall sind bestenfalls gefällig. Zweckmäßig, aber ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Kinder sehen bei Schall nicht wie Kinder aus, was schon recht befremdlich wirkt. Merkwürdigerweise tun sich damit nicht wenige Künstlerinnen und Künstler schwer. Der feine Strich wirkt insgesamt sehr zurückhaltend und unsicher. Enttäuscht bin ich vom großzügigen Verzicht auf Hintergrundelemente. Simple Farbflächen lassen kaum Tiefe zu. So bleibt der Look extrem statisch. Da wäre deutlich mehr drin gewesen. Blasse Farben bleiben angenehm unaufdringlich, wären aber wirksamer, wenn wenigstens die eigentlichen Zeichnungen hervorstechen würden. So bleibt es leider eintönig, ohne wirkliche grafische Highlights.

Hervorzuheben sind die sechs „Proxy-Geschichten“, welche von verschiedenen internationalen Künstlern umgesetzt wurden und nach der Hauptstory am Stück vorliegen. Im Original wurde jedem der sechs Einzelhefte aus dem IMAGE Verlag eine dieser Kurzgeschichten angehängt. Stilistisch wird eine breite Palette genutzt, was vor der abschließenden Cover-Galerie noch mal für frischen Wind sorgt.

Fazit:

„Made in Korea“ erfindet das Rad um künstliche Intelligenz und große menschliche Fragen nicht neu. Keineswegs nicht. Der Umgang mit eingeflossenen Inspirationsquellen ist dafür weitestgehend geglückt. Inwiefern es relevant ist, dass die Künstler sich als nichtbinär bezeichnen, und ob ein Hadern mit dem ursprünglichen Geschlecht als einzig frisches Element im Comic reicht, um zu überzeugen, sollten Leserinnen und Leser für sich entscheiden.

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