Lugosi

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Yannic Niehr
8

Comic-Couch Rezension vonAug 2022

Story

Eine herzzerreißende Hollywoodstory, wie sie nur das wahre Leben schreiben konnte. Stellenweise fehlt allerdings ein klarerer narrativer Ansatz.

Zeichnung

Schnörkellos und ohne große Experimente, aber einfühlsam und mit filmischem Flair wird Lugosis Leben auf parallelen Zeitebenen in Szene gesetzt.

Ein Kind der Nacht

Aristokratische Aura, eigenwilliger Akzent, stechender, hypnotischer Blick: Béla Lugosis Dracula ist und bleibt eines der unvergesslichsten Monster der Filmgeschichte. Doch wer war der Mann hinter dem Vampir? Diese Graphic Novel zeichnet das bewegte Leben des Filmstars nach und demontiert die glamouröse Fassade Hollywoods …

„Eine großartige Darbietung braucht Publikum! Wollten Sie das nicht? Ohne unsere Verehrung vergehen sie. Sie brauchen uns mehr als wir sie.“

Béla wurde als Kind eines Mannes, der sich aus dem Nichts zum wohlhabenden Bankier hochgearbeitet hatte, in Ungarn geboren. Seine tief verwurzelte Leidenschaft für die Schauspielerei stößt bei seiner Familie auf Unverständnis. So sucht er zeit seines Lebens fieberhaft nach der Aufmerksamkeit und Anerkennung, die ihm als Kind verwehrt wurde – bei (falschen) Freunden, im Künstlermilieu, im Schoß einer Frau nach der anderen, und natürlich beim Publikum, ohne dessen Gunst er zu leben sich außerstande sieht. Aufgrund politischer Veränderungen verschlägt es den überzeugten Kommunisten, der sich einer der ersten Schauspielergewerkschaften der Welt anschloss, in die USA, wo er zunächst in der ungarischen Bühnengemeinde Fuß zu fassen suchte. Die aus London an den Broadway exportierte, extrem erfolgreiche Bühnenfassung von Bram Stokers Dracula war schließlich seine große Chance. Der Tod von Lon Chaney sr. entpuppt sich für den Exilanten als Glücksfall: Er darf den Grafen auch in Todd Brownings Tonverfilmung von 1931 spielen. Doch sein Stern soll sinken: Er kommt nie ganz von dieser einen großen Rolle los, zahlreiche Ehen gehen in die Brüche, schließlich wird er jahrelang von Schmerzmitteln abhängig. Die Studiolandschaft Hollywoods ist im Wandel, und als Urgestein der alten Welt kommt Béla nicht mehr mit …

„Wir beide sind unersättlich. Ich brauche Blut, und du? Drogen und Alkohol. Und natürlich Aufmerksamkeit! Du leckst jeden Tropfen Lob auf, um diese Leere in dir zu füllen.“

Koren Shadmi, vielseitiger Alumnus und Dozent der New Yorker Visual School of Arts, nimmt sich in dieser Graphic-Novel-Biographie des interessanten Werdegangs eines großen Charakterkopfes Hollywoods an. Dabei stellt sich zunächst die Frage, was eine Adaption als Comic dieser Geschichte hinzufügen kann. Die Antwort liegt im Fokus auf das Visuelle: Shadmi illustriert immer wieder Szenen aus verschiedensten Lugosi-Filmen fast eins zu eins und bringt diese so einer jüngeren Generation näher, die mit der Schwarz-Weiß-Ära des Films kaum noch vertraut sein dürfte. Dabei bildet der Detailreichtum eben dieser Sequenzen einen spannenden Kontrast zum bewusst simpler und zugänglicher gehaltenen Design der optisch sehr dynamisch gestalteten Geschichte. Geschickt bettet Shadmi Lugosis Leben in eine Rahmenhandlung ein: Er zeigt den alternden Darsteller, als dieser sich zu einem Entzug entschließt und sein Leben in Rückblenden Revue passieren lässt (die Szenen in der Klinik setzt der Zeichner durch einen Sepiaton von der ansonsten gänzlich Schwarz-Weiß gehaltenen Erzählung Bélas Lebensgeschichte ab). Immer wieder suchen Lugosi dabei Geister der Vergangenheit heim: Sein langjähriger Konkurrent Boris Karloff, der in jenem anderen Horrorklassiker zu Berühmtheit gelangte, der „schlechteste Regisseur aller Zeiten“, Ed Wood, der integraler Bestandteil der unwahrscheinlichen späten Jahre seiner Karriere wurde – und natürlich jener Vampir, dessen Schatten er nie wieder loswerden sollte.

„Du weißt es vielleicht nicht, aber du bist wie Dracula. Du lebst ewig. Du bist unsterblich!“

Vor allem die Hassliebe zu dieser Figur fängt Shadmi beeindruckend ein: Béla geht in dem übernatürlichen Grafen gänzlich auf und sonnt sich in dem Ruhm, dem dieser ihm verleiht – doch fällt es ihm schwer, sein Talent jenseits dieses Charakters unter Beweis zu stellen. Jene ambivalente Verbindung zu Dracula soll der zerrissene und getriebene Schauspieler mit ins Grab nehmen, wird er doch im klassischen Kostüm des Vampirs bestattet, ohne beruflich wie privat je ganz das gefunden zu haben, nachdem er gesucht hatte. Heutzutage kennt jedes Kind Lugosis Dracula, und es mag schwerfallen, diesen noch ernst zu nehmen. Darin liegt der Clou dieses Buches: Durch Kontextualisierung ermöglicht es ein völlig neues Verständnis von Lugosis aus zeitgenössischer Sicht vielleicht etwas steifen Darbietung sowie dessen nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Die Hintergründe, die man über Lugosis Leben (seine Heimatstadt stand Pate für seinen Künstlernamen) und die u.a. durch Dracula angestoßenen Veränderungen im Hollywood-System sowie dessen Beziehung zum Horrorgenre erfährt, sind eine Bereicherung für jeden Filmfan (insbesondere fasziniert das von gegenseitigem Respekt, aber auch von Spannungen geprägte Verhältnis zu Karloff). Eine Herausforderung bei Biographien stellt aber natürlich die Tatsache dar, dass ein echtes Leben nun einmal keinem klar strukturierten Narrativ folgt. An diese willkürlichen Höhen und Tiefen, die nur selten einen hollywoodreif befriedigenden Handlungsverlauf konstatieren, ist auch Shadmi in dieser Adaption gebunden, die dementsprechend, so gut sie auch erzählt sein mag, nicht immer einen klaren Bogen spannen kann. Doch insbesondere der anrührende Epilog vermag dieses vielschichtige Porträt einer tragischen Figur dennoch abzurunden.

Fazit:

Koren Shadmi setzt einer Ikone des Horrorkinos mit dieser Graphic Novel ein punktuell etwas gestelztes, aber liebe- und stimmungsvolles Denkmal, das einen Hollywoods Dracula mit anderen Augen sehen lässt!

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