Little Nemo - Eine Hommage von Frank Pé

Little Nemo - Eine Hommage von Frank Pé
Little Nemo - Eine Hommage von Frank Pé

Erschienen: Dezember 2020

Erschienen: Dezember 2020

Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Verschachtelt, jedoch mit viel Fantasie erzählt. Die Meta-Ebene ist ein besonders feiner Kniff.

Zeichnung

Traumhaft… mehr ist dazu kaum zu sagen. So ansprechend und inspirierend, dass das nächste Nickerchen nicht früh genug kommen kann.

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Marcel Scharrenbroich
Rückkehr ins Schlummerland

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Sep 2021

Kraft der Träume

Schließen wir die Augen und lassen die Gedanken kreisen, lockern wir die Zügel, die alles Rationale in Zaum halten. Es öffnen sich Türen in phantastische Sphären, immer bunter und abenteuerlicher, je mehr wir der Kontrolle eine verdiente Pause gönnen und den imaginären Schlüssel drehen. Einmal abgetaucht, scheint alles möglich, nichts unmöglich. Fremde Bilder vermischen sich mit vertrauten. Vergangenes mit Ereignissen, die nie passieren werden. Unverarbeitetes kämpft sich an die Oberfläche, verschafft sich dumpfes Gehör. Antworten auf nie gestellte Fragen blitzen auf, ebenso vergessene Personen, die präsenter scheinen als unter aufgetürmten Eindrücken vermutet. Puzzleteile, die nicht ineinander gehören, formen plötzlich ein Bild, welches abstrakter nicht sein könnte und in jeder künstlerischen Epoche Fragen aufwerfen würde. Logik scheint in Träumen ein Fremdwort, dennoch ergibt der überreizende Rausch einen Sinn. Welchen, gilt es zu ergründen. Die wundersamsten Ideen entstehen im Schlaf. Manche bringt man mit, andere gehen während der Achterbahnfahrt durchs Ungewisse verloren. Auf den halluzinatorischen Kurztrips, die schon viele zu deuten versuchten, sich in ihrer schwammigen Wendigkeit jedoch jedem festen Griff entziehen. Erscheinen die Ausflüge während der Tiefschlafphase noch so plausibel, bleiben nach dem Aufwachen meist nur zersplitterte Bruchstücke zurück, die sich unmöglich lückenlos aneinanderreihen lassen. Ein Mosaik mit abgerundeten Ecken. Ein unlösbarer Zauberwürfel in Farben, die sich weder definieren noch beschreiben lassen. Steuern lässt sich dieses bruchstückhafte Sammelsurium meist nicht, kann jedoch durch Übung beeinflusst werden. Luzides Träumen. Der Träumende ist sich des Traumes bewusst, kann lenkende Impulse geben. Will man das? Vielleicht… doch Traumtänzer wie Nemo stürzen sich lieber blindlings ins nicht vorhersehbare Abenteuer.

Der Cartoonist und Zeichentrick-Pionier Winsor McCay, an dessen Geburtsjahr sich die Geister scheiden (laut Schätzungen und eigener unterschiedlicher Aussagen zwischen 1866 und 1871), schuf den träumenden Dreikäsehoch im Jahr 1905. Ein wöchentlich erscheinender, ganzseitiger Zeitungs-Strip für den New York Herald. Schon ein Jahr zuvor wagte McCay sich mit „Dream of the Rarebit Fiend“ in die unergründlichen Traumwelten. Dort jedoch für ein erwachseneres Publikum. Daraus ging „Little Nemo in Slumberland“ hervor, der mit seinen bunten Abenteuern zwar dem gleichen Schema folgte, bei dem die Hauptfigur im letzten Panel erwacht, stilistisch aber neue Maßstäbe setzte. Winsor McCays Fantasie waren nicht nur inhaltlich kaum Grenzen gesetzt, er experimentierte auch mit verspielten Perspektiven und warf eine klassische Panel-Aufteilung gerne mal über den Haufen. Detailverliebt und farbenfroh tobte sich der 1934 verstorbene Künstler im „Schlummerland“ aus. Die „Little Nemo“-Strips erschienen zwischen 1905 und 1911. Unter dem Namen „In the Land of Wonderful Dreams“ ging es dann bis 1914 in der amerikanischen Tageszeitung New York American weiter, bevor der Träumer in den Tiefschlaf verfiel. Zwischen 1924 und 1927 wurde die Reihe beim New York Herald wiederbelebt.

Pé beherrscht „Nemo“ im Schlaf

Nachdem Winsor McCays Original-Cartoons über die Jahrzehnte mehrfach neu aufgelegt wurden (darunter eine sechsbändige Ausgabe bei CARLSEN, die die ersten beiden Strip-Reihen abdeckt, und verschiedene wuchtige Gesamtausgaben von TASCHEN), arbeiteten sich im Laufe der Jahre mehrere namhafte Künstler an dem Stoff ab. Mitte der 90er brachte CARLSEN zwei Bände von „Die Träume des Little Nemo“ („Die Entführung des Königs“ und „Im Land der bösen Träume“) heraus. Hier arbeiteten der große Jean „Moebius“ Giraud und Bruno Marchand („Schritte ins Licht“, erschienen im ALL VERLAG) Hand in Hand. 2015 veröffentlichte SPLITTER dann mit „Little Nemo - Rückkehr ins Schlummerland“ die im gleichen Jahr mehrfach für den Eisner Award nominierte abgeschlossene Serie, die die begehrte Auszeichnung in dieser Kategorie auch einheimsen konnte. Inhaltlich ging Autor Eric Shanower komplett neue Wege und etablierte einen neuen „Nemo“. Als Zeichner fungierte der chilenische Künstler Gabriel Rodriguez, den man vor allem durch seine Arbeit an „Locke & Key“ und „H.G. Wells' Die Insel des Dr. Moreau“ (beides bei PANINI erschienen) kennt. Ich persönlich gehöre nicht zu Rodriguez‘ größten Fans, weshalb Joe Hills Mystery-Hit „Locke & Key“ für mich auch nur auf der Story-Ebene voll überzeugen kann. Nun gesellt sich ein weiterer Hochkaräter der Neunten Kunst in diese illustre Riege der Comic-Schaffenden: der Belgier Frank Pé, der seine Karriere in den 70er-Jahren beim „Spirou“-Magazin startete. Pé respektiert Winsor McCays Schöpfung in jeder Illustration. Er orientiert sich an der Aufteilung und beendet die einzelnen Seiten altbewährt mit dem Aufwachen Nemos im eigenen Bett. Zusätzlich baut er noch eine Meta-Ebene ein und illustriert den jüngeren Winsor McCay, der durch eigene Träume seinen kreativen Input bezieht. Eine sehr schöne Hommage in der Hommage. Insgesamt zieht sich ein leichter roter Faden durch den überformatigen Hardcover-Band, dem allerdings nicht immer leicht zu folgen ist. Abstrakte Traumwelten halt. Das Hauptaugenmerk liegt eh auf den wunderschönen Bildern, die dank der Größe und der hervorragenden Qualität von CARLSEN stets perfekt zur Geltung kommen.

Traumhafte Bilder

Man kann es nicht anders sagen, als dass Frank Pé mit seiner Interpretation von McCays Schöpfung den Nagel voll auf den Kopf getroffen hat. Liebevoll orientiert er sich am Original und vermischt den klassischen Stil mit seiner eigenen Zeichenkunst. Herausgekommen sind beeindruckende Traumwelten, die vor Fantasie nur so sprühen. Farbenfroh und wortwörtlich rahmensprengend. Sogar den buschigen Schwanz des palumbischen Fabelwesens Marsupilami kann man auf einer Seite erspähen, was zeigt, dass Pé sich hier voll und ganz freudig ausgetobt hat. Gemessen am Umfang zwar nicht ganz preiswert, fällt es allerdings schwer, den Band im Regal stehenzulassen, wenn man erstmal einen Blick ins Innere riskiert hat. Schöner kann man den Hut vor einem wegweisenden Eckpfeiler der Comic-Geschichte nämlich kaum ziehen.

Fazit:

Einleitungen von Frank Pé sowie Christelle und Bertrand Pissavy-Yvernault und eine Original-Seite von McCays „Little Nemo in Slumberland“ stimmen auf verdreht-phantastische Abenteuer im Land der Träume ein. Diesen Band kann man auch getrost zur Hand nehmen, um sich Story-unabhängig an den Bilderwelten von Frank Pé zu erfreuen. Ganzseitig, doppelseitig und in Panel-Form.

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