Text:   Zeichner: Philippe Wurm

Lady Elza - 1. Die Affäre Claudius

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Marcel Scharrenbroich
6101

Comic-Couch Rezension vonDez 2025

Story

Solide Krimi-Kost mit reichlich Wendungen, aber ohne echten Thrill. Die Figuren bleiben blass und können kaum Bindung zum Leser erzeugen.

Zeichnung

Das britische Flair kommt gut rüber. Ansonsten wenig Experimentierfreude, dafür aber charakterliche Vielfalt und stimmige Farben von Kolorist Bertrand Denoulet.

High Society, low Intensity

In der Upper Class brodelt es

Hurra, bald läuten die Hochzeitsglocken! Die blaublütige Lady Elza Rochester, die ihre erste Ehe mit dem Sportreporter Jack Lord in den Sand gesetzt hat, hat sich mit dem angesehenen Charles Montgomery Pendrock verlobt. Spross aus äußerst reichem Hause, der in (absehbarer) Zukunft ein gigantisches Vermögen erben soll. Nicht sofort nach dem Ableben des bettlägerigen Tantchens, sondern erst, wenn seine Gattin ihm einen strammen Buben gebärt. Da verwundert es schon, dass dem künftigen Erben bei der Testamentsverkündigung bei diesem Detail fast der Stock aus dem A**** rutscht, denn bei der hübschen Elza stehen die Junggesellen eigentlich Schlange. Der Grund des Schocks ist aber nicht das einzige Geheimnis, das Charles vor seiner Verlobten verbirgt.

Elza ahnt davon aber noch nichts und ist erstmal damit beschäftigt, dass auf der Heimfahrt der Party ihrer Schwiegereltern in spe ein tragisches Unglück passierte. Ihr Bekannter Anthony Bellock (welcher in der Geschichte die Rolle des Erzählers einnimmt) fuhr sie in der Nacht nach Hause, mähte aber in der Dunkelheit mit seinem Schlitten etwas nieder, das sich bei näherer Betrachtung als Appleby, der Butler der Pendrocks, entpuppte. Bellock, der nun unglaublich niedergeschlagen ist und sich selbst als Mörder brandmarkt, will wieder aufgerichtet werden. Zu diesem Zweck kontaktiert Elsa ihren Ex Jack, der den Tröster spielen soll. Nachdem sich aber herausstellte, dass Appleby zuvor erdrosselt wurde und bei dem Aufprall bereits tot war, braucht Jack selbst eine Schulter zum Anlehnen. Davon, dass seine Verflossene erneut vor den Traualtar treten will, wusste er bislang nämlich nichts. Ein weiterer Grund, die Pendrocks mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Jack lässt seine alten Kontakte spielen und deckt Machenschaften auf, die nicht nur ihn in große Gefahr bringen.

Titel-Heldin? Mitnichten, my dear.

Warum dieser Comic gerade den Titel „Lady Elza“ trägt, erschließt sich mir nicht so ganz. Zum einen ist sie bestenfalls eine Nebenfigur, die zwar für die Handlung der Motor ist, selber aber stark im Hintergrund bleibt. Zum anderen ist sie die ahnungsloseste Figur der ganzen Geschichte. Es wird an ihr vorbei-intrigiert und -ermittelt. Wo wir als Leser immerhin Schicht für Schicht der etwas verworrenen Story freilegen, fällt bei der oberflächlichen Madame der Penny erst sehr spät. Sympathiepunkte fährt sie derweil ebenfalls nicht ein. Der Originaltitel „Les Rochester“ passt deutlich besser, da spätestens am Ende klar wird, wie die Konstellation der Hauptfiguren in zukünftigen Abenteuern aussehen wird.

Eine gute Sache hingegen ist, dass der erste Band von SCHREIBER & LESER die komplette Geschichte beinhaltet, die im Original in zwei Alben veröffentlicht wurde. Die beiden Bände aus dem belgischen Verlag DUPUIS tragen die Titel „L'affaire Claudius“ und „Claudius ne répond plus“, während der Doppelband in der deutschen Übersetzung lediglich den Untertitel „Die Affäre Claudius“ trägt. Warum man für das Cover allerdings das Motiv des zweiten Bandes gewählt hat und das (deutlich stimmigere!) Originalmotiv von „L'affaire Claudius“ nun lediglich als Kapiteltrenner nutzt, ist ein weiteres ungelöstes Rätsel.

Stock im A****

Die Zeichnungen von Philippe Wurm sind genauso stocksteif, wie man sich das schwülstige Gehabe der oberen Zehntausend vorstellen würde. Ob die britische High Society in der Realität hinter verschlossenen Türen die Kuh fliegen lässt und den Tanz-mit-offener-Hose vollführt, kann man lediglich mutmaßen, aber in der Öffentlichkeit wird der starren Etikette gefolgt. Strikt nach Plan und hausgemachter Vorschrift. Und erstaunlicherweise passt diese versnobte Attitüde im künstlerischen Kontext sogar ziemlich gut, auch wenn wir hier diverse Abgründe schwarz auf weiß vorgelegt bekommen. Wurm folgt stilistisch der frankobelgischen Tradition, allerdings verortet im very-britischen Königreich. Inklusive zahlreicher Klischees und diverser Zutaten britischer Kriminalliteratur. Autor Jean Dufaux, bekannt durch „Die Abenteuer von Blake und Mortimer“ (CARLSEN), „Djinn“ (SCHREIBER & LESER) oder „Das Haus Usher“ (SPLITTER), scheint im Genre versiert und lässt kaum einen Schlenker aus. Doppelte Böden gibt es hier mehrfach, zwielichtige Gestalten an jeder Ecke und Leichen im Keller sowieso. Selbst der schönste Schein schlägt irgendwo tiefe Schatten, da helfen weder Adelstitel noch dicke Bankkonten. Die zahlreichen Charaktere jedoch, die Wurm optisch erfreulich unterschiedlich angelegt hat, hinterlassen keinen bleibenden Eindruck. Meist bewegen sie sich in moralischen Grauzonen, was kaum eine Figur nahbar macht, geschweige denn in einem guten Licht stehen lassen würde. Daher waren mir Elza Rochester, ihr schmieriger Charles und der ganze Rest der Geldsack-Sippschaft herzlich egal. Lediglich ihr Ex Jack hatte noch etwas Bodenständiges, dessen Motivation jedoch scheint ebenfalls aus dem Krimi-ABC zu stammen.

Fazit:

Ein recht unterhaltsames, aber nicht sonderlich spannendes Krimi-Verwirrspiel der klassischeren Art, bei dem kaum ein Klischee ausgelassen wird. Auf der Haben-Seite lässt sich noch verbuchen, dass „Die Affäre Claudius“ hier vollständig aufgeklärt wird. Der nächste Doppelband - mit dem Titel „Victoria und die Geister“ - ist bereits erhältlich.

Lady Elza - 1. Die Affäre Claudius

Jean Dufaux, Philippe Wurm, Schreiber & Leser

Lady Elza - 1. Die Affäre Claudius

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