Couch-Wertung

10
Story
Zeichnung

Story

Packend und sehr bewegend. Durch die clevere Rahmenhandlung entsteht ein flüssiges Leseerlebnis, das die wichtigsten Stationen im Leben des Boxers beleuchtet.

Zeichnung

Tusche-Zeichnungen auf höchstem Niveau. Mit sicherer Führung erweckt Kleist die Panels zum Leben.

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Marcel Scharrenbroich
Kampf über die volle Distanz

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Nov 2019

Kopftreffer

„Ein schwarzer, schwuler Boxer, der in Damenmode macht!!! Mir bleibt auch nichts erspart!!!“ spottet der Boxtrainer Gil Clancy, nachdem er seinen Schützling im Bett mit einem anderen Mann überrascht. Zu diesem Zeitpunkt ist Emile Griffith bereits Weltmeister im Weltergewicht. Eine kometenhafte Karriere, die eher zufällig und nicht durch sportlichen Ehrgeiz begann. Im Sommer 1956 arbeitet der athletische Bursche von der karibischen Insel Saint Thomas gerade als Lagerist in einer New Yorker Hutfabrik, als sein Vorgesetzter, Howard Albert, auf ihn aufmerksam wird. Der boxerfahrene Albert nimmt Emile kurzerhand mit und stellt ihm Gil Clancy vor, den Albert noch aus seiner eigenen aktiven Zeit kennt. Emile willigt nur ein, weil sein Boss das möchte und ist von eigenen Box-Ambitionen eigentlich weit entfernt. Er würde viel lieber Baseball oder Pingpong spielen, doch die ausgehenden 50er-Jahre bieten einem jungen schwarzen Sportler nicht die freie Auswahl.

Jackie Robinson, der 1946 als erster schwarzer Baseballspieler in der rein weißen amerikanischen Profiliga einen Vertrag bei den Brooklyn Dodgers bekam, war da noch eine Ausnahme. Erst nach und nach fielen die Schranken, auch wenn viele davon selbst heute noch in den Köpfen von verbohrten Nationalisten vorhanden sind, und afroamerikanische Top-Athleten mischten die NBA, NFL, die Leichtathletik und natürlich auch den Fußball auf. Man denke nur an Jesse Owens, Cassius Clay, Kareem Abdul-Jabbar, Earvin Johnson oder Michael Jordan… und eben Emile Griffith.

Da Emile recht naiv ist und es eigentlich nur jedem recht machen möchte, stolpert er als eher ungewollt in die Welt des Boxsports. Trotzdem hatte Albert Howard den richtigen Riecher, denn Griffith gewinnt seinen ersten Kampf direkt durch K.O. in der ersten Runde. Ehe er sich versehen kann, steigt er auf und die Karriere nimmt ihren Lauf. Der anfeuernde Jubel der Zuschauer, der Applaus und der Respekt, der ihm entgegengebracht wird, schmeichelt Emile und er sonnt sich im Ruhm. Endlich kann er seiner Mutter, die er selbst im hohen Alter noch liebevoll „Mommie“ nennt, ein kleines Häuschen finanzieren. Nebenbei frönt er noch seiner zweiten Leidenschaft und designt Damenhüte.

1961 tritt Griffith zum ersten Mal gegen den kubanischen Boxer Benny „Kid“ Paret in den Ring. Er besiegt Paret in der 13. Runde und holt den Weltmeistertitel. Die Karriere verläuft beispielhaft, doch der unterlegene Kubaner will die Niederlage nicht auf sich sitzen lassen…

Tiefschlag

Zum Zeitpunkt des Rückkampfes machen bereits Gerüchte über Emiles sexuelle Orientierung die Runde und Benny Paret nutzt diese, um seinen Gegner zu provozieren. Dies gelingt ihm auch und Griffith verliert das zweite Aufeinandertreffen. Nur sechs Monate später soll ein weiterer Kampf endgültig klären, wer der bessere Champ ist. Ein Kampf, den Emilie Griffith nie wieder vergessen wird… nie wieder vergessen kann.

Am 24. März 1962 treffen die Kontrahenten im Madison Square Garden zum dritten und letzten Mal aufeinander. Schon das Wiegen wird für Griffith zum Spießrutenlauf, sieht er sich doch erneut dem Spott und den Beleidigungen von Paret ausgesetzt. Mehr als 14 Millionen Zuschauer sind live dabei als die beiden Profis sich ein hitziges Gefecht liefern. Ein ausgeglichener Kampf auf Augenhöhe, bei dem bis zur 12. Runde alles möglich erscheint. In jener Runde treibt Griffith seinen Gegner in die Ringecke und prügelt auf ihn ein… unkontrolliert und wie von Sinnen. Das Publikum, die Trainer und selbst der Ringrichter, der unverständlicherweise nicht eingreift, sind geschockt. Dann bricht Benny „Kid“ Paret in der Ecke in sich zusammen. Noch an Ort und Stelle fällt er ins Koma und der Schrecken über das, was er gerade mit seinen Fäusten angerichtet hat, steht Emile ins Gesicht geschrieben. Ihm, der eigentlich keiner Fliege was zu Leide tun konnte. Ihm, der viel lieber Baseball oder Pingpong gespielt hätte… der es liebte, mit viel Kreativität Hüte zu gestalten und die Sonnenseite des Lebens bescheiden genossen hatte. Zehn Tage später erliegt Benny Paret seinen schweren Verletzungen. Er wird nur 25 Jahre alt.

Sieg nach Punkten

Mit „Knock Out!“ hat der deutsche Comic-Künstler Reinhard Kleist es erneut geschafft und eine Biografie vorgelegt, die ihresgleichen sucht. Nach „Cash - I see a Darkness“, „Castro“, „Elvis“, „Der Boxer“, „Der Traum von Olympia“ und „Nick Cave - Mercy on me“ hat er sich aufs Neue eine spannende Persönlichkeit vorgenommen und deren Lebensgeschichte in beeindruckende Bilder gefasst. Tiefschwarze Tusche auf blütenweißem Grund, mehr braucht es nicht, um das New York der vergangenen Tage und die harten Schläge innerhalb des Boxrings lebendig wirken zu lassen. Zumindest, wenn man das nötige Talent hat und weiß, wie es geht. Auf Reinhard Kleist trifft beides zweifellos zu.

Kleist nutzt die Ereignisse aus dem Jahr 1992, als Emile Griffith nach dem Verlassen einer Schwulenbar von homophoben Schlägern halbtot geprügelt wurde, um uns, den Lesern, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Doch nicht nur uns, sondern auch Benny Paret erzählt er seinen Werdegang. Dieser verfolgte den schuldgeplagten Boxer nämlich sein weiteres Leben lang. Er erschien ihm in seinen Träumen, stand nachts am Fuße seines Bettes und blickte ihn an, wenn er in den Spiegel sah. Seit den tragischen Ereignissen im Ring wollte Emile Griffith einfach nur vergessen. Vergessen, was er an diesem 24. März im Jahre 1962 getan hatte. Seine Karriere beendete er trotz dieses traumatischen Vorfalls nicht… wahrscheinlich, weil er sich sonst noch mehr mit seinen inneren Dämonen hätte auseinandersetzen müssen. Oder um nicht vergessen zu werden. Dennoch hielt er sich bis zu seinem Karriereende zurück und zog aus Angst vor einem erneuten Blutbad nicht mehr voll durch. Griffith bestritt insgesamt 112 Kämpfe und ging 85-mal als Sieger aus dem Ring. 23-mal gewann er durch… Knock Out!

Im Anhang des matten Hardcovers (mit Spotlack-Prägung im Schriftzug) aus dem Carlsen Verlag, findet sich noch ein lesenswertes Essay von Dr. Tatjana Eggeling, die sich auf mehreren Seiten dem Umgang mit Homosexualität und Homophobie im Sport widmet. Neben Fotos von Emile Griffith (1964 und 2005) finden sich noch Zeichenstudien von Reinhard Kleist, sowie ganzseitige Tusche-Gemälde.

Fazit:

Obwohl ich mit dem Boxsport nicht unbedingt viel am Hut habe (eher Baseball und Pingpong), hat mich diese Biografie bereits in der ersten Runde mit einem eingedrehten Leberhaken niedergestreckt. Reinhard Kleist erzählt die Geschichte von Emile Griffith in meisterhaft inszenierten Rückblenden, die durch das Gerüst - rund um den Übergriff auf Griffith im Jahr 1992 - perfekt getragen werden.

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