Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Abgefahrener Fiebertraum, der den Leser verstört und fragend durch die Story zerrt und dabei blendend unterhält. Hier scheint alles möglich.

Zeichnung

Stimmige und dynamische Zeichnungen mit wechselnder Farbpalette. Die Vermischung verschiedener Stile unterstützt den psychedelischen Ton der Geschichte und trägt beeindruckend durch die Handlung.

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Marcel Scharrenbroich
Eine psychedelische Reise ins Ich

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jan 2018

Der Puppenspieler von Hollywood

Der 1990 leider viel zu früh verstorbene Jim Henson dürfte den Meisten vor allem durch seine Arbeit an der „Sesamstraße“ oder der noch immer beliebten „Muppet Show“ ein Begriff sein. Dass der Herr der Puppen aber bereits in den 50er Jahren mit seiner ersten TV-Show „Sam and Friends“ auf Sendung ging und er sich dem experimentellen Filmemachen widmete, was ihm 1966 sogar eine Oscar-Nominierung für seinen Kurzfilm „Time Piece“ einbrachte, wissen die Wenigsten.

Nachdem die „Muppet Show“ nach fünf Staffeln im Jahr 1981 eingestellt wurde, ruhte Jim Henson sich nicht auf seinem Erfolg aus, nein… die Publikums-Lieblinge Kermit, Miss Piggy, Fozzy oder Gonzo tauchen bis heute in erfolgreichen Kino-Produktionen oder neuen TV-Formaten auf. Für Henson war die erfolgreiche Show (immerhin wurde sie in über 100 Ländern ausgestrahlt!) aber nach 120 Episoden beendet und er widmete sich anderen Projekten.

Nur zwei Jahre später erblickten „Die Fraggles“ das Licht der Welt, die wohl jedem Kind der 80er ein Begriff sein dürften und denen ich jetzt vermutlich einen Ohrwurm für die nächsten Tage verpasst habe.

1982 und 1986 übernahm Jim Henson außerdem noch die Regie über zwei Kinofilme und bescherte mir und Millionen anderer begeisterter Zuschauer ein paar unvergessliche Stunden: „Der dunkle Kristall“ war der erste abendfüllende Spielfilm, in dem ausschließlich Puppen agierten, und wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet. Vier Jahre später entstand „Die Reise ins Labyrinth“, der zunächst an den Kinokassen floppte, sich aber bis heute immer größerer Beliebtheit erfreut. Dort macht der unvergessliche David Bowie, begleitet von seiner Kobold-Armee, als deren König er fungiert und regiert, der jungen Jennifer Connelly das Leben schwer, während sie verzweifelt nach ihrem entführten Bruder sucht. Handgemachte, kreative Familienunterhaltung auf hohem Niveau.

Ein Film erblickte allerdings nie das Licht der Welt… „Tale of Sand“. Das in den 70ern vollendete Drehbuch von Henson und seinem Schreibpartner Jerry Juhl wurde von den damaligen Studios zwar positiv aufgenommen, doch verfilmen, bzw. finanzieren wollte es niemand. So landete die Geschichte in den tiefsten Tiefen der Archive der Jim Henson Company, wo sie ein jahrzehntelanges Dasein fristete. So lange, bis sie der langjährigen Firmenarchivarin Karen Falk in die Hände fiel und entschieden wurde, das filmische Konzept über Bord zu werfen und den Stoff als Graphic Novel zu veröffentlichen. Bei der Suche nach einem geeigneten Künstler, der das Werk von Henson und Juhl adäquat in Szene setzen sollte, fiel die Wahl auf den Ramón K. Pérez, was sich als absoluter Glücksgriff herausstellen sollte.

Der Kanadier hat unter anderem für die Verlage Archaia, bei dem auch „Tale of Sand“ im Original erschien, an „Mouse Guard“, für Marvel an „Uncanny X-Force“, „Hulk“, „The Amazing Spider-Man“ oder „All-New Hawkeye“ und für IDW an den „Teenage Mutant Ninja Turtles“ mitgewirkt. „Tale of Sand“ wurde gleich dreifach mit dem renommierten Eisner Award ausgezeichnet.

Vom Regen in die Traue in die Wüste

So weit, so gut… Allerdings kommen wir jetzt zum eigentlichen Problem: Wie erkläre ich die Handlung von „Tale of Sand“? Nicht etwa, dass ich mir Sorgen mache, zu viel von der Geschichte zu verraten… eher fällt es mir schwer, das Gelesene, bzw. Gesehene in Worte zu fassen. Direkt nach der ausführlichen Einleitung von Archivarin Karen Falk, unterlegt mit Seiten aus dem Original-Drehbuch, wird der Leser in eine Story geworfen, die abstruser, verworrener und mysteriöser nicht sein könnte.

Nach einem Marsch durch die Wüste im Südwesten der USA erreicht unser Hauptprotagonist Mac, ein durchschnittlicher Typ mittleren Alters, ein kleines Kaff mitten im Nirgendwo. Sichtlich erstaunt findet er sich unter lachenden, tanzenden und feiernden Menschen wieder, die ihn aufs Herzlichste in Empfang nehmen. Noch erstaunlicher ist allerdings die Tatsache, dass es den Anschein macht, als wäre sein Eintreffen der Anlass für das ausgelassene Treiben. Wie ein Held wird Mac gefeiert, inklusive Fotos und Autogrammwünschen, während er auf den Schultern der jubelnden Menge quer durch die Stadt getragen wird. Unter tosendem Applaus kommt der verstörte Mann beim örtlichen Sheriff an, wo ihm offeriert wird, dass ein großer Tag bevorsteht.

Ausgestattet mit einer Karte und einem Rucksack, dessen merkwürdiges Inventar ihn bei seiner kommenden Reise unterstützen soll, bekommt Mac einen Vorsprung von zehn Minuten, um sein auf der Karte markiertes Ziel zu erreichen und in angeblicher Sicherheit zu sein. Zehn Minuten Vorsprung… auf was? Auf wen? Zwei gute Fragen, die uns als Leser aber erstmal genauso ratlos zurücklassen, wie den guten Mac. Unter frenetischem Jubel macht der Ahnungslose sich auf den Weg zum Startpunkt.

„Got a Light?“

Mac, dessen einziges Ziel es zu sein scheint, sich eine simple Zigarette anzuzünden, an dem er allerdings im Verlauf der Geschichte mehrfach gnadenlos scheitert, übertritt die Startlinie. Zehn Minuten Vorsprung… Es ist schon ein recht surrealer Anblick, den Mann, dem von der freudigen Masse noch schnell ein Strauß Blumen und ein überdimensionaler Schlüssel in die Hand gedrückt wurde, wie von der Tarantel gestochen Loshechten zu sehen… Loshechten in eine ungewisse Zukunft… auf ein ungewisses Ziel.

Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht zur Geschichte verraten, denn wenn ich behaupten würde, dass Mac auf seiner surrealen Odyssee durch das Ödland von wilden Löwen, Haien, Arabern, Footballspielern und einem undurchsichtigen Mann mit Augenklappe attackiert und gejagt wird, würde mir das doch eh niemand glauben… oder?

Optisch herausragend, wenn auch verwirrend

Wie eingangs bereits erwähnt, war die Wahl des Zeichners goldrichtig! Ramón K. Pérez dynamischer und sauberer Stil fängt die wahnwitzige Atmosphäre dieser surrealen Tour de Force perfekt ein. Jede Seite, bzw. Doppelseite gleicht einem Kunstwerk, bei dem sich die klassisch-cartoonesquen Zeichnungen des Künstlers mit fein ausgearbeiteten Motiven ergänzen. Der Übergang ist teils fließend, steht sich aber auch nicht selten als direkter Kontrast gegenüber, was den surrealen und verschrobenen Touch der Geschichte noch unterstreicht. Auch die Farbgebung gestaltet sich ungewöhnlich, aber jederzeit passend. Warme Pastelltöne und wechselnde, bunte Farbaspekte geben sich die Klinke in die Hand und überraschen nach jedem Umblättern aufs Neue.

Einzig die ungewöhnliche Panel-Aufteilung macht es dem Leser des Öfteren schwer, den Überblick über die eh schon konfuse und verwirrende Handlung zu behalten. Klassischen Konventionen wird hier (wie übrigens bei allen Aspekten des Buches) nicht gefolgt. Von gewohnten Einzelbildern und klaren Strukturen, bis hin zu panel- und seitenübergreifenden Szenen ist alles dabei, was sich auch hier und da bei den Sprechblasen bemerkbar macht, die gesprochene Texte teilweise überdecken und geradezu verschlucken. Diesen Punkt empfand ich allerdings als sehr erfrischend und passend. Da ich „Tale of Sand“ eher als Artbook mit (wenig) Text bezeichnen würde, lässt sich die Panel-Problematik schon verschmerzen, denn Kunst lässt sich nicht einsperren oder in festgelegte Formen pressen… und Kunst wird hier allemal geboten.

Der eindrucksvolle Hardcover-Band von dani books wird seinem Inhalt absolut gerecht und kommt optisch und haptisch sehr hochwertig daher. Die erste Auflage ist auf 1500 Exemplare limitiert und verschönert allein durch ihr edles Design jedes Bücherregal.

Fazit:

Jim Hensons unverfilmtes Drehbuch hat mit dieser Graphic Novel ohne Zweifel seine gebührende Plattform gefunden und zeigt eindrucksvoll, wie vielschichtig der Puppen-Vater zu Lebzeiten war. Ein surreales, humorvolles Mystery-Abenteuer, das jegliche Logik über Bord wirft und Seite für Seite aufs Neue überrascht.

Nach dem Beenden dieser skurrilen Geschichte dürfte es niemanden verwundern, dass den damaligen Filmstudios das Risiko einer Investition zu groß war, denn lange vor den erfolgreichen Abstechern in die Tiefen der menschliche Psyche, durch  Regisseure wie David Lynch oder David Cronenberg, wandelte ein Genie namens Jim Henson auf diesen fiebertraumartigen Pfaden.

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