Visuelle Dystopie ohne klassische Comic-Erzählung
Es ist mal wieder eine typische Endzeitprämisse, die Inexistenzen zugrunde liegt: Die Menschheit liegt in Trümmern. Wenige Überlebende ziehen durch bedrohlich wirkende Schnee- und Eislandschaften. Überreste gigantischer Gebäude und Waffenkonstruktionen zeugen von einem gewaltigen Konflikt, der kaum Hoffnung hinterlässt.
Zwischen Ruinen und Schweigen
Auch wenn der französische Journalist Numa Sadoul im Vorwort nicht nur Becs Gesamtwerk würdigt, sondern auch dessen neues Werk ausdrücklich lobt, so ist der auf derartiges Genre spezialisierte Bec hier vielleicht mit seinem ambivalentesten Werk unterwegs, bei dem er sowohl Szenario als auch die Zeichnungen entworfen hat. Denn es enthält am Ende tatsächlich recht wenig Comic. Ganz ohne Sprechblasen geht es über das erste Drittel hinaus. Dann gibt es zum Ende ein kurzes Kapitel, das sich als - nicht gerade glücklich bebilderte – Kurzgeschichte präsentiert. Und so bricht Bec bewusst mit Stilen, verleiht der Geschichte auch darüber eine eigenwillige Struktur.
Zunächst aber fesseln uns eindrucksvolle Szenerien an die Seiten. Christophe Bec setzt auf weite Panoramen – die durch drei aufklappbare Seiten zusätzlich betont werden - mit feinen Details und enormer Tiefe. Eine düster stimmungsvolle Farbpalette und sorgfältig komponierte Panels, in den sich das Trostlose, Karge wie ein ästhetisches Leitmotiv durch das Werk zieht, verleihen der Inszenierung eine wuchtige Monumentalität. Aber: Diese Bilder wiederholen sich in ihrer Wirkung und mit der Zeit nutzt sich dieser Reiz etwas ab.
Apropos Geschichte: Die ist fragmentiert, inhaltlich mehr als dünn und steht der visuellen Kraft der Bilder entsprechend entgegen. Wir begleiten aus der Ferne kleine Gruppen und Personen ohne echte Nähe zu den Figuren – selbst die vermeintliche Hauptfigur, Sol, bleibt schließlich blass. Erst gegen Ende öffnet sich ein Fenster in die Vergangenheit, als Natur, Leben und Menschlichkeit noch nicht ausgelöscht waren. Und wir sollen erfahren, warum die Erde heute in diesem Zustand ist. Eine Ahnung von Hoffnung keimt auf – symbolisiert durch ein rätselhaftes blaues Kind. Doch auch diese metaphorischen und mystischen Elemente bleiben zu vage, um tragfähig zu sein. Statt Identifikation oder Mitgefühl bleibt Staunen – und Distanz.
Fazit:
Inexistenzen präsentiert sich weitestgehend als visuelle Dystopie und Endzeit-Vision ohne klassische Comic-Erzählung. Der Verfall der Menschheit ist mit großer formaler Wucht, aber ohne inhaltlich mitreißende Substanz inszeniert. Statt spannender Handlung und klarer narrativer Linie gibt es vor allem großartige und dichte Atmosphäre. Es entsteht beinahe der Eindruck eines Konzeptalbums: ein großes Thema, aufgebrochen in einzelne ausdrucksstarke Motive.

Christophe Bec, Christophe Bec, Splitter


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