Ich, der Verrückte

Erschienen: April 2021

Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Spannend, originell und klug wird die Form des Thrillers genutzt, um verschiedene Positionen gegenüber geistiger Krankheit zu durchleuchten.

Zeichnung

Anspruchsvoll und eigen, aber ebenso einzigartig, atmosphärisch und stimmig. Besonders die künstlerisch hochwertigen Albtraumsequenzen haben es in sich!

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Yannic Niehr
Windmühlen oder Riesen ..?

Comic-Rezension von Yannic Niehr Jun 2021

Ángel Molinos, einstiger Theaterautor, hat sich einer anderen Form des kreativen Schreibens zugewandt: Er arbeitet bei Otrament, einer psychiatrischen Forschungseinrichtung, die darauf spezialisiert ist, für den Mutterkonzern Pfizin – ein expandierender „global player“ der Pharmaindustrie – neue Krankheitsprofile zu erstellen (man könnte auch sagen: zu erfinden; ein Schelm, wer Böses dabei denkt), um aus dem in der Gesellschaft immer stärker verbreiteten Hang zum Neurotizismus Kapital zu schlagen und möglichst noch mehr Medikamente an den Mann zu bringen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs …

Ángel ist allerdings selbst psychisch nicht ganz auf der Höhe: Traumatische Kindheitserlebnisse haben unauslöschliche Spuren in ihm hinterlassen, er hadert mit der eigenen Sexualität – und er wird seit geraumer Zeit von immer schlimmer werdenden Albträumen und Wahnvorstellungen geplagt, die zunehmend die Grenze zwischen Vorstellung und Realität überschreiten und ihn mehr und mehr zermürben. In dieser instabilen Phase beginnt er, an seiner Arbeit zu zweifeln. Von seinem neuen Kollegen Narciso werden Ángel vertrauliche Dokumente zugespielt, welche die dubiosen Machenschaften der Firma belegen. Kurz darauf findet er die abgetrennte Hand Narcisos an seiner Wohnungstür. Otrament macht keine Gefangenen.

Ausgerechnet jetzt steht eine wichtige Konferenz in Paris an, auf welcher ein umfassendes neues Profil vorgestellt werden soll, das auf einen möglichst großen Teil der Menschheit passen muss. Ángel soll eine wichtige Rolle bei dieser Konferenz einnehmen und wird dabei in die Machtspiele zwischen seiner Vorgesetzten Beatriz und Geschäftsführer Martín hineingezogen. Hier wittert er seine Chance, insgeheim Informationen zu sammeln, um schließlich genug für eine Anzeige gegen Otrament in der Hand zu haben. Doch je weiter sich Ángel verstrickt in ein Komplott aus Intrigen, Lügen und Mord, desto mehr stellt sich die Frage: Was ist Wahn? Was ist real? Und wer ist hier eigentlich der Verrückte ..?

„Es sind die anderen, die einen verrückt machen“

Ich, der Verrückte ist Teil einer Trilogie voneinander unabhängiger, doch geistesverwandter Geschichten, die mit Ich, der Mörder ihren Anfang nahm (der Abschlussband Ich, der Lügner ist in Arbeit). Dahinter stehen die geballten Talente des Ausnahmekünstlers Keko aus Madrid und des produktiven Comic-Autors Antonio Altarriba, der außerdem eine Professur für französische Literatur an der Universität des Baskenlandes innehat. Mit diesem Band haben die beiden einen packenden, originellen und hochintellektuellen Thriller geschaffen, an dem kein Weg vorbeiführt.

„Ich merke, dass in meinem Kopf etwas ausgelöst wurde … etwas Formloses, Dunkles, das mein Gleichgewicht bedroht“

Ich, der Verrückte ist ein Thriller, der die Bezeichnung „noir“ wirklich verdient: Kekos Zeichenstil voller Tuschetupfer, tiefschwarzer Flächen und harter Kontraste sucht seinesgleichen und spiegelt raffiniert Ángels Perspektive wider, die immer kurz davor scheint, in absolute Paranoia umzukippen. Die kantige Linienführung tut ihr Übriges dazu, die Welt innerhalb dieser Graphic Novel zwar realistisch und vertraut, gleichzeitig aber surreal, unwirtlich und düster zu gestalten. Die Albtraumszenen (in denen Ángel immer nackt = höchst vulnerabel dargestellt ist) strotzen vor solch wilder Ausdruckskraft, dass sie einem nicht nur einen Schauer über den Rücken jagen, sondern sich auch tief in Hirn und Herz bohren. Bei allem Horror bleibt das Figurendesign differenziert und detailverliebt. Letzteres trifft auch insbesondere auf die Hintergründe zu. So sieht z.B. das Selbstporträt van Goghs in Ángels Büro wie ein schwarz-weißer Nachdruck des echten Gemäldes aus.

„Gesetze und Diagnosen verfolgen das gleiche Ziel, nämlich die Regulierung und gewissermaßen die Uniformisierung des Verhaltens“

Die Graphic Novel ist clever durchkomponiert. Die Bewandtnis von Ángel Molinos‘ klingendem Namen ist dafür nur ein Beispiel; der kleine, aber starke Twist bezüglich der unangenehmen, gelben Akzente (die einzige Farbgebung im gesamten Comic), die sich durch die Story ziehen, ein weiteres. Trotz des sehr dynamischen, beinahe schon filmreifen Flusses möchte man am Ende fast noch mehr. Doch sitzt hier jeder emotionale Paukenschlag. Die Handlung selbst, wenn auch nicht gerade subtil, bietet außerdem reichlich Gesprächsstoff, ist sie doch eine beißende Kritik an der Pharmaindustrie bzw. überhaupt an den mächtigen Großkonzernen, die nach außen ein sauberes Image pflegen, aber für den Profit über Leichen gehen. Gleichzeitig steckt in der Geschichte auch eine Warnung: In Zeiten von Social Media ist die Neigung zum Vergleich mit anderen – und damit zu Selbstzweifeln – groß, der Weg in ein psychisches Ungleichgewicht nicht weit. Ich, der Verrückte zeichnet ein unschönes Bild davon, wie eine zunehmende Pathologisierung der Gesellschaft den geistig gesunden Menschen unmöglich macht und Individualität zur Krankheit erklärt – ein schmaler Grat. Vor allem ist diese Graphic Novel aber eines: ein unterhaltsamer Thriller über einen totalen, inneren Zusammenbruch.

Fazit:

Ich, der Verrückte ist ein inhaltlich wie ästhetisch extremer – und extrem guter – Thriller, der auf der einen Seite interessanten und weitreichenden Subtext bietet, auf der anderen die gut erzählte Geschichte eines Mannes, der in den Wahnsinn getrieben wird. Verschachtelt, kafkaesk, virtuos!

Ich, der Verrückte

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