Gelungene Fortführung… mit kleinen Schwächen
„Tote machen mich krank.“
EVA IST WIEDER DA!!! Ihr erinnert euch bestimmt noch an die quirlig-verdrehte Psychiaterin Eva Rojas aus Jordi Lafebres kunstvollem Meisterwerk „Ich bin ihr Schweigen“, welches nicht nur in einer ganz hohen Liga im Comic-Medium spielt, sondern auch als Liebeserklärung an das Cozy-Krimi-Genre überzeugen konnte. Was… nicht? Dann holt das bitte UNBEDINGT nach! Ich warte so lange… *dum-di-dum-di-dum-di-dum* So. Fertig? Gut. Also:
Der stadtbekannte und einschlägig vorbestrafte Neonazi Riqui Mazas hat den Abflug gemacht. Wortwörtlich. Einen offensichtlichen Kopfsprung in eine frische Zementgrube auf einer Baustelle hat er nicht wirklich gut überstanden. Über Nacht gut eingetrocknet, ragen nur noch seine fein tätowierten Beinchen in die Höhe, als die Vize-Inspektorin Merkel und ihr Kollege Garcia am Tatort eintreffen. Da Freud und Leid oft nah beieinander liegen, ist Merkel zuerst höchst erfreut, dass es eine Augenzeugin zu geben scheint. Das lichtet sich schnell, als sich herausstellt, dass es sich dabei um Eva Rojas handelt. Ihr letztes Aufeinandertreffen ist vor allem der erfahrenen Polizistin im Gedächtnis geblieben. Eine vergleichbare Dynamik kennt man höchstens zwischen Inspektor Clouseau und Charles Dreyfus… oder Nitro und Glycerin. Um eine Aussage zu machen, besteht Eva jedenfalls darauf, dass dies in Anwesenheit ihres Psychiaters Doktor Llull geschieht. Da dieser bei der nächsten Sitzung eh fragen wird, wie ihre Woche denn so war, kann man den ganzen Bums auch gleich in einem Abwasch erledigen, oder?
Und so kommt es dann auch: In der Praxis von Doktor Llull redet sich Eva (erneut) die jüngsten Ereignisse von der Seele. Darunter ein Gespräch mit ihrer entfremdeten Mutter, mehrere Plaudereien mit verstorbenen Familienmitgliedern und ihre Jagd nach einem urplötzlich verschwundenen Fußball-Talent, welches wiederum ein Therapie-Patient von Eva war und nun von den Vereinsverantwortlichen dringend gesucht wird. Ach ja, und ein Haufen Nazis, von denen einer ersoffen im Zement endete. UUUUND – last but not least – eine heiße Nacht mit einer der momentan anwesenden Personen. Auweia… was für ‘ne Woche.
Das liebenswerte Chaos auf zwei Beinen
„Ich bin ein verlorener Engel“ steht seinem grandiosen Vorgänger in (fast) nichts nach. Lafebres Zeichnungen sind erneut eine Wucht. Ich kann mich daran nicht sattsehen, wenn Gestik und Mimik so perfekt dargestellt werden, dass sich daran der komplette Charakter einer Figur ablesen lässt. Eva Rojas ist dabei ein Paradebeispiel für „show, don’t tell“, denn die Art, wie sie Blicke, verschmitztes Lächeln oder auch vollen Körpereinsatz nutzt, um sich entweder Ausdruck zu verleihen oder ihr Gegenüber gekonnt zu umgarnen/beeinflussen, ist auf der künstlerischen Ebene fast schon einzigartig. Die Beschreibung einer leidenschaftlichen Nacht, lediglich dargestellt durch Evas Handbewegungen, ist dann noch ein humorvolles Highlight. Zu sehr sollte sich Lafebre aber nicht auf den Kauzigkeits-Bonus seiner Hauptfigur verlassen, sollte ein dritter Band (wovon man ziemlich sicher ausgehen kann) angekündigt werden. Der eigentliche Kriminalfall, der mit gesellschaftspolitischer Würze fast schon überkocht wurde, hat zwar hier und da ein paar Wendungen, wirkt aber austauschbar, ohne Eva Rojas als Hauptfigur weiter nach vorne zu tragen. Da ist die Nebenhandlung um ihre Mutter schon interessanter, aber da werden wir wohl noch warten müssen, bis sich hier ein größeres Bild ergibt.
¡Cuidado, Señor!
Den höchsten Wohlfühl-Pegel erreicht „Ich bin ein verlorener Engel“ nicht ganz, denn dafür ist das Stadt-Setting einfach zu rau. Die gemütlich-entspannte Atmosphäre, die wir im Vorgänger noch auf dem Luxusanwesen der Schaumwein-Dynastie hatten, wird durch Großstadt-Flair und nächtliche Ausflüge an zwielichtige Orte ersetzt. Das fällt im Gesamteindruck nur bedingt ins Gewicht. Es ist eher die logische Konsequenz, dass wir Eva nun in ihrem natürlichen Lebensraum begleiten. In „Ich bin ihr Schweigen“ war sie mit ihrem über-selbstbewusstem Auftreten fast schon ein Fremdkörper in der Schickimicki-Gesellschaft, was der Culture-Clash-Komik noch etwas extra Pfiff gab. Aber Eva wäre nicht Eva, wenn sie nicht selbst im größten urbanen Dschungel und unter den schrägsten Vögeln bleibenden Eindruck hinterlassen würde. Überzeichnen darf Lafebre die Figur in Zukunft aber nicht, sonst drohen schneller Abnutzungserscheinungen als uns lieb sein kann!
Wer den Vorgänger also mochte (und ich kann mir kaum vorstellen, dass es Comic-Liebhaber gibt, die da zeichnerisch oder erzählerisch abwinken würden), kann ziemlich bedenkenlos zugreifen, denn an der eigentlichen Formel hat sich wenig geändert. Bleibt zu hoffen, dass Jordi Lafebre bei einer Weiterführung einen kreativen Weg einschlägt, um sich auf die Stärken der Reihe zu fokussieren.
Fazit:
Jordi Lafebre liefert erneut großartige Kunst ab. Eine zwar gekonnte, vielleicht aber zu formelhafte Weiterführung, in der wir immerhin mehr über Eva Rojas und ihre Familie erfahren. Auch wenn sich das Setting geändert hat und der eigentliche Kriminalfall beliebig austauschbar erscheint, bleibt die Handschrift des Spaniers, was Zeichnungen, Erzählstil und Handlungsablauf betrifft, unverkennbar. Und den Spagat zwischen perfekt getimten Humor (in Wort und Bild!) und dem schwierigen Pflaster von psychischen Erkrankungen muss man auch erstmal wagen.

Jordi Lafebre, Jordi Lafebre, Splitter



Deine Meinung zu »Ich bin ein verlorener Engel - Ein Barcelona-Krimi (2)«
Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!