Hyde Street - Band Eins
- Skinless Crow
- Erschienen: März 2026
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Kenne deine Nachbarn!
Seelenjäger
Es gibt Straßen, die man besser nicht betritt. Glaubt mir, ich komme aus Duisburg und kenn mich da aus… von tieffliegenden Kugeln, über Klingen bis hin zu Schlappen kann – je nach Tagesform der Akteure – so ziemlich alles zum Arsenal gehören, mit dem da so hantiert wird. Ein paar gefühlte Meter weiter, in der Hyde Street, erreicht das Gefahrenpotential aber nochmals gänzlich andere Level. Diese Straße mag auf den ersten Blick unscheinbar und harmlos vorkommen, lockt aber nicht von ungefähr ein ganz bestimmtes Publikum an: Sünder. Nicht diejenigen, die vielleicht mal eine rote Ampel überfahren oder Omi nicht über die Straße geholfen haben, sondern die richtig schweren Brocken. Mörder, Betrüger und sonstiges Geschmeiß mit allerschlechtesten Lebensläufen. Und haben die sich einmal in die Hyde Street verirrt, liegen die Chancen extrem hoch, dass sie sie nicht wieder lebendig… oder in einem Stück... verlassen. Dafür sorgen einige schräge Gestalten, die eigentlich alle ihr ganz eigenes Päckchen zu tragen haben, aber aus nachvollziehbaren Gründen darauf brennen, den Bodycount nach oben zu schrauben.
Im Prinzip sind die Spielregeln in der Hyde Street recht einfach: Die sogenannten „Bewohner“ stehen im Dienst des mysteriösen „Punktrichters“, mit dem sie quasi einen Deal ausgemacht haben. Sie liefern ihm 10.000 Opfer. Im Gegenzug erhalten sie die Chance, wieder in ihr reales, altes Leben zurückzukehren. Festgehalten wird der aktuelle Stand auf einem Scoreboard. Auf dem unangefochtenen Spitzenplatz befindet sich Pip „Pranky“ Peabody. Ein sehr, sehr junger Pfadfinder. Ein Kind… aber abgebrüht wie eine Horde losgelassener Serienkiller und ohne jegliche Empathie für die, die er ins Jenseits befördert. Moralisch vielleicht in einer Grauzone, denn verdient haben seine Opfer es allemal. „Prankys“ aktueller Punktestand liegt bereits bei über 18.000 und man muss kein Mathe-Genie sein, um zu erkennen, dass er sich seine Freikarte damit längst erarbeitet hätte, doch der Bursche denkt gar nicht daran, die Hyde Street wieder zu verlassen. Warum? Das könnt ihr ihn schön selbst fragen… ICH quatsch den kleinen Irren bestimmt nicht schräg von der Seite an!
Mit seinem zweifelhaften Enthusiasmus ist „Pranky“ anderen „Bewohnern“ ein Dorn im Auge, schnappt er ihnen doch regelmäßig die Seelen vor der Nase weg. Besonders dem früheren windig-skrupellosen Verkäufer Frederick Xavier Ray, alias „Mr. X-Ray“. Der ist der ärgste Konkurrent des Jungen, wünscht er sich doch nichts mehr, als irgendwann seine Tochter wiedersehen zu können. Keine Frage, dass die ungleichen „Bewohner“ immer wieder aneinandergeraten. Doch auch die in Ungnade gefallene Fitnesstrainerin Glee Goodbody hat es auf einen baldigen Ausweg aus diesem nicht enden wollenden Albtraum abgesehen. Aus unerfindlichen Gründen kann sie ihren Shop nicht verlassen, steht aber nur noch zwei Seelen-Punkte von ihrem Ziel entfernt. Auch sie steht im Kleinkrieg mit „Pranky“, der sich seinerseits den unsicheren wie hochgewachsenen Schauspieler Oscar Oddman als neuen Spielball für seine Schandtaten ausgesucht hat. Einst sollte Oddman Frankensteins Monster verkörpern und… sagen wir mal so, die Rolle ist mit ihm ge- bzw. verwachsen. In ihm schlummert eigentlich ein guter Kern, verweigert er sich doch standhaft der Aufgabe des „Punktrichters“. Zumindest noch. Denn eines ist sicher, die „Bewohner“ der Hyde Street scheinen für viele Überraschungen gut. Und wir haben gerade erst angefangen, ihnen bei ihrer Arbeit über die Schultern zu schauen…
„Junge, ich liebe diese Straße.“
- Ricky Butler
US-Lesern kann ich nur immer wieder raten, die Augen abseits von MARVEL und DC schweifen zu lassen. Nichts gegen gepflegte Superhelden-Keilereien, die beide Verlage in den letzten Jahren vor allem durch ihre eigenständigen „Ultimate“ (MARVEL) und „Absolute“ (DC) -Erweiterungen mit frischem Wind beleben konnten, doch die momentane Event- und Crossover-Überflutung macht die Cash-Grab-Praxis der großen Player nur allzu deutlich. DCs „Absolute“-Universum legt aber gerade erst so richtig los, was uns noch einige Überraschungen in diesem ganz eigenen Kosmos bescheren dürfte. Jedoch waren es in letzter Zeit vorrangig immer wieder Indie-Verlage, die mit vielversprechenden Stoffen und echten Geheimtipps voller Innovationen um die Ecke kamen. Allein in den letzten Monaten sorgten neue Serien wie „White Sky“ (IMAGE), „D’ORC“ (IMAGE), „51“ (MAD CAVE), „Narco“ (IMAGE), „Florida Hippopotamus Cocaine Massacre“ (MAD CAVE), „Nectar“ (VAULT COMICS), „Is Ted OK?“ (MAD CAVE) oder die erste Graphic-Novel-Umsetzung der Bestseller-Romane „Dungeon Crawler Carl“ (VAULT COMICS) für Furore auf dem Comic-Markt. Teils arg befeuert durch einen Hype im Netz und der dadurch entstandenen „fear of missing out“ (= FOMO), was letztendlich aber zu leeren Händlerregalen und entsprechend teuren Verkäufen auf dem Zweitmarkt führte. Das kann man nun so oder so sehen, aber der Comic-Markt sendet damit deutliche Lebenszeichen. Und man muss auch nicht zwingend in irgendeinen Hype-Train einsteigen, um in der bunten Landschaft auf jeder Welle mitzuschwimmen. So gut wie jeder, der sich ernsthaft wie leidenschaftlich im Medium bewegt, wird Neulingen raten „Lest, was euch gefällt“, und das ist der wichtigste Ratschlag überhaupt. Meist gibt es vorab Lesepropen zuhauf, was für US- wie deutsche Verlage gleichermaßen gilt. Fündig sollte man dort – quer durch sämtliche Genres – immer werden, sofern man, wie bereits angemerkt, mit offenen Augen durch den Veröffentlichungs-Dschungel streift.
Dass selbst alten Hasen mal ein Titel durchrutschen kann, beweist gerade „Hyde Street“ eindrücklich. Irgendwie ist mir die US-Veröffentlichung im Herbst 2024 durch die Lappen gegangen, was eventuell daran liegen könnte, dass „Hyde Street“ unter dem IMAGE-Banner „Ghost Machine“ erschienen ist, welches zahlreiche neue Serien schmückt… dazu aber gleich erst mehr. Neuen, interessant klingenden #1-Heften bin ich generell nicht abgeneigt und riskiere meist einen Blick, doch erklären könnte ich mir mein blindes Auge damit, dass nicht abzusehen war, inwieweit sich diverse Serien überschneiden, was schnell nicht nur den finanziellen Rahmen für einen Blindkauf gesprengt hätte.
Nun, mit der deutschsprachigen Trade-Veröffentlichung von SKINLESS CROW, weiß ich es besser, denn „Hyde Street“ ist großartig! Autor Geoff Johns (bekannt für „Green Lantern“, „Flashpoint“, „Forever Evil“, „Infinite Crisis“, „Doomsday Clock“) hat eine unglaublich interessante Ausgangssituation zwischen Realität und Albtraum erschaffen, die einen als Leser im Handumdrehen in ihren Bann zieht. Identifikationsfiguren sucht man (zum Glück!!!) vergeblich, doch als stiller Beobachter bewegt man sich trotzdem mit morbider Freude durch den blutigen Spaß. Der erste Sammelband enthält die ersten sieben US-Hefte und erweitert das illustre Ensemble stetig. Nach dem Cliffhanger sollte klar sein, dass das Ende der Fahnenstange bei der Vorstellung weiterer Charaktere noch längst nicht erreicht ist. Und ich bin schwer gespannt, welche Geheimnisse die „Bewohner“ noch umwehen.
Den Job der künstlerischen Umsetzung teilen sich Ivan Reis und Francis Portela, die beide ordentlich abliefern. Reis hat die Nase (in den Kapiteln 1-4 und 7) aber vorn, denn das Spiel mit den Schattierungen (großes Lob auch an den Inker Danny Miki) beherrscht er deutlich besser. Die Charaktere sind ausdrucksstark, die Welt vollgepackt und bedrohlich düster. Für eine monatlich erscheinende Heft-Reihe ein ganz, ganz hohes Niveau!
Der Geist in der Maschine
„Ghost Machine“ ist bei IMAGE ein sogenanntes Shared-Universe. Soll heißen, dass alle creator-owned Reihen, die mit diesem Label versehen sind, in einem Universum spielen, aber unabhängig voneinander gelesen werden können. Diese Info ist gerade für Leser wichtig, die sich ausschließlich auf dem deutschsprachigen Markt bewegen. Denn bis auf die erste Mini-Serie von „Geiger“, die bereits im Sommer 2022 von CROSS CULT veröffentlicht wurde (und mittlerweile als fortlaufende Serie fester Bestandteil im US-Angebot von „Ghost Machine“ ist) und „Junkyard Joe“ (ebenfalls bei CROSS CULT erschienen) ist es bedrückend still, was Titel für den hiesigen Markt angeht. CROSS CULT, die einen strukturellen Wandel durchlaufen haben, gaben bereits bekannt, dass viele Reihen nicht mehr weitergeführt werden. Das betrifft auch Titel aus dem „Ghost Machine“-Kosmos.
Mit „Hyde Street“ nimmt nun der SKINLESS CROW Verlag Anlauf, dies zu ändern. Ein weiterer Grund zur Freude, denn einer der „Ghost Machine“-Starttitel, „Rook: Exodus“ von Geoff Johns und Jason Fabok, wurde bereits für 2026 bestätigt. Gerne mehr davon!
Der eigentliche Startschuss für das Shared-Universe fiel im Januar 2024 mit dem One-Shot „Ghost Machine“, in dem die ersten eigenständigen Reihen und Kreativ-Teams vorgestellt wurden. Darunter „Geiger“, „Redcoat“ (hier ist sogar schon eine Verfilmung in Planung), „The Rocketfellers“, „Hornsby & Halo“, „Rook: Exodus“ und eben „Hyde Street“. Zu Letzterem erschienen bereits die Spin-offs „Devour“ und „Sisterhood“. Außerdem veröffentlicht IMAGE aktuell mit „Ghost Machine: The Official Guidebook“ eine fünfteilige Reihe, um neuen und gelegentlichen Lesern die Zusammenhänge zu erklären. Vielleicht ein guter Startpunkt, um sich mit der wachsenden Welt der „Ghost Machine“ vertraut zu machen.
Fazit:
Wer fiesen, augenzwinkernden Horror mag, kommt um die „Hyde Street“ nicht vorbei. Die Story zieht einen sofort in ihren Bann und nimmt sich angenehm Zeit, um den Mikrokosmos rund um die „Hyde Street“ Stück für Stück um neue Charaktere, ihre Geschichten und Geheimnisse zu erweitern. Toll erzählt, mindestens ebenso toll gezeichnet. Ob da noch Wohnungen frei sind?

Geoff Johns, Francis Portela, Ivan Reis, Skinless Crow

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