Ein Meilenstein der Weltliteratur in neuem Gewand
Gleich mit seinem ersten Roman schuf William Golding 1954 einen Meilenstein der Weltliteratur. Die vielfach interpretierte Geschichte des britischen Autors ist längst fester Bestandteil des literarischen Kanons. Die niederländische Zeichnerin Aimée de Jongh hat sich dieser großen Vorlage angenommen und als Graphic Novel adaptiert – mit Respekt für das Original und einer packenden visuellen Umsetzung.
Worum geht es
Sicherlich werden viele von Euch den Roman bereits gelesen haben, ist er doch unter anderem auch anerkannte Schul-Lektüre. Oder ihr kennt zumindest den wesentlichen Inhalt. Über die Wirkung des Werkes wurde bereits sehr viel geschrieben und gesagt. Daher möchte ich mich im Weiteren vorrangig auf die Umsetzung als Graphic Novel konzentrieren. Hier zunächst kurz und kompakt, worum es in der Geschichte geht:
Eine Gruppe britischer Jungen im Alter von sechs bis zwölf Jahren überlebt einen Flugzeugabsturz auf einer unbewohnten Insel im Pazifik. Ohne erwachsene Aufsicht beginnt zunächst ein scheinbar harmloses Abenteuer: Nahrung suchen - die auch glücklicherweise vorhanden ist - die Insel erkunden und auf Rettung hoffen. Gemeinsam meistern sie die ersten Stunden und Tage nicht ohne Sorgen, aber noch in überwiegender Eintracht. Doch schon bald offenbaren sich tieferliegende Dynamiken. Aus spielerischer Neugier wird Dominanzstreben, aus Gruppendruck entsteht Gewalt, und aus kindlicher Unschuld wächst gnadenlose Brutalität. Schließlich hält auch der Tod Einzug.
De Jonghs Umsetzung – komprimiert, intensiv, eindringlich
Aimée de Jongh wählt für ihre Adaption ein kompaktes Format. Die Panelstruktur bleibt übersichtlich, was den Fokus auf Figuren und ihre Entwicklung in der idyllischen Inselumgebung lenkt. Immer mehr greift die Spannung zwischen den unschuldig verspielten Anfängen am Strand und den zunehmend düsteren, brutalen Ereignissen. Die Zeichnungen pendeln zwischen Klarheit und malerischer Tiefe und erzeugen eine stimmige visuelle Dramaturgie, welche die psychologische Entwicklung der Jungen und die gesamte Figurendynamik atmosphärisch begleitet.
Immer wieder zeigt Aimée de Jongh ihr feines Gespür für Stille und Intensität. Besonders in Szenen des Zusammenhalts, der Angst oder der Eskalation gelingen starke Momente – dann auch in ganzseitigen Panels, die fast symbolhafte Wirkung entfalten. Die nuancierte Kolorierung unterstützt diese Gegensätzlichkeiten - warme, lichte Töne weichen kühleren, dunkleren Farben und sie spitzt sich in wildem, bedrohlichem Rot zu, wenn eine Jagd schließlich blutig Opfer fordert.
Im Nachwort erklärt Aimée de Jongh, dass sie sich der enormen Bedeutung des Ausgangswerks bewusst war und sie ihre Adaption entsprechend respektvoll angegangen ist. Sie wollte Goldings Text möglichst unverfälscht in eine andere Form überführen und ihm „mittels Komposition, Farbe und Atmosphäre“ eine Bedeutung zufügen. So ist jeder Satz im englischen Original der Graphic Novel auch der Romanvorlage entnommen. In der mir vorliegenden deutschen Ausgabe ist das offenbar nicht durchgehend der Fall, aber bleibt zumindest immer sehr nah am Originaltext. Hier habe ich mit der Neu-Übersetzung aus dem Jahr 2017 verglichen.
Fazit:
Was Golding erzählt, macht Aimée de Jongh sichtbar. Herr der Fliegen als Graphic Novel ist eine atmosphärisch dichte, eindrucksvolle Adaption eines literarischen Klassikers, der seine ganz eigene erschütternde Kraft zu entfalten vermag. Aimée de Jongh gelingt es, die Essenz von Goldings Roman in starke Bilder zu übersetzen und dabei ebenfalls eine emotionale Tiefe zu erzeugen, die nachhaltig wirkt. Gerade in der Verdichtung liegt auch ein neuer Zugang. Eine empfehlenswerte Adaption – für Leser mit Vorwissen ebenso wie für Neuentdecker dieses zeitlosen Stoffs.

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