Hard Boiled (Neue Edition)

Erschienen: September 2018

Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Bitterböse Gesellschaftskritik, die erschreckt, anekelt und – neben der brachialen Action – auch zum Nachdenken anregt. Sieht SO unsere Zukunft aus? 1992 hielt Frank Miller es für möglich. 2019 stimme ich ihm voll und ganz zu.

Zeichnung

Ein Detailgrad, der auch nach fast 30 Jahren seinesgleichen sucht. Eine explizite Zerstörungsorgie, die keine Gefangenen macht und das Auge stundenlang an die überfüllten Panels fesselt.

Leser-Wertung

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Marcel Scharrenbroich
Der T-800 unter den Steuerfahndern

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mär 2019

One-Man-Army

Ein Schwarzenegger-Verschnitt poltert durch eine abgef***te Zukunfts-Gesellschaft und lässt – bis an die Zähne bewaffnet – mal SO RICHTIG die Kuh fliegen! Ja… das wäre eigentlich schon eine ziemlich treffende Zusammenfassung der irrwitzigen Achterbahnfahrt, deren Name regelrecht Programm ist. Ein paar Worte mehr möchte ich aber dennoch zum Inhalt verlieren…

Vorab aber noch eine kleine WARNUNG! „Hard Boiled“ ist für zartbesaitete Leser eher nicht zu empfehlen. Empfindlichen Konsumenten könnte beim Anblick der exzessiven und explizit dargestellten Gewalt die Galle rotieren und Kindern könnte bei der blutroten Ballerorgie schnell die Milch sauer aus der Nase schießen. Der Verlag hat den Titel zwar mit einem empfohlenen Lesealter ab 16+ gekennzeichnet, aber ich würde dort aus persönlichem Empfinden noch zwei Jährchen draufschlagen.

Nixon ist Steuereintreiber. Und Nixon ist verdammt gut in dem, was er macht. Mit allen Wassern gewaschen, verliert er niemals ein Ziel aus den Augen. NIEMALS… koste es, was es wolle. Einmal auf der Pirsch, bringt er seinen Job gnadenlos zu Ende. Dass er dabei Sachschäden in Millionenhöhe verursacht, haufenweise – mehr oder weniger – Unschuldige aus dem Leben pustet und wie die frisch geschliffene Axt im Walde durch die versaut-verkommenen Straßen des zukünftigen Los Angeles rotiert, ist für seine Auftraggeber zu verschmerzen. Und wenn es für DIE in Ordnung ist, ist es das für Nixon auch. Job ist eben Job. Dass der folgsame Steuereintreiber dabei auch regelmäßig in Mitleidenschaft gezogen wird, ist für beide Parteien ebenfalls hinnehmbar. Wo gehobelt wird, fallen schließlich Späne… beziehungsweise Körperteile. Dann geht es – natürlich erst nach getaner Arbeit – in die hauseigene Firmen-Werkstatt und demolierte Extremitäten und Organe werden kurzerhand hochtechnisiert ersetzt. Dumm nur, dass das menschliche Ersatzteillager davon nach der Runderneuerung nichts mehr weiß.

Mitten in der Nacht wacht er auf, von Albträumen schreiend aus dem Schlaf gerissen. „Daddy hat nur schlecht geträumt…“ entwarnt die liebende Ehefrau und schickt die herbeigeeilten Kinder wieder ins Bett. Ja… Carl Seltz, Versicherungsvermittler, hat nur schlecht geträumt. Die bösen Gedanken werden von Becky durch nächtliche Bett-Gymnastik weggehüpft und auch die lieben, besorgten Kinderchen stehen morgens schon parat, um Daddys böse Geister intravenös wegzuspritzen. Es könnte ein Arbeitstag wie jeder andere werden… KÖNNTE! Denn ein unvorhergesehenes Ereignis katapultiert Carl Seltz aus seiner unfreiwilligen und aufwendig aufrechterhaltenen Scheinwelt und konfrontiert ihn mit der schockierenden Wahrheit… natürlich nicht, ohne dabei die halbe Stadt in Schutt und Asche zu legen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

„Ich bin CHAOS, er ist KÖRPERVERLETZUNG… wir treten zusammen auf.“
-Martin Riggs

So überspitzt und dennoch treffend hat man unsere (mögliche?) Zukunft selten gesehen. Mit lüsternem Finger porkelt Star-Autor Frank Miller genüsslich in der Wunde, weitet sie, reißt sie quasi auf… bis gesellschaftskritisches Blut in Strömen aus den Panels fließt. Plakativ zum einen, brutal und roh, sodass man am liebsten wegsehen möchte, auf der anderen Seite. Miller trifft mit seiner anklagenden Ich-halte-der-Gesellschaft-den-Spiegel-vor-Story auch nach 27 noch den Nagel auf den Kopf… beziehungsweise schlägt ihn direkt durch den Schädel, bis tief ins Kleinhirn. Bedenkt man, dass „Hard Boiled“ erstmals zwischen 1990 und 1992 erschienen ist (in Deutschland fast zeitgleich in zwei Hardcover-Bänden aus dem alpha Comic Verlag, unter „Schwermetall präsentiert“), bekommt man, wenn man heute in die Nachrichten schaut und sich unser Weltgeschehen ansieht, beinahe Gänsehaut… die Sci-Fi-Aspekte mal außen vorgelassen. Warten wir noch mal 27 Jahre und schauen uns dann erneut Vergleiche zwischen Fiktion und Realität an, könnten die Grenzen sich verflüchtigt haben. Schwarzmalerei? Ich hoffe es… aber man wird sehen.

Auch wenn Frank Millers düstere, vor Sarkasmus und tief- bis pechschwarzem Humor strotzende Zukunftsvision wunde Punkte trifft und sie zu zerfetzten, blutigen Einschusslöchern formt, so ist sie dennoch keine epische Erzählung von gigantischen Ausmaßen. Eher eine Momentaufnahme einer verkommenen Gesellschaft, die wir als Leser voyeuristisch durch die Augen eines einzelnen(?) Mannes(??) verfolgen. Dennoch brennt sich der zwar übersichtliche, aber mehr als aussagekräftige Kernpunkt ins sensationsgeile Gaffer-Auge (das wird es bei der graphischen Darstellung von Geof Darrow zwangsläufig, aber dazu gleich mehr…) und man mag den angewiderten Blick nicht mehr vom blutdurchtränkten Geschehen dieser aberwitzigen Zerstörungsorgie wenden. Miller ließ sich für „Hard Boiled“ von den Werken des amerikanischen Science-Fiction-Autors Philip K. Dick inspirieren, dessen „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ Pate für Ridley Scotts „Blade Runner“ stand. Auch Paul Verhoevens Kino-Hit „Total Recall“ basiert auf einer von Dicks Kurzgeschichten, die bei uns unter dem Titel „Erinnerungen en gros“ veröffentlicht wurde. Motive beider Werke sind auch in „Hard Boiled“ zu finden.

An Millers eigenen, groben Zeichenkünsten scheiden sich die Geister, nichtsdestotrotz gehört er unumstritten zu den einflussreichsten Autoren in der Comic-Branche. Nachdem er bereits MARVELS „Man without Fear“ vor dem Abstieg in Comic-Tiefen bewahrte und „Daredevil“ zu markantem, härterem und somit neuem Glanz verhalf, indem er den „Kingpin“ aus dem „Spider-Man“-Kosmos importierte und zum schwergewichtigen Antagonisten der Reihe machte und auch Meuchelmörderin „Elektra“ zur Comic-Geburt verhilf, widmete sich Frank Miller einem der größten Aushängeschilde des DC Verlags. 1986 krempelte „Batman: The Dark Knight Returns“ (in Deutschland erstmals 1989 als „Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters“) die Welt der Superhelden-Comics nachhaltig auf Links. Millers Batman war sichtlich gealtert, verbittert und bereits im wohlverdienten Ruhestand. Dabei blieb es natürlich nicht und Bruce Wayne schlüpfte nach langer Zeit erneut ins Kostüm, um Gotham zu verteidigen. Das wegweisende Werk, welches heute gerne auch als „DK1“ bezeichnet wird, brachte die dunkle Seite der Superhelden zum Vorschein. Ein vormals oft eindimensionales Konzept, bekam einen neuen Grundton verpasst und öffnete mit ernsten, düsteren und härteren Themen die Tür für unzählige Autoren und Zeichner, die altbekannte Charaktere nun neu definierten und ihnen nie dagewesene Tiefe verleihen konnten. Miller selbst nahm sich Waynes Transformation zum „Dunklen Ritter“ in „Batman: Year One“ 1987 an (in Deutschland ebenfalls 1989 als „Batman: Das erste Jahr“ und danach in mehreren Neuauflagen veröffentlicht). Seine „Dark Knight“-Saga wurde 2001-2002 mit „Batman: The Dark Knight Strikes Again“ („Batman: Der Dunkle Ritter schlägt zurück“; 2002) und 2015-2017 mit „The Dark Knight III: The Master Race“ („Batman: Dark Knight III – Die Übermenschen“; 2018 als Paperback, zuvor als Einzelhefte) fortgeführt… auch kurz als „DK2“ und „DK3“ bekannt.

Ebenfalls aus der Feder von Frank Miller stammen das schwarz/weiß-Epos „Sin City“, welches episodenhaft die Abgründe der namensgebenden Stadt im knallharten Noir-Stil ausleuchtet und die historisch angehauchte Fantasy-Schlachtplatte „300“, in der sich die unterbesetzten Spartaner einer gigantischen Armee entgegenwerfen. Beide Vorlagen brachten es auf erfolgreiche Kinofilme, die von den Blockbuster-Regisseuren Robert Rodriguez („Alita: Battle Angel“, „From Dusk till Dawn“) und Zack Snyder („Watchmen – Die Wächter“, „Man of Steel“) realisiert wurden. Zu beiden Titeln erschienen weniger rentable Sequels und zu „300“ steht mit „XERXES – Der Niedergang des Hauses Dareios und der Aufstieg Alexanders“ auch eine Comic-Vorgeschichte in den Startlöchern, die ebenso wie „Hard Boiled“ im Cross Cult Verlag zu beziehen ist.

Die zuvor bereits angesprochenen Zeichnungen sind der heimliche Star in „Hard Boiled“… wobei, bei DEN Wahnsinns-Bildern, die die Netzhaut regelrecht vom Augapfel schälen von „heimlich“ zu reden, arg untertrieben wäre. Geof Darrow heißt der Mann, der vor bald 30 Jahren ein zeichnerisches Werk für die Ewigkeit geschaffen hat. Der 1955 in Iowa geborene Zeichner, zu dessen Schöpfungen auch „Big Guy and Rusty the Boy Robot“ und „Shaolin Cowboy“ gehören, erschafft in „Hard Boiled“ gigantische Szenarien aus dem Nichts und füllt sie mit ausufernden Details, die selbstverliebt mit ausufernden Details versehen sind. Mehr Inhalt geht nicht. Übergroße Panels und doppelseitige Splash-Pages verschlucken anhand des hohen Detailgrades beinahe den Hauptprotagonisten und erzählen massig ihre eigenen, kleinen Geschichten. Popkulturelle Referenzen en masse und mit Werbung zugepflasterte Bauten, als Spiegelbild der Konsumgesellschaft. Wimmelbilder, die eine ätzend-verrohte Zukunft entlarven, mit beindruckend-anwiderndem Charme. Bäh… einfach großartig.

Den Rotstift angesetzt

Die Cross Cult-Neuausgabe von „Hard Boiled“ profitiert nicht nur vom übergroßen Format, welches Darrows Illustrationen gebührend im 22x32cm-Hardcover präsentiert, sondern auch von der brandneuen Kolorierung. Dafür zeichnet sich kein geringerer als Dave Stewart verantwortlich. Stewart ist alles andere, als ein unbeschriebenes Blatt und arbeitet für alle namhaften US-Verlage. Mehrfach wurde er mit dem renommierten Eisner-Award ausgezeichnet. Er taucht Mike Mignolas „Hellboy“ in sein markantes Rot, koloriert Jeff Lemires „Black Hammer“-Universum und verteilt Farbtupfer an der „Umbrella Academy“. Stewarts Neuanstrich von Frank Millers sarkastischer Dystopie ist ebenfalls ein wahrer Augenschmaus… auch wenn Lebenssaft-Rot hier die vorherrschende Farbe ist. Verlieh die alte Kolorierung von Claude Legris dem Comic noch einen psychedelischen Touch, sind die grün-violetten LSD-Trips, die die durch ihre Fülle eh schon schwer zu zentrierenden Panels ins unübersichtliche abdriften ließen, nun einer realistischeren Farbgebung gewichen. Wenn man bei diesem Action-Overkill überhaupt von „realistisch“ sprechen kann…

Fazit:

„Wo ist Waldo?“ habe ich mich die ganze Zeit gefragt… konnte ihn aber in Geof Darrows detaillierten Suchbildern nicht finden. Das ist aber auch das EINZIGE, was ich NICHT finden konnte, denn ansonsten wurde in „Hard Boiled“ so ziemlich alles bildlich verbraten, was nicht bei Drei aus Darrows Reichweite hechten konnte. Es macht enormen Spaß, die Illustrationen nach winzigen Details abzusuchen und selbst, wenn man mehrere Minuten auf einer Seite verweilt, entgehen einem noch haufenweise Kleinigkeiten, die der Zeichner dort verewigt hat. Auch die Story von Frank Miller hat auf eine kranke Art nichts von ihrem Reiz eingebüßt. Gesellschaftskritik, die mit dem nagelgespickten Holzhammer direkt in die Fresse trifft!

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