Hairball

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Marcel Scharrenbroich
7101

Comic-Couch Rezension vonSep 2025

Story

Nicht nur zur Halloween-Saison eine Leseempfehlung. Düster, unbehaglich und letztendlich sogar überraschend.

Zeichnung

Auf den ersten Blick vielleicht nicht sonderlich hübsch, aber in Symbiose mit der Story Hand in Hand gehend und logische Konsequenz.

Verehrt und gefürchtet

Miez, Miez, Miiiiieeez…

Hach, Kätzchen. Sind sie nicht putzig? So flauschig, verspielt und manchmal auch herrlich eigensinnig. Ganz reinlich, wie sie sich stets putzen und brav am Kratzbaum schrubbern. Wie süß sie miauen oder meckernd maunzen, wenn sie ihren Willen nicht kriegen. Hihi. Goldig, nicht wahr? JA AM ARSCH DIE RÄUBER!!! Hier ist mal gar nix „putzig“, „süß und „goldig“, denn Bestie, so der Name des Streuners, wirbelt das Leben von Anna reichlich durcheinander. Und zwar nicht auf die liebevolle Art, sondern düster, unheimlich, vielleicht sogar… TÖDLICH!

Anna wurde adoptiert. Doch anstelle eines liebevollen Heims bekam sie Eltern, die regelmäßig streiten und sich gegenseitig die schlimmsten Dinge vor- bzw. an den Kopf werfen. Ein toxisches Klima, welches nicht spurlos an Anna vorbeizieht. Das Mädchen spricht kaum, weshalb die Ärzte bei ihr eine Entwicklungsstörung diagnostizierten. In langen Therapiesitzungen wird deshalb versucht, langsam aber sicher das Eis zu brechen. Doch was Anna zu berichten hat, ist höchst besorgniserregend:

So richtig schlimm wurde es, als Annas Eltern ihr erlaubten, eine zugelaufene Katze zu behalten. Nett gemeint, stärken Haustiere doch das Verantwortungsgefühl, fördern die soziale Kompetenz und sind durchaus hilfreich beim Überwinden von Ängsten. Das ist bewiesen. So weit, so gut. Von Bestie gehen aber mal ganz andere Vibes als vom Otto-Normal-Vierbeiner aus. Missgeschicke und Unfälle häufen sich. Tragische Ereignisse von großer Tragweite. So groß, dass Anna den Tag verflucht, als Bestie in ihr Leben getreten ist. Anna hat nur noch einen Gedanken: Bestie muss weg. Koste es, was es wolle…

Auf mehreren Ebenen dysfunktional

Autor Matt Kindt wandelt hier nicht etwa auf plakativen Horror-Spuren, sondern geht es höchst psychologisch an. Es ist das unterschwellige Grauen, welches beim Lesen für Unbehagen sorgt. Das zeigt Wirkung, denn wir Leser, die wir Anna über mehrere Jahre (und während zahlreicher Therapiesitzungen) begleiten, werden informativ nur mit dem Nötigsten versorgt. Das Mysterium hinter Bestie bleibt lange bestehen, bis ihr Dasein plötzlich Sinn ergibt. In der Zwischenzeit taumeln wir zwischen groteskem Albtraum und harter Realität. In einem tristen Haushalt, wo psychische Gewalt Stück für Stück von nackter Angst überlagert wird. Das Haustier, dem mal neun, dann wieder sieben Leben nachgesagt werden, ist dabei als vermeintlicher Unheilsbringer stets präsent. In der ägyptischen Mythologie als heilig verehrt, in der europäischen Folklore als mystisch-mythische Begleiter von Hexen argwöhnisch betrachtet und sogar gefürchtet, richtet „Hairball“ das Pendel gekonnt in alle Richtungen aus.

Die gestörten Familienverhältnisse haben nicht nur Auswirkungen auf die Story, sondern wirken sich sinnbildlich auch auf die Zeichnungen aus. Die Charaktere von Tyler Jenkins sind ästhetisch nicht schön anzusehen, was aber nicht an mangelndem Talent des Künstlers liegt. Nicht selten wirken Gesichtszüge regelrecht entgleist, was den weitestgehend düsteren Bildern einen leicht expressionistischen Touch verleiht. Das macht insofern Sinn, dass man als unbeteiligter Zuschauer fast schon selbst Hand anlegen möchte, um Dinge wieder geradezurücken. Sei es in den verschroben-verschobenen Darstellungen oder im Leben der Protagonisten.

Etwas dick aufgetragen

Das Cover von „Hairball“ ist so aussagekräftig wie schlicht. Gewählt hat man das Variant-Motiv des vierten (und letzten) US-Heftes, welches im Sommer 2023 bei DARK HORSE erschien. Das Artwork stammt von Ella Kindt, Tochter des Autors Matt Kindt.

Etwas erstaunlich ist es, dass Matt Kindt auf der Rückseite mit seinen Arbeiten an „BRZRKR“ und „Sweet Tooth“ angepriesen wird. Ist es bei „BRZRKR“, welchen er zusammen mit Hollywood-Darling No.1 Keanu Reeves („Speed“, „Matrix“, „John Wick“) verfasste, noch nachvollziehbar, da als Indie-Comix extrem erfolgreich über die Ladentheken gewandert, wird seine Mitarbeit an „Sweet Tooth“ aber auf einen Sockel gehoben, auf dem einzig und allein Jeff Lemire, Schöpfer und Zeichner des Comics, stehen sollte. Matt Kindt hat lediglich zur 19. Ausgabe der Serie beigetragen, die innerhalb der 40-teiligen Reihe als Stand-alone-Heft gelesen werden kann. Aber Ehre, wem Ehre gebührt, denn allein als Autor von „Mind MGMT“ und „DEPT. H“ hat er sich sämtliche Lorbeeren redlich verdient.

Beworben als eine Mischung aus Junji Ito und Hayao Miyazaki, sollte man vielleicht etwas kleinere Brötchen backen bzw. als Leser mit einer etwas niedrigeren Erwartungshaltung an „Hairball“ herangehen. Ito, ein mehr als ausgewiesener Meister des oft schmerzhaft anzuschauenden Body-Horrors, genießt in Fan-Kreisen (wozu ich mich selbst nur bedingt zähle) höchstes Ansehen, während Miyazaki als Mitgründer der legendären Zeichentrick/Anime-Schmiede Studio Ghibli Meisterwerke wie „Die letzten Glühwürmchen“, „Prinzessin Mononoke“, „Chihiros Reise ins Zauberland“ oder „Das wandelnde Schloss“ schuf und über die Jahrzehnte international mit den begehrtesten Filmpreisen überschüttet wurde. Wie man nun darauf kommt, gerade diese beiden Ausnahmekünstler als Vergleich heranzuziehen, ist dann auch das größte Mysterium des Buches. Von Manga-Ästhetik sind wir meilenweit entfernt. Und ein paar leichte Body-Horror-Einschübe rechtfertigen einen Ito-Vergleich noch lange nicht.

Fazit:

Man kann „Hairball“ oberflächlich betrachtet schon dem Horror-Genre zuordnen, ja. Doch damit würde man nicht ausreichend in die Tiefe gehen und Matt Kindts Geschichte fast schon Unrecht tun. Vielmehr ist sein Comic ein Familiendrama mit hohem Mystery-Faktor. Ein sich über Jahre hinziehender Albtraum, an dessen Ende eine unerwartete wie schlüssige Erkenntnis folgt.

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