Green Witch Village
- Schreiber & Leser
- Erschienen: Februar 2026
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Me-too war gestern noch heute… und liegt nun in ferner Zukunft
Nur ein Traum?
Als Tabatha Sands die Augen aufschlägt, nachdem sie von ihren Mitbewohnerinnen bewusstlos auf dem Fußboden gefunden wurde, erwartet sie ein regelrechter Kulturschock. Gerade noch im Jahr 2026 weggeschlummert, befindet sie sich nun im New York des Jahres 1959. Nur ein schlechter Traum?
Keineswegs, und obwohl sie ihren ebenso irritierten Freundinnen gleich die Fakten auf den Tisch knallt, können diese nur bedingt nachvollziehen, durch welche Hölle die dreißigjährige Bibliothekarin gerade geht. Aber es nützt ja nichts… Nun, da sie hier gestrandet ist, muss sie halt das Beste daraus machen. Also: auf ins neue „alte“ Leben!
Schlag auf Schlag
An einen geregelten Tagesablauf ist noch nicht zu denken, also begleitet Taby ihre Mitbewohnerin Erika zu einem Casting. Es wird ein Aushängeschild für Greenwich Village, dem Vorzeige-Stadtteil an der West Side von Manhattan, gesucht. Und der Klient ist sogleich begeistert von Tabys natürlicher Ausstrahlung, weshalb Erikas schmierig-chauvinistischer Arschloch-Agent Winnie Tabatha direkt einspannt. Als „Green Witch“ soll sie im grünen Hexenkostüm fortan den Bezirk bei allen möglichen PR-Veranstaltungen repräsentieren.
Gleich beim ersten offiziellen Termin fällt die „Green Witch“ der CIA auf. Von höchster Regierungsstelle abgesegnet, soll sie einen russischen Reporter ausspionieren und diesem Informationen entlocken. Die US-Air Force hat es nämlich ordentlich vermasselt und eine äußerst funktionstüchtige Atombombe bei einem Absturz vor der Küste verloren. Na, was für ein Glück, dass Tabatha Sands ihr Herz auf der Zunge trägt. Was sollte da schon schiefgehen? Wäre da nur nicht diese mysteriöse Stimme, die sich immer hörbarer in ihr Leben drängt…
Andere Zeiten
So wahnwitzig sich diese Story anhört, so interessant und kurzweilig ist sie auch. Der Zeitgeist trifft nicht nur die arme Taby knallhart, sondern zeigt auch uns Lesern wieder einmal, in welch aufgeklärten und freien Zeiten wir eigentlich leben. Rollenbilder, die (zumindest in weiten Teilen der zivilisierten Welt) glücklicherweise längst zum alten Eisen gehören, werden hier noch einmal heraufbeschworen. Freilich sorgt das für turbulente Verwicklungen, die Autor Lewis Trondheim routiniert auf die Spitze treibt. Nicht nur das, denn der Schöpfer erfolgreicher Reihen wie „Donjon“ und „Herr Hase“ nutzt auch einen unkonventionellen Erzählrhythmus, der eher an alte Zeitungs-Strips der Sonntagsseiten erinnert, die stets mit einem kleinen Cliffhanger abschließen und eine fortlaufende Kontinuität zwar nicht behindern, dafür aber aufbrechen. Ein tolles Detail, welches Trondheims erzählerische Versiertheit nur noch mal unterstreicht.
Franck Biancarelli, mit dem Trondheim bereits an der Krimi-Reihe „Karmela Krimm“ (ebenfalls bei SCHREIBER & LESER erschienen) zusammengearbeitet hat, ist für die überaus stimmigen Zeichnungen verantwortlich. Diese atmen den Geist der 50er und werden durch die atmosphärischen Farben von Jérôme Maffre perfekt abgerundet.
Fazit:
Sexismus, antiquierte Rollenbilder, Spionage, Agenten, Nazis, Geister und Atombomben. Eine herrlich wilde Mischung. Humorvoll, kurzweilig und dank des erfahrenen Autors viel tiefgründiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Lewis Trondheim, Franck Biancarelli, Schreiber & Leser

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