Text: Nicolas Jarry   Zeichner: Djief

Götterdämmerung - Gesamtausgabe 1

Götterdämmerung - Gesamtausgabe 1
Götterdämmerung - Gesamtausgabe 1
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Yannic Niehr
9

Comic-Couch Rezension von Yannic Niehr Dez 2021

Story

Versatzstücke aus verschiedenen Versionen der Story finden in einem faszinierenden Gesamtkunstwerk zusammen, das einen manchmal etwas atemlos zurücklässt und nach Vollendung im Folgeband geradezu schreit.

Zeichnung

Mit Raffinesse und Kunstfertigkeit wird ein umfangreiches Epos auf höchst originelle Weise designt und inszeniert. Das ist so gut, dass man sich fragen muss, ob hier etwa die Macht eines sagenumwobenen Ringes im Spiel war?

Noch ein Ring, sie zu knechten …

Tief im Inneren der Erde, zwischen den Wurzeln Yggdrasils, der mächtigen Weltesche, liegt das finstere Reich der Nibelungen. Hier sind Horden von Schwarzelfen in finstere Machtkämpfe verwickelt. Doch alles soll sich ändern, als einer von ihnen, Alberich, es wagt, Midgard, die Welt der Menschen zu betreten. Rein zufällig stößt er auf das von der Loreley bewachte Rheingold, welches, tief versteckt am Grund des reißenden Flusses, die Essenz aller göttlichen Macht beherbergt. Alberich gelingt es, den Schatz zu entwenden und mithilfe seines Bruders Mime eine magische Tarnkappe sowie einen mächtigen Ring daraus zu schmieden. Doch dieser ist fortan mit einem üblen Fluch belegt.

Zur gleichen Zeit gerät Allvater Wotan in Schwierigkeiten: Die Riesen Regin und Fafner haben für ihn einen Wall um Midgard errichtet. Als Lohn fordern sie Idun, die Göttin der Jugend. Wotan kann sein Wort nicht brechen, doch ohne Idun sind selbst die Götter dazu verdammt, dem Alter anheimzufallen und zu sterben. Als er gewahr wird, dass das Rheingold gestohlen wurde, ersinnt er unter dem Einfluss seines verschlagenen Ziehsohnes Loge einen Tauschhandel: Anstelle von Idun bietet er den Riesen den Ring an, den er Alberich im Kampf abspenstig macht. Diese erliegen schnell dem bösen Einfluss des Schmuckstücks. Mithilfe des Tarnhelms verwandelt Fafner sich in einen Drachen, tötet seinen Bruder und versteckt sich fortan in einem Hort, wo er den Ring hütet.

Doch auch Wotan kann den Fluch des Rings noch in sich spüren. Da er diesen nicht selbst wieder in seine Gewalt bringen kann, ohne erneut gegen sein eigenes Wort zu verstoßen, mischt er sich unter die Menschen und sucht Zerstreuung und Erlösung bei den Frauen. Aus diesen Verbindungen gehen nicht nur die Walküren hervor, die fortan - angeführt von Brünhilde - die göttliche Leibgarde stellen, sondern auch die Zwillinge Siegmund und Sieglinde, aus deren inzestuöser Verbindung der entscheidende Held entstehen soll, der Ragnarök abzuwenden vermag. Doch auch die Vereinigung der Geschwister verstößt gegen die von Wotan geschaffenen Gesetze, weswegen seine Frau Fricka ihn zu einem Seitenwechsel zwingt. Zudem wird Brünhilde aufgrund eines Ungehorsams zum ewigen Schlaf verurteilt, aus dem sie nur ein großer Recke zu erwecken vermag.

Wird die Götterdämmerung verhindert werden können? Wer wird den Nibelungenring an sich reißen, und wird dessen Fluch je gebrochen? Und welche Rolle wird Wotans Nachkomme, Siegmunds und Sieglindes Sohn Siegfried, in alledem spielen ..?

„Unzählig und verschlungen sind die von den Nornen gesponnenen Schicksalsfäden“

Das Nibelungenlied ist eine der bedeutsamsten noch überlieferten germanischen Heldensagen der vormittelalterlichen Epoche. Neues Leben wurde der Geschichte im Laufe der Zeit immer wieder eingehaucht. Eine der bekanntesten und einflussreichsten Interpretationen war ohne Zweifel der 1876 uraufgeführte Ring-Zyklus Richard Wagners. Für sein Magnum Opus, eine sich über insgesamt 16 Stunden dehnende Opern-Tetralogie, bediente Wagner sich nicht nur des Nibelungenliedes, sondern verband dieses mit den Mythen und Charakteren des nordischen Pantheons, um damit ein Werk nie gekannter Größe zu erschaffen. Und fast könnte man behaupten, dass den Schöpfern der vorliegenden Graphic Novel mit dem Stoff, übertragen ins Medium der visuellen Erzählkunst unbewegter Bilder, etwas ganz Ähnliches gelingt.

„Von nun an liegt die Zukunft der Götter in den Händen der Menschen“

Diese Sammelausgabe beinhaltet die bereits vor geraumer Zeit veröffentlichten Einzelbände 1 bis 3 sowie den Vorgängerband 0, welcher die Vorgeschichte, die an späteren Stellen wieder aufgegriffen und durch immer tiefer in die Materie dringende Flashbacks ergänzt wird (auch Wagner erzählte in seinem Ring nicht rein chronologisch), zusätzlich noch etwas ausdifferenziert. Für das „Prequel“ zeichnen sich Istin als Texter, Lemercier für die Zeichnungen und Mouclier für die Farben verantwortlich, während die drei Hauptbände von Jarry getextet und von Djief illustriert wurden (mit zusätzlicher Unterstützung von Héban für die Farben des dritten Bandes). Zusätzlich enthalten ist am Ende ein kurzes Skizzenbuch sowie Informationen über die Hintergründe - knapp, aber zufriedenstellend. Die einzige wichtige Info, die leider noch fehlt, ist ein Hinweis auf das Erscheinen des nächsten Teils dieser Gesamtausgabe, den man sich nach der Lektüre von Götterdämmerung I schmachtend herbeisehnt.

„Ich spüre den Pulsschlag des himmlischen Goldes“

Das Kreativteam hatte große Ambitionen: Sie bedienen sich nämlich nicht nur bei einer Vorlage, sondern bei allen. So werden Elemente aus dem Nibelungenlied, aus Wagners Vision und aus der reichhaltigen skandinavischen Mythenwelt mit eigenen Einfällen verwoben. Hinzu kommt eine Prise Herr der Ringe und ein Schuss Game of Thrones (die in einem amüsanten Wechselspiel gegenseitiger Referenzen selbst sicher auch von Werken wie dem Ring der Nibelungen inspiriert wurden), und schon hat man wahrlich eine Graphic Novel für die Ewigkeit!

Die Geschichte mit Anklängen an den klassischen Prometheus-Konflikt zwischen Menschen und Göttern, die (wie es sich für einen buchstäblich opernhaften Stoff gehört) von großen Gefühlen wie Liebe, Hass, Neid und Missgunst handelt und bis an den Rand gefüllt ist mit Verrat, Intrigen, Wendungen, Magie, Prophezeiungen, Kreaturen aller Art, Blut und Schlachtengetümmel, nimmt einen nicht bei jedem wilden Sprung an die Hand und wirkt gelegentlich etwas überfrachtet von den vielen verschiedenen Richtungen, in die sie getrieben und aus denen sie beeinflusst wird. Zu bewegen und zu fesseln vermag sie einen aber trotzdem fast durchgängig - vor allem mit dem zentralen Motiv einer potenziellen Götterdämmerung, in welcher die bisherige kosmische Ordnung vergehen und von einer gänzlich neuen abgelöst werden könnte.

Vor allem aber haben es die Bilder in sich, die nur als meisterhaft bezeichnet werden können. Dabei fallen zwar ein paar Diskrepanzen zwischen den Bänden 1 bis 3, die sich einer etwas präziseren Konturierung bedienen, und dem noch malerischer und assoziativer gehaltenen Band 0 auf, diese werden aber eher als positiv wahrgenommen - denn so darf man nicht nur eine großartige Stilrichtung bewundern, sondern gleich zwei, die einander nicht bloß kopieren und denen es trotzdem gelingt, eine Kontinuität zu wahren. Die ausdrucksstarken, atmosphärischen und detailverliebten Illustrationen fangen mit unerhörter Leichtigkeit jede monströse Gestalt, jedes der neun Reiche des Weltenbaums und jede Figur (Loge, originell dargestellt in einem Umhang, dessen Saum in züngelnden Flammen steht, verfolgt seine ganz eigene Agenda und weckt Anklänge an Tom Hiddlestons aus dem MCU bekannte Version des schelmischen Halbgotts) stimmungsvoll ein. Man kann die Optik gar nicht genug loben - dieses Werk sucht wirklich seinesgleichen.

Fazit:

Ist es den Machern vor allem darauf angekommen, den Pathos und die epische Tragweite des Settings und der Legende in all ihren Facetten in die Form einer wuchtigen Graphic Novel zu gießen, so ist ihnen das rundum gelungen. An diesem Sammelband führt kein Weg vorbei!

Götterdämmerung - Gesamtausgabe 1

Nicolas Jarry, Djief, Splitter

Götterdämmerung - Gesamtausgabe 1

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