Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Höchst komplex, aber wenn man sich drauf einlässt, ein intelligentes Abenteuer, das als Gesamtausgabe gleich vierfach Spaß macht.

Zeichnung

Ein klassisch gezeichneter Nostalgie-Trip, der an frankobelgische Vorbilder erinnert und mit viel Liebe zum Detail überzeugt. Wer Heuvels „January Jones“ mag, wird stilistisch auch hier glücklich.

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Marcel Scharrenbroich
„Jede Zeit ist eine Sphinx, die sich in den Abgrund stürzt, sobald man ihr Rätsel gelöst hat.“ - Heinrich Heine

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Okt 2019

Ich bin hier, weil Sie in Zukunft mit mir zu tun bekommen. Ich bin sozusagen nur meiner Zeit voraus.“

Sabina Tromp (nicht verwandt oder verschwägert) arbeitet in der IT-Entwicklungsabteilung eines Verlages, lebt getrennt von ihrem Mann und ist Mutter von zwei Teenagern. Da ist Stress vorprogrammiert. Deswegen ist ihr Geduldsfaden auch recht kurz, als sie ein völlig Fremder ungeahnt in ihrem Büro erwartet… nachdem Sabina mal wieder auf den letzten Drücker an ihrem Arbeitsplatz erscheint. Der aufdringliche Anton van der Werff behauptet, er hätte einen Termin vereinbart… und zwar in der letzten Nacht… womit er sich bei Sabina sofort disqualifiziert. Zeit ist schließlich kostbar und sollte nicht an irgendwelche Typen verschwendet werden, die kryptisch daherreden und dann auch noch behaupten, dass die genervte Frau dabei helfen soll, das Leben eines Mannes zu verlängern, der bereits im März 1943 ums Leben kam. Also bitteschön… dort ist die Tür!

Abends trifft sich Sabina mit ihrem guten Freund Marc zum Essen. Marc de Haan ist Schriftsteller und arbeitet gerade an einer Geschichte über den illegalen Handel von archäologischen Fundstücken. Zu diesem Zweck fliegt er auch nach Kairo, um vor Ort zu recherchieren. An der Ausgrabungsstätte angekommen, wird Marc vom dort zuständigen Professor in das teils unzugängliche und unerschlossene, unterirdische Labyrinth geführt, welches in seiner Form zwei menschlichen Gehirnhälften gleichen soll. Der feine Professor überrumpelt Marc allerdings und sperrt ihn in einen Raum des Gewölbes. Es stellt sich heraus, dass Professor Lafèbre für eine Organisation namens Atlantis arbeitet und Marc diese mit seiner Arbeit unterstützen soll. Nach mehreren Tagen willigt der erschöpfte Schriftsteller schließlich ein. Seine plötzliche Loyalität mit Misstrauen betrachtet, wird Marc zur besseren Überwachung ein Implantat in den Kiefer geklöppelt… inklusive Mikro und Sender. Nachdem er sich zum gefühlt unzähligsten Mal auf die unbequeme Pritsche seines Verlieses legt und einschläft, folgt ein nur schwer nachzuvollziehendes Erwachen. Marc befindet sich wieder in seinem Hotelzimmer in Kairo. Glatt rasiert und die stoppeligen Strapazen der letzten Tage einfach aus dem Gesicht gewischt. War dies nur ein sich sehr lebendig anfühlender Traum? Marc will es genau wissen…

Er fährt mit dem Taxi erneut zur Ausgrabungsstätte und… steht vor verschlossenen Türen. Nachdem die Zunge des Aufpassers, der den abgeriegelten Eingang bewacht, mit ein wenig Schmiergeld gelockert wurde, erfährt Marc, dass der Zugang bereits vor anderthalb Jahren versiegelt wurde. Die Grabungen wurden eingestellt, nachdem man dort eine unterirdische Stadt entdeckt hat, die aus zwei exakt gespiegelten Hälften besteht. Angeblich ist jeder, der von der einen Hälfte in die andere trat, spurlos verschwunden…

Währenddessen lässt Anton van der Werff nicht locker und sucht erneut Sabina in deren Büro auf. Genervt fackelt sie nicht lange und lässt den unerwünschten Besucher vom Sicherheitsdienst vor die Tür setzen. Von den herbeigerufenen Rausschmeißern erfährt sie aber erstmal, WEN sie da gerade unsanft hinausbefördern ließ. Van der Werff ist nämlich Eigentümer einer großen Firma, die führend auf dem Gebiet der Nanotechnologie ist… und zudem der Bruder eines berühmten und angesehenen Professors.

Als Marc Sabia nach dessen Rückkehr bei einem erneuten Abendessen von seinen unglaublichen Erlebnissen in Ägypten erzählt, stellen sie fest, dass Marc weiß, wer der Mann ist, der 1943 ums Leben kam und verrückterweise von van der Werff gerettet werden soll. Es handelt sich um einen Rabbi namens Simon Weissenbuch. Einen jüdischen Thorakundigen, der die Grundlagen zur modernen Computer-Technologie gelegt hat.

Nachdem Marc zwecks seiner Recherchen das Internet durchwühlt, stößt er auf ein interessantes Foto, welches er Sabina auch direkt zeigt. Abgebildet sind die van der Werff-Brüder, der Techniker Jan van der Wal, der an einem leistungsstarken Speicherchip gearbeitet hat, auf dem enorme Datenmengen Platz finden sollten und dessen plötzlicher Tod erst kürzlich durch die Medien ging, sowie weitere namhafte Erfinder, die allesamt eines gemeinsam haben… sie gelten als verstorben.

Sabia und Marc treffen sich mit Anton van der Werff, um Antworten auf die mittlerweile zahlreichen Fragen zu bekommen, die irgendwie alle durch einen roten Faden zusammengehalten werden. Sie erfahren, dass wirklich ein Zusammenhang besteht… und dass die „Zeit“ die wichtigste Rolle in der undurchsichtigen Geschichte spielt. 2012 soll die Zeit enden und alles wird sich wiederholen. Und Sabina spielt dabei eine Rolle, deren enorme Ausmaße sie sich nicht mal im Traum ausmalen kann…

Mehr soll an dieser Stelle nicht zum Inhalt verraten werden… da ihr sonst - sollte ich weiterhin auf das nachfolgende Geschehen eingehen - einen Knall hören würdet, mit dem sich mein Hirn im Zickzack fliegend und trötend, wie ein losgelassener Luftballon, durch die Luft gleitend verabschieden würde. (Und nach dem letzten Satz glaube ich, dass die Hälfte der Luft schon raus ist…)

Zeit ist ein deeeeeeeeeehnbarer Begriff

Der Inhalt dieses Comic-Buchs ist gigantisch. Sehr komplex und textlastig, ist man als interessierter Leser mehrere Tage (oder Abende) beschäftigt… wobei die Inhaltsangabe im vorherigen Absatz nur an der Oberfläche kratzt und gerade einmal die erste Hälfte des ersten enthaltenen Albums wiedergibt. Die Gesamtausgabe von Kult Comics umfasst alle vier Alben, die zuerst (mit jeweils langen Unterbrechungen zwischen den einzelnen Teilen) ab 2000 in der niederländischen Zeitung Algemeen Dagblad veröffentlicht wurden.

Autor Frits Jonker folgt dabei einer Theorie, die schon der deutsche Philologe Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) verfolgte und die sich um die Ewige Wiederkehr (auch Ewige Wiederkunft) dreht. Diese besagt, dass das Leben ein unendlicher Kreislauf ist. Eine Schleife, die sich konstant wiederholt. Ein immer wieder auftauchendes Symbol, im Zusammenhang mit der Ewigen Wiederkehr, ist der Ouroboros (sinngemäß übersetzt: der „Selbstverzehrer“). Ein Symbol der antiken Mythologie und Philosophie, welches eine Schlange zeigt, die sich - kreisförmig dargestellt - in den eigenen Schwanz beißt. Gut, werden jetzt sicher manche sagen, ich hab einen Hund, der macht das auch… Ja, aber der ist garantiert nicht so alt. Ätsch. Schon im Grabmal des ägyptischen Pharaos Tutanchamun wurden solche Darstellungen gefunden und das Ouroboros-Symbol spielt auch in „Geheimnis der Zeit“ eine nicht unwichtige Rolle.

Generell gehen wir in „Geheimnis der Zeit“ weit über Popcorn-Unterhaltung hinaus. Die Geschichte wird zunehmend komplexer und erfordert vom Leser höchste Konzentration, um nicht von der kurvigen Fahrbahn abzukommen. Kurvig deswegen, weil Jonker hier erzählerische Haken schlägt, die speziell in der zweiten Buchhälfte ordentlich am Kleinhirn nagen. Auch lohnt es sich, die Panels genaustens unter die Lupe zu nehmen, da Zeichner Eric Heuvel („January Jones“) hier diverse Hinweise versteckt, die dem undurchsichtigen Ganzen bei genauerer Betrachtung immer wieder ein Puzzleteil hinzufügen.

Heuvel zeichnet die Geschichte dabei sehr klassisch, was stilistisch eher an die Darstellungen der 60er- und 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts erinnert, als eine „moderne“ Herangehensweise, die mit dem Start des aktuellen Jahrtausends zu Papier gebracht wurde. Mit klaren Linien, bewusst realitätsfern und in ihren Formen den großen frankobelgischen Vorbildern ähnelnd, gelingt es Eric Heuvel außerordentlich gut, ein derart dicht und komplex erzähltes Story-Konstrukt nachvollziehbar zu Papier zu bringen. Charakterlich eher simpel, sind die angenehm dezenten, aber dennoch farbenfrohen Panels mit enormer Detailverliebtheit gefüllt.

Integral…

…liest sich irgendwie schöner als „Gesamtausgabe“, bedeutet im Grunde aber das gleiche. Und damit haben wir deutschen Leser dem Herkunftsland von „Geheimnis der Zeit“ etwas voraus. Die vier Einzel-Alben sind in den Niederlanden nämlich vergriffen und Kult Comics hat mit dem Komplettband im Hardcover ein schönes Stück vorgelegt, welches unsere Nachbarn in Zukunft ebenfalls erneut auf die lesenswerte Geschichte aufmerksam machen dürfte.

Eric Heuvel ließ es sich deshalb nicht nehmen, exklusiv für die deutsche Ausgabe ein Vorwort zu verfassen, in dem er beschreibt, wie es zu der Zusammenarbeit mit dem Autoren Frits Jonker kam. Jonker kommt ebenfalls umfangreich zu Wort und erklärt, welche mythologische, literarische und filmisch Werke ihn beim Schreiben beeinflussten und inspirierten. Ebenso sind die vier Exlibris- und Cover-Abbildungen der niederländischen Alben abgedruckt.

Fazit:

Im Herbst kann es ja mal ganz muckelig sein, wenn es im Oberstübchen angenehm warm raucht. „Geheimnis der Zeit“ ist definitiv ein Werk, das man nicht nebenher zum Zeitvertreib liest. Dazu ist die Story zu fordernd und droht nach einem ausgewogenen Einstiegs-Tempo mit fortlaufender Lesedauer den Rahmen zu sprengen.

Wer auf Comics mit Tiefgang steht und bei Filmen wie „Matrix“, „Interstellar“ oder „Inception“ gelangweilt von der Couch plumpst, sollte sich mit „Geheimnis der Zeit“ mal eingängiger beschäftigen.

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