Zu den Sternen!
Space Quest
Mit der „INDY“ soll die modernste Raumsonde, die bis dato von Menschenhand geschaffen wurde, die großen, bislang ungelüfteten Geheimnisse des Weltalls offenbaren. Wissenschaftler und Techniker schraubten sieben Jahre an diesem Wunderwerk der Technik. Nach zahlreichen Problemen und Rückschlägen soll das ehrgeizige Projekt nun endlich in die heiße Phase gehen. Die Startzusage ist eigentlich nur noch eine Formsache. Eigentlich… denn in der harten Realität kann man sich für nicht minder harte Pionierarbeit nur herzlich wenig kaufen. Die Finanzierung verschlingt Unsummen, sodass sich das eigentlich unabhängige Unternehmen kaum noch über Wasser halten kann. Und nur allzu gerne unterbreitet die prestigeträchtige Firma Energy Solution, die sich auf Energieentwicklung und Rohstoffförderung spezialisiert hat, ein verlockendes Angebot. Den feinen Herrschaften reicht es nicht mehr, nur die Erde auszubeuten. Nein, sie wollen ins All… und dort die Goldgräber-Stimmung weiter anheizen. Wie sagte ein nicht ganz so weiser Mann einmal: „Drill, Baby! Drill!“
So hat die kleine Privatfirma Discovery sich notgedrungen kaufen lassen, was die frustrierte Chef-Ingenieurin des „INDY“-Projekts Ji-Soo trotz allen Einwänden hinnehmen muss. Auch sechs Jahre später ist Ji-Soo noch für den verhassten Konzern tätig… und ihre Frustration ist zu einer ordentlichen Verbitterung angewachsen. Von Standort zu Standort strafversetzt, lässt sie keine Gelegenheit aus, ihren Arbeitgeber öffentlich bloßzustellen. Ihre jüngste Eskapade führt zu einer Versetzung auf die Raum-Plattform „Rock Breaker“. Ein gigantischer Kreuzer, auf dem dutzende Unternehmen untergebracht sind. An Bord lernt Ji-Soo den Space-Arbeiter Alex kennen, der im All geboren wurde und noch nie wirklich festen Boden unter den Füßen hatte. Schnell freundet das ungleiche Paar sich an. Unverhofft platzt noch ein Gefährte in den Alltag der beiden. Als Alex ein lautes Rumpeln aus seiner engen Unterkunft bemerkt, steht plötzlich ein kleines Äffchen vor ihm. Sofort schließt er den kleinen Kerl ins Herz. Als jedoch herauskommt, dass Goku, wie Alex seinen neuen Freund nennt, aus einem Tierversuchslabor getürmt ist, knallen ihm sämtliche Sicherungen durch und er zerlegt den Stall. Eine durchaus nachvollziehbare Reaktion, doch ebenso folgenträchtig. Ji-Soo, Alex und Goku sind gezwungen, die „Rock Breaker“ Hals über Kopf zu verlassen.
In einer Rettungskapsel stranden sie auf dem Planeten Minerva, wo die ehemalige Söldnerin Camina gerade daran arbeitet, sich ein neues Standbein aufzubauen. Nach einer schwerwiegenden Verletzung, bei der sie einen Arm verlor, hat es sich ausgesöldnert, und nun versucht sie, im lukrativen Schrotthandel Fuß zu fassen. Sie beobachtet den Absturz der Kapsel und erweist sich als Retterin in der Not…, denn Energy Solution lässt die Flüchtigen nicht so leicht vom Haken.
Nix gelernt…
Da wären wir mal wieder: mitten am Abgrund… und in nicht allzu ferner Zukunft womöglich gar einen Schritt weiter. Weltuntergangs-Szenarien sind nicht nur gern genutzte Aufmacher für Science-Fiction-Storys jeglicher Art, wie es in Filmen, Serien, Romanen oder eben Comics seit Jahrzehnten durchgängig thematisiert wird, sondern längst in der Realität angekommen. Wetterbedingte Katastrophen, alarmierende Klimaveränderungen, Kriege, Rohstoff-Raubbau… ja, die Liste ist lang. Und spätestens seit einer gewissen Pandemie halte ich es für nicht komplett abwegig, dass die Menschheit sich sogar irgendwann selbst den Stecker zieht. In „Frontier“ haben wir das Schlimmste scheinbar schon hinter uns, aus den Fehlern aber erschreckend wenig gelernt. Gier und Machthunger machen halt nicht an der Erdatmosphäre halt und so geht das Spielchen munter weiter. Guillaume Singelin, der „Frontier“ geschrieben und gezeichnet hat, stellt den fortlaufenden Raubtier-Kapitalismus sehr treffend dar, ohne zu sehr die Moralkeule zu schwingen. Vielmehr stellt er ihn als natürlichen Prozess dar, in dessen Folge unterschiedliche Charaktere aufeinandertreffen, die sich unter anderen Umständen wohl nur wenig zu erzählen hätten. Nehmen wir die Umstände nämlich erstmal als gegeben dar, konzentriert sich die Geschichte nämlich voll auf unsere drei Hauptfiguren Ji-Soo, Alex und Camina. Und so unterschiedlich sie sind, eint sie doch eins: die Suche nach ihrem Platz in dieser rauen Welt.
Doppelte Meisterklasse
Die Story ist also durchaus gesellschaftskritisch, wirtschaftspolitisch mahnend und auf drastische Weise davor warnend, was passiert, wenn Großkonzerne ausbeuterisch Grenzen überschreiten. Erfreulicherweise ist sie aber derart menschlich und positiv aufgeladen, dass diese dystopische Zukunftsvision mehr Lichtblicke als pessimistische Schatten hervorbringt. Freundschaft, Nächstenliebe und inneren Frieden finden sind in „Frontier“ omnipräsent.
Dass Guillaume Singelin bei seinen Illustrationen auf einen eher ungewöhnlichen Chibi-Look, den man eher aus dem Manga-Bereich kennt, zurückgegriffen hat, erweist sich dann noch goldrichtig. Der verniedlichte Stil lässt einen erstaunlich schnell mit den Figuren mitfühlen. So niedlich die klobigen Figuren sind, so schnell wachsen sie uns Lesern ans Herz. Warum? Weil sie verdammt gut geschrieben sind und äußerst menschlich agieren. Einen Comic für ein junges Publikum sollte man dennoch nicht erwarten, denn hier und da wird einem Klump-Männchen dann auch mal der Schädel weggepustet, was man anhand des putzigen Charakterdesigns jetzt nicht zwingend erwartet hätte. So holt uns Singelin immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.
Atemberaubend ist außerdem der Detailreichtum, welcher einem in jedem einzelnen Panel ins Auge springt. Der Zeichner hält dieses extrem hohe Niveau durchgängig und legt ein Ausnahmewerk vor, bei dem einen die Augen übergehen. Singelin spielt viel mit Perspektiven, verliert dabei aber nicht die Protagonisten aus dem Auge. Sie sind Dreh- und Angelpunkt, bekommen aber dadurch, dass sie in einer sehr lebendigen Welt agieren, erst richtig Tiefe. Selbst in zum Bersten gefüllten Panels sind Ji-Soo und Co. schnell auszumachen, verschmelzen aber homogen mit ihrer Umwelt. So haucht man Geschichten, selbst wenn sie außerhalb unserer Realität spielen, Leben ein.
Fazit:
„Frontier“ sollten sich nicht nur Sci-Fi-Liebhaber ganz oben auf dem Wunschzettel notieren, denn Guillaume Singelin legt eine ziemlich perfekte Graphic Novel vor, die inhaltlich und zeichnerisch voll überzeugen kann. Eine visionäre Spaceopera mit Kapitalismuskritik und ganz viel Herz.

Guillaume Singelin, Guillaume Singelin, Splitter


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