Couch-Wertung

7
Story
Zeichnung

Story

Eine satirische Anthologie für Politik- und Wirtschafts-Freunde. Diese werden bekommen, was sie erwarten… wer mit Zeitgeschichte nicht viel am Hut hat, sollte sich anderweitig umschauen.

Zeichnung

Abwechslungsreich, wenn auch nicht herausragend gezeichnet. Die Stile dürften hier ebenso verschieden sein, wie die Geschmäcker.

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Marcel Scharrenbroich
„Ein Gespenst geht um in Europa…“

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Apr 2020

Freddie & Kalle

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Mit diesem Satz – beziehungsweise mit dieser Aufforderung – endete Das Kommunistische Manifest. Eine 23-seitige Schrift, die 1948 verfasst und veröffentlicht wurde. Der programmatische Text stammte aus den Federn von Karl Marx (1818 – 1883) und Friedrich Engels (1820 – 1895) und richtete sich an das damalige Proletariat, also die Arbeiterklasse der aufkeimenden industriellen Revolution. Dem Kapitalismus sollte der Kampf angesagt werden und ebenso der Bourgeoisie, der herrschenden sozialen Klasse in der Gesellschaft. Die Geburtsstunde des Marxismus – einer von Marx und Engels begründeten Gesellschaftslehre, die das Ziel hatte, eine klassenlose Gesellschaft zu etablieren, in der die Menschen sich frei und selbstbestimmend nach ihren Bedürfnissen entfalten könnten.

19 Jahre später schrieb Karl Marx das erste Buch aus einem seiner wichtigsten Gesamtwerke. Im ersten Band von „Das Kapital“ – mit dem Untertitel „Der Produktionsprozess des Kapitals“ – befasste er sich bereits mit seiner Auffassung von Kommunismus, der im direkten Gegensatz zum angeprangerten Kapitalismus stand. Auch in den beiden weiteren Bänden – „Der Zirkulationsprozess des Kapitals“ (1885) und abschließend „Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion“ (1894), welche nach Marx‘ Ableben von Engels zusammengetragen und ergänzt wurden – wird weiter auf die gesellschaftliche Problematik eingegangen und Marx legte die - seiner Meinung nach - optimale Gesellschaftsform dar. In dieser wurde die Gleichheit aller Klassen gefordert, beziehungsweise für die gänzliche Abschaffung von Klassen plädiert. Des Weiteren sollte der Privatbesitz von Produktionsfirmen untersagt werden, was eine gerechte Zuteilung nach Bedarf ermöglichen sollte. Eine Idee, die bereits auf das Jahr 1516 zurückgeht. Der englische Staatsmann und humanistische Autor Thomas Morus veröffentlichte in eben diesem Jahr seinen philosophischen Dialog „Utopia“, in dem eine Alternative zur sozialen Ungleichheit geschaffen wurde… auch wenn die Gebote in Morus‘ fiktionalem Werk nochmals deutlich radikaler ausgefallen sind.

Dass die Vorstellungen Marx‘ und Engels‘ schon zu damaliger Zeit nicht ausschließlich auf Gegenliebe stießen, sollte wenig verwundern. Der von ihnen geprägte Kommunismus, also eine klassenlose und herrschaftsfreie Gesellschaft, war in vielen Teilen der Welt zur staatstragenden Regierungsform geworden… mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Nicht selten überschatteten blutige Revolutionen die Idee, die sich auf dem Papier zwar fast zu schön um wahr zu sein anhört, in der Praxis aber kaum umsetzbar erscheint. Interessen und Belange einzelner Personen (oder Parteien) beißen sich mit der allgemeinen Gleichstellung von Arm und Reich. Im letzten Jahrhundert lebte ca. ein Drittel der Weltbevölkerung unter einer kommunistischen Regierung. China, Kuba, Nordkorea und die ehemalige Sowjetunion sind nur einige Beispiele… ach ja, die DDR gab es da auch noch.

Wir sind die Jungs (und Mädels) von der POLO-Gang

Im Jahr 2020, dem Engels-Jahr, wollen wir Karl Marx aber mal dezent zur Seite schieben und dem Mann Platz einräumen, der in diesem Jahr runden Geburtstag feiert… feiern würde. Friedrich Engels wäre in diesem Jahr nämlich stolze 200 Jahre alt geworden. Eines der berühmtesten Kinder der Stadt Wuppertal, der siebzehntgrößten Stadt Deutschlands.

Zur Feier des Tages… äh, Jahres… werden dem im heutigen Wuppertaler Stadtteil Barmen geborenen Engels gleich mehrere Ehren zuteil. Der Sohn des Fabrikanten Friedrich Engels Senior, der nach dem Tod seines Vaters von 1860 – 1869 die Ermen & Engels-Textilfabrik in Manchester leitete, bekommt nicht nur mehrere Ausstellungen in seiner Geburtsstadt spendiert, sondern wird auch noch von zahlreichen Künstlern in einer Bild- und Textsatire-Anthologie verewigt. Verantwortlich dafür ist der Wuppertaler Künstler André POLOczek, dessen gedruckte Werke zuerst im 1981 gegründeten Semmel Verlach und später bei Lappan veröffentlicht wurden. So entstanden zahlreiche Comic- und Cartoon-Bände, die das Multitalent POLO auch überregional bekannt machten. Man muss nicht extra erwähnen, dass POLO in Wuppertal geboren wurde, oder?

Als Herausgeber, an den die Stadt Wuppertal mit dieser Bitte herangetreten ist, versammelte POLO nicht weniger als 43 Künstlerinnen und Künstler, um Friedrich Engels und sein Schaffen in ihrem ganz eigenen Stil satirisch aufs Papier zu bannen. Mal in gereimter Textform, mal als Cartoon… HAUPTSÄCHLICH als Cartoon, oder aber als ganzseitigen Fließtext. Vorgaben gab es da für die teilnehmende Künstlerriege nicht. So entstand eine bunte, stilistisch abwechslungsreiche Geburtstags-Anthologie, deren Teilnehmer aufzuzählen den Rahmen wohl deutlich sprengen würde. Ach… was soll’s… ich mach’s trotzdem, da ich niemandes Licht unter den Scheffel stellen möchte:

Nach einem Vorwort von Achim Frenz, dem Leiter des Caricatura Museums in Frankfurt am Main, und einleitenden Worten von André POLOczek, der selbstverständlich auch künstlerisch vertreten ist, gibt es in „Engels-Gesichter“ Beiträge von Uwe Becker, Harm Bengen, F. W. Bernstein, Bettina Bexte, Sabine Bode, Susanne Fischer, Kai Flemming, Katharina Greve, Markus Grolik, Thomas Gsella, Frank Hoppmann, Olaf Joachimsmeier, Petra Kaster, Matthias Kiefel, Christiane „Kittihawk“ Lokar, Dorthe Landschulz, Mario Lars, … meine Finger tun weh… Wolf-Rüdiger Marunde, Til Mette, Denis Metz, Volker „Mock“ Kischkel, Ioan „NEL“ Cozacu, Peter P. Neuhaus, Christiane Pfohlmann, Thomas Plaßmann, Ari Plikat, Andreas Prüstel, Tibor Rácskai, Heiko Sakurei, Jorgo Schäfer, Michael Schilling & Jan Blum, Reiner Schwalme, Anna Schwartz, … AU… KRAMPF! KRAMPF!!!... Gerhard Seyfried, Corinna Stegemann, R. M. E. Streuf, Klaus Stuttmann, Thomas „TOM“ Körner, Kurt Tucholsky, Karsten Weyershausen, Freimut Woessner uuuuuuund Miriam Wurster.

Satire für Fortgeschrittene

Wie bereits angesprochen, hat jeder teilnehmende Künstler seinen ganz eigenen Stil. Dementsprechend groß ist auch die gebotene Bandbreite, was den zeichnerischen (und somit größten) Part von „Engels-Gesichter“ betrifft. Mal farbig, mal schwarz-weiß. Hier eher schlicht, dort aufwendig und einem Ölgemälde nachempfunden. Dann expressionistisch, anschließend cartoonig überzeichnet oder skizzenhaft. Eine gelungene Vielfalt, die deutlich die Vorteile einer Anthologie ausnutzt. Selbstverständlich dürfen auch Foto-Beiträge und die Abbildung einer Sondermarke zu Fritz Engels‘ rundem Geburtstag nicht fehlen, die es garantiert NICHT in einer Postfiliale in der Nähe zu finden gibt… auch nicht in Wuppertal, der DDR, in Nordkorea oder auf dem Mond. Diese wurde nämlich nie in Auftrag gegeben und um Mangelerscheinungen vorzubeugen, hat André POLOczek eben selber eine Sondermarke designt.

Inhaltlich dürfte klar sein, um was es sich in „Engels-Gesichter“ dreht (falls nicht: Bitte noch mal von oben anfangen). Augenzwinkernd, satirisch, feinsinnig und ja, auch mal bitterböse und gewollt kritisch, dreht sich hier alles um Kommunismus, Kapitalismus und den alltäglichen Wahnsinn im Hier und Jetzt. Um mit den Augen zu rollen muss man nämlich keineswegs in die Zeit von Marx und Engels zurückblicken…

Fazit:

Auch wenn nicht jede Pointe zündet, regt der Großteil der Bilder und Texte durchaus zum Nachdenken an. Für Geschichts-Interessierte eine durchaus lohnende Anschaffung, die zudem mit künstlerischer Vielfalt punktet… auch wenn diese zeichnerisch selten über „okay“ bis „ganz nett“ hinausgeht. Die Stärke liegt im Wort.

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