Elch

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Marcel Scharrenbroich
8101

Comic-Couch Rezension vonJul 2026

Story

Dieser Comic zeigt eindrucksvoll, was geschehen kann, wenn jemand den Bogen überspannt. Intensiv und erstaunlich drastisch.

Zeichnung

Nicht die größte Zeichenkunst, aber ausreichend, um das Geschehen nachvollziehbar zu unterstützen.

Eiskalt

Kinder können so grausam sein…

Kinder- und Jugendgewalt sind Themen geworden, die sich nicht mehr einfach wegdiskutieren lassen. Die Hemmschwelle sinkt zusehends, das Mindestalter für eine Bestrafung jedoch nicht. Und viele dieser Kids, die sich wie die Axt im Walde verhalten, sind nicht blöd. Sie wissen ganz genau, dass der Gesetzgeber keinerlei Handhabe hat, sofern sie das 14. Lebensjahr nicht vollendet haben. Die Gründe für das Abrutschen in ungezügelte Gewalt sind so unterschiedlich wie tragisch. Mangelnde Bildung, patriarchalisch geprägte Elternhäuser, das familiäre Vorleben von Gewalt als einzige Option, keinerlei Perspektiven, religiös motivierter Hass auf Andersdenkende, eigene Unzulänglichkeiten, Neid… wie gesagt, äußerst vielfältig. Eine gesellschaftliche Entwicklung, die nicht nur mir persönlich Bauchschmerzen bereitet, sondern vor allem Eltern umtreibt, deren Kinder jeden Tag einer ungewissen Gefahr ausgesetzt sind. Oft beginnt es im Kleinen. Drohungen, Beleidigungen, Einschüchterungsversuche. Also alles, was man gemeinhin als „Mobbing“ bezeichnet. Das gab es zwar schon zu meiner Schulzeit und mit großer Gewissheit auch lange davor, doch dass viele Kinder heute keine Grenzen mehr kennen, quasi explosionsartig zuschlagen oder sogar -stechen und völlig enthemmt und ohne ein Nachdenken über die Folgen ihrer Wut freien Lauf lassen, wirft Fragen auf, auf die niemand eine Antwort zu haben scheint… oder haben will. Die Schule, wo eigentlich Wissen vermittelt und Kindern das nötige Handwerkszeug für die Zukunft mitgegeben werden soll, ist längst kein sicherer Ort mehr. Wie auch, wenn überforderte Lehrer in maroden Gebäuden den Großteil einer Unterrichtsstunde – sofern diese überhaupt stattfindet – damit verschwenden müssen, erstmal für Ruhe zu sorgen? Ein Job, bei dem man eigentlich den Hut ziehen müsste, dass sich das heute noch jemand freiwillig antut. Doch da bleibt es aus vielen Ecken erschreckend still. Alles einfach weiterlaufen zu lassen, sollte keine Option sein, doch… wem sage ich das? In den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Berlin und Baden-Württemberg kündigen immer mehr Lehrkräfte aus freien Stücken. Allein in NRW waren es 2023 ganze 930 Ausscheiden aus dem Beruf. 2024 etwas mehr als 700 und 2025 immerhin 650. Und wir reden hier nicht von Lehrkräften, die im Rentenalter sind… ganz im Gegenteil. Ganze 7.800 Stellen sind im bevölkerungsreichsten Bundesland unbesetzt… deutschlandweit mehr als 17.000. Und eine Hoffnung, dass sich daran in naher Zukunft etwas ändert, lässt sich auch nicht mit blumigem Wunschdenken herbeizaubern. Keine allzu rosigen Aussichten für diejenigen, die eine erfolgreiche Zukunft anstreben. Wenn es schon beim Ablesen einer Analog-Uhr hapert und an einfachsten Aufgaben in den Grundrechenarten scheitert, dann Prost Mahlzeit. Mit einer Tube Pattex oder Social-Media-/Influencer-Ambitionen könnte es vielleicht irgendwann mal für fünf Minuten Aufmerksamkeit langen, bevor die bildungstechnischen Mankos der Vergangenheit mit voller Breitseite zuschlagen, aber erstrebenswert sollte dies nicht sein… Hier würde womöglich das Gewaltmotiv „Perspektivlosigkeit“ aus dem Ärmel gezogen, sollte es in irgendeinem Brennpunkt mal wieder eskalieren. Doch damit, dass wir vermeintliche Täter in Schubladen einsortieren, ist es weiß Gott nicht getan. Aber Probleme an der Wurzel zu packen, würde unschöne Dinge ansprechen und außerdem nicht vorhandene Ressourcen – finanzieller und personeller Natur – beanspruchen. Und genau da sehe momentan wenig Land, dass Verantwortliche in naher Zukunft freiwillig in dieses Wespennest stechen.

Safe Space

Der Schüler Joe, eigentlich ein ganz normaler Teenager, lebt mit seinen Eltern in der tiefsten, verschneiten Provinz. Ein cleverer Bursche ist er aber nicht wegen seiner schulischen Leistungen, sondern wegen seiner ausgeklügelten Vermeidungstaktiken. Diese hat er nicht ohne Grund, denn sein Mitschüler Jason, ein großgewachsener etwas älterer Bursche, dem man bereits nach wenigen Seiten unweigerlich mit durchgestrecktem Arm in die Schnauze schlagen möchte, macht ihm den Alltag zur Hölle. Mobbing auf allerhöchstem Niveau ist an der Tagesordnung… psychisch und physisch. Der unscheinbare Joe erweist sich dabei als das ideale Opfer. Vermeintlich schwach, eingeschüchtert und nicht einen Hauch von spürbarer Gegenwehr. Deshalb ist der Junge Dauergast bei der besorgten Schulkrankenschwester, versteckt sich in der Abstellkammer des Hausmeisters und vermeidet es, morgens den Schulbus zu betreten. Schlechte, wiederkehrende Erfahrungen. Viel lieber nimmt er den Weg durch den angrenzenden Wald, wo er in der Stille und Abgeschiedenheit der Natur immerhin ein bisschen Ruhe vor dem alltäglichen Sturm bekommt.

Als sich eines Tages ein mächtig imposanter Elch vor Joe aufbaut, der ebenso schnell verschwindet wie er aufgetaucht war, ist er wie in Schockstarre. Kurz verängstigt, aber nachhaltig fasziniert von dem majestätischen Tier. Zu diesem Zeitpunkt ahnt Joe aber noch nichts davon, dass genau dieser Elch an dem Tag eine wichtige Rolle in seinem Leben spielen wird, an dem er sich endlich gegen seinen gefürchteten Peiniger erhebt. Und Rache – so sagt man – wird in der Regel kalt serviert… eiskalt.

Eher weniger als mehr

Schaut man auf die Verlagsseite von REPRODUKT, sieht man, dass „Elch“ in der Kategorie „Kindercomics“ mit einer Leseempfehlung ab 12 Jahren geführt wird. Das kann man mehr oder weniger so machen, doch es wird explizit und derart intensiv, dass gerade junge Leserinnen und Leser überfordert sein könnten. Wir haben die Kategorisierung zwar so übernommen, wollen das aber nicht ohne eine Trigger-Warnung so stehen lassen:

„Elch“ ist weiß Gott kein Heile-Welt-Comic, an dem die Gerechtigkeit siegt (naja…) und am Ende alle freundschaftlich durch den Schnee hüpfen. Keineswegs… also gar nicht. Das Mobbing des Mitschülers pegelt sich derart hoch, dass selbst mir als Mittvierziger nach der Hälfte des Buches das Blut kochte. Wer schon einmal mit der Thematik in Berührung kam, wird dieses Gefühl noch besser nachvollziehen können. Gibt man „Elch“ also bewusst in die Hände von Jüngeren, sollte man zur Einordnung unbedingt mit dem Inhalt vertraut sein.

Frühwerk

Die Idee zu „Elch“ kam dem Belgier Max de Radiguès, den wir mittlerweile durch Werke wie „Bastard“, der Kindercomic-Reihe „Stig & Tilde“ und der Coming-of-Age-Lovestory „Simon & Louise“ kennen, bereits im Sommer 2011, als er sich mit befreundeten Kolleginnen und Kollegen im kanadischen Québec aufhielt. Eine kleine Aufmerksamkeit in Form eines Fanzines, in dem ein Junge hektisch durch einen Wald rennt. Bewusst ohne Text, um die Sprachbarriere für die US-Freunde zu überwinden, jedoch mit einer #1 gekennzeichnet. Also wurde eine Fortsetzung erwartet, die Max de Radiguès erstmal aus dem Hut zaubern musste. Das drastische Ende stand von Anfang an fest, er musste lediglich den Weg dorthin ausarbeiten. Einmal fertiggestellt, war es der französische Comic-Künstler Lewis Trondheim, der die Geschichte zum ersten Mal gebündelt herausbrachte. Zuvor versuchte dieser noch, de Radiguès zu einem anderen Ende zu überreden, doch da biss er auf Granit.

Zeichnerisch bleibt der Belgier seiner minimalistischen Linie treu. Auch seine späteren Werke glänzten nicht durch übermäßige Details, sondern lieferten eher klare Linien im franobelgischen Stil. Die Farben sind – passend zur Stimmung des Comics – eher gedämpft. Das passt schon sehr gut so. Die 152 Seiten der Geschichte bringt man ziemlich schnell hinter sich, da „Elch“ mehr auf die Stimmung des Moments setzt, anstatt den Leser mit Text zu überfrachten. Umso länger hallt die Geschichte aber nach dem Zuklappen nach.

Fazit:

Keine leichte Kost, die Max de Radiguès uns hier auftischt. Trotz der schlichten, vermeintlich harmlosen Erscheinung hat „Elch“ eine ungeheure Wucht. Unbequem, ernst und innerlich aufwühlend, was gleich mehreren Schlägen in die Magengrube gleichkommt.

Elch

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