Dreimal Spucken

Erschienen: September 2020

Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Die Geschichte von Guidos Kindheit und Jugend mischt sich mit einer Lektion über Rassismus und Verfolgung der Sinti und Roma in Europa. Diese zwei Stränge gehen meist ineinander über, manchmal wirken sie aber eher wie aufeinander geklatscht als miteinander verwoben.

Zeichnung

Mal dahingekritzelt, mal unfassbar detailliert – der Zeichenstil von Davide Reviati ändert sich mit jeder Seite, entwickelt aber eine krasse Anziehungskraft, die ich nicht beschreiben kann.

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Nina Pimentel Lechthoff
Es war einmal in Italien...

Comic-Rezension von Nina Pimentel Lechthoff Okt 2021

Freundschaft, Alltagsrassismus und das Erwachsenwerden

Guido und seine Freunde haben in einer italienischen Provinz nichts zu tun. In der Kindheit hat man sich zu beschäftigen gewusst. Da war das Feld vom Onkel der Sandkastenfreundin ein Ort voller versteckter Schätze und Geheimnisse.  Doch mit dem Erwachsenwerden verlieren diese Kindheitsabenteuer an Anziehungskraft. Da fährt man lieber in den Nachbarort und spielt Billard oder fährt zur nächsten Disko zum Abfeiern. Denn auch die Schule ist nicht sonderlich spannend.

Was aber eine Konstante im Leben der Jungs bleibt, ist die Roma-Familie, die in der Nähe in einem verfallenen Bauernhaus lebt. Unter ihnen Loretta, ein Mädchen, von dem sich die Jungen zugleich angezogen und abgeschreckt fühlen.

Schneller, fast (alp-)traumhafter Strich

Das außergewöhnlichste und berauschendste Merkmal von Davide Reviatis „Dreimal spucken“ ist auf jeden Fall sein Zeichenstil. Mal detailverliebt, mal zerstreut – die Bilder im Comic sind ein Erlebnis für sich. Während auf der einen Seite die Falten auf den Gesichtern der Figuren und jedes Härchen minutiös gezeichnet sind, sind andere Bilder kaum „lesbar“, so krakelig und in sich verschlungen sind die Linien. Dass aber, wenn man lange genug auf die Bilder starrt, auch im Chaos fein ausgearbeitete Zeichnungen stecken, finde ich atemberaubend. Der Stil unterstreicht die Erzählung auf sehr passende und wunderschöne Weise. Der nicht mehr allzu junge Guido erzählt uns seine Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend. Die Zeichnungen variieren, je nachdem, wie stark sich Guido an die Ereignisse erinnert.

Eine Geschichtsstunde

Anders sind die Seiten, in der die Geschichte der Sinti und Roma in Europa thematisiert wird. Zwar erfahren wir auch im Laufe von Guidos Geschichte viel über den Alltagsrassismus, den die Roma-Familie in seinem Dorf erfährt. Aber es gibt immer wieder Einschübe, in denen auf allgemeinere Art über den systematischen Rassismus und die systemische Verfolgung, die Sinti und Roma in Europa erfahren haben – und noch immer erfahren – eingegangen wird.

Diese sind sehr interessante Passagen, in denen man viel lernen kann. Denn dass Sinti und Roma vor allem während der Nazi-Zeit verfolgt wurden, das wurde zwar in der Schule und darüber hinaus immer wieder thematisiert, wenn es um die Verbrechen der Nazis ging. Dennoch wurde das meistens nur am Rande erwähnt. Davide Reviati gibt in „Dreimal spucken“ einen sehr tiefen Einblick in diese im Mainstream fast vergessene Geschichte. Diese fehlende Auseinandersetzung prangert Reviati an, indem er auch zeigt, was aus den Nazis wurde, die die Sinti und Roma fast ausgemerzt haben. Viele bzw. fast alle Wissenschaftler, die über „Zigeuner“ geforscht – und zu Zwangssterilisierung und Vernichtung mitbeigetragen haben – sind nicht nur nicht angeklagt worden, sie haben weiter Karriere gemacht und ihre Leben weitergelebt.

Aber nicht nur die Nazi-Zeit steht im Fokus dieser „Geschichtsstunde“ von Reviati. Er geht auch in die weitere Vergangenheit und arbeitet aus, wie die Sinti und Roma über Jahrhunderte in Europa behandelt wurden. Aber auch die Zeit danach wird zum Thema. Im Epilog erzählt Reviati über das Leben der Dichterin Papusza und wie sie zu einer gefeierten Künstlerin wurde, nur um zu Propagandazwecken entfremdet zu werden… und schließlich verstoßen und in Elend stirbt.

Fazit:

Wer einen aufbauenden und leichten Comic sucht, der sollte bloß die Finger von „Dreimal spucken“ lassen. Die Geschichte ist fordernd, genauso wie der Zeichenstil. Obwohl die Seiten oft nicht ganz ausgefüllt sind, sind die 562 Seiten eine schleichende Lektüre, denn mit den vielen Informationen und bedrückenden Erzählungen muss man erst einmal zurechtkommen, bevor es weitergehen kann. Aber es lohnt sich! Nicht nur, weil der Zeichenstil von Davide Reviati eine Anziehungskraft hat, die ich nicht in Worte fassen kann. Damit sich Geschichte nicht wiederholt, sollte man sie lernen, um von ihr zu lernen. Und das tut man mit „Dreimal spucken“. Auch wenn der Lernprozess schwierig und unangenehm sein kann.

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