Die Welt der Söhne

Erschienen: Mai 2018

Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Gefühlvoll und brutal zugleich. Ein endzeitliches Setting, das auch ohne Zombies von Bestien bevölkert wird… vom Menschen!

Zeichnung

Skizziert und minimalistisch. Auf den ersten Blick EINfach… in Verbindung mit der Geschichte EINmalig.

Leser-Wertung

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Marcel Scharrenbroich
„Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt – die meisten Menschen existieren nur.“ - Oscar Wilde

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Aug 2018

Menschlichkeit a. D.

Die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr. Eine nicht näher definierte Katastrophe führte zur Entvölkerung und die Überlebenden müssen Tag für Tag aufs Neue um ihre Existenz kämpfen. Brauchbare Nahrung ist Mangelware. Fortschrittliche Technik ein Wunschdenken. Man nimmt, was man kriegen kann… tauscht, jagt und handelt. Wo zivilisierte Menschen - in einer besseren Zeit - ihre vierbeinigen Begleiter noch als Familienmitglieder sahen, sieht das ausgemergelte Überbleibsel einer längst vergangenen Gesellschaft nur das Fleisch. Das Fleisch und Fell… zum einlösen gegen andere, spärlich gesäte Güter. Die Gewässer sind vergiftet. Ihre Fische nur unter Lebensgefahr verzehrbar. Eine barbarische Welt, in der jeder jedem misstraut und in jedem Fremden einen potentiellen Feind sieht. Rückständig, abstoßend und kaum vorstellbar…

In dieser endzeitlichen Welt lebt auch ein Vater mit seinen beiden heranwachsenden Söhnen. Gemeinsam wohnen sie in einer alten Hütte, gelegen in einer trostlosen Sumpflandschaft. Der Vater, der noch aus einer Zeit vor dem Chaos stammt, erzieht seine Kinder mit harter Hand. Er versucht das ungleiche Brüderpaar auf das Überleben in dieser unwirtlichen Endzeit vorzubereiten. Auf eine Zeit, in der sie auf sich alleine gestellt sind und sich nur aufeinander verlassen können. Dementsprechend rau ist der Umgangston. Bestrafungen und Schläge an der Tagesordnung. Von väterlichen Gefühlen fehlt jede Spur. Zumindest… lässt er diese Gefühle vor seinen Kindern nicht zu. Durch die Gnade der frühen Geburt ist er des Lesens und Schreibens noch mächtig. Eine Gabe, die den Söhnen, welche in unserer Welt wohl heillos überfordert wären, verwehrt blieb. Bildung ist ein Fremdwort. Die Sprache ist auf ein Minimum reduziert. Das einzige Buch, das die Jungen je aus der Nähe gesehen haben, gehört ihrem Vater… sein Tagebuch. In diesem kleinen Büchlein hält er seine persönlichen Gedanken fest. Gedanken, die er nicht bereit ist zu teilen… nicht mal mit seinem eigenen Fleisch und Blut.

Als der Vater stirbt, machen die rebellischen Jungen sich auf den Weg. Vollkommen auf sich allein gestellt, vermuten sie einen Giftanschlag des verhassten Nachbarn, den sie zur Rede stellen wollen. Mit im Gepäck: Vaters geheimes Tagebuch. Ihr Weg führt sie aber nicht nur in die Nachbarschaft, sondern entfaltet sich zu einer wahren Odyssee. Unterwegs geraten sie an Vertraute, falsche Freunde, Weggefährten und einen bestialischen Kult, der das niederste im Menschen hervorbringt. Dabei sind die Brüder stets auf der Suche nach jemandem, der ihnen die wahren Gedanken ihres Vaters offenbaren kann…

Vielseitig begabt

Der italienische Künstler Gipi – bürgerlich Gian Alfonso Pacinotti – ist nicht nur im Comic-Metier seit Jahren erfolgreich unterwegs, sondern versteht sein Handwerk auch als Filmschaffender. 2011 wurde sein Film „The Last Man on Earth“ (im Original: „L’ultimo Terrestre“) auf den 68. Internationalen Filmfestspielen von Venedig aufgeführt und machte auch Station bei weiteren internationalen Festivals. Obwohl Gipis filmisches Debüt gleich mehrfach für Preise nominiert wurde, kehrte er der neunten Kunst nicht den Rücken und blieb auch den Comics treu.

„Ein Glück!“ kann ich da nur sagen, denn sonst wäre ich, nach dem schonungslosen Genuss von „Die Welt der Söhne“, um eine großartige Lese-Erfahrung ärmer. In Deutschland sind seine Werke – bis auf die 2012 erschienenen „S.“ und 2013 „MSGL – Mein schlecht gezeichnetes Leben“ (beide bei Reprodukt veröffentlicht) – im Berliner Avant-Verlag erschienen. Darunter auch die mehrfach ausgezeichneten Werke „Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte“, das unter anderem den Preis für „Das beste Album“ in Angoulême gewann, und „Die Unschuldigen“, welches auf dem Comic-Salon in Erlangen als „Bester internationaler Comic“ erfolgreich vom Felde zog. Gipis viel beachteter Erstling „Nachtaufnahmen“, der ihn in seiner italienischen Heimat über Nacht bekannt machte, läutete 2005 auch seinen erfolgreichen Werdegang auf dem deutschsprachigen Markt ein. Eine Kurzgeschichten-Sammlung, in der er eindrucksvoll mit unterschiedlichen Stilen und Techniken experimentiert. Auch in seinem aktuellsten Werk „Die Welt der Söhne“ (im Original: „La terra dei figli“) zeigt der Italiener stilsicher, was er als Zeichner und Autor auf dem Kasten hat.

Schroffer Stoff

Auf den ersten dialogarmen Seiten schwebte noch ein großes Fragezeichen über meinem Kopf… „DAS soll also die hochgelobte Graphic Novel sein, die mir jetzt schon so oft ins Auge fiel?“ hörte ich mich sagen… Doch kaum ausgesprochen, verstummte ich auch wieder und verschwendete in der nächsten Zeit auch keinen weiteren Gedanken mehr an diese Worte. DA hatte mich „Die Welt der Söhne“ nämlich schon voll in ihren unwirtlichen Bann gezogen. Ein paar Seiten später erkannte ich, dass Gipis rauer und simpler Stil den ebenso rauen Ton der Geschichte auf die einzig richtige Art wiederspiegelt. Wir SOLLEN uns als Leser in seiner apokalyptischen, gewalttätigen Welt, in der alle gesellschaftlichen Regeln und Manieren einen Scheißdreck wert sind, nicht wohlfühlen. Wir beobachten… sehen, was mit uns passiert, wenn die Menschheit den Bach runtergeht und nur noch das nackte Überleben zählt. Erschrocken werden wir Zeugen, wie unsere ach so fortschrittliche Zivilisation sich zurückentwickelt und ihren niederen Instinkten freien Lauf lässt. Regeln? PAH… wer braucht schon Regeln?! Man nimmt, was da ist… oder besorgt es sich auf andere Art und Weise. Notfalls mit Gewalt.

Trotz weniger – und teils unsauberer – Striche, die eher an simple Skizzen erinnern, schafft Gipi das Kunststück und baut eine enorme Intensität auf, der man sich nur schwer wieder entziehen kann. Auf ein Minimum reduziert reichen die kratzigen Illustrationen aus, um ein Maximum an Tiefe zu erzeugen. So anatomisch ungenau, wie die Charaktere dargestellt sind, so detailliert zaubert Gipi deren Innerstes an die Oberfläche. Die anfangs wortkargen Brüder, die fast schon wie Schatten ihrer selbst wirken und ihre Kommunikation auf das Nötigste beschränken, wachsen an ihren Aufgaben und Taten und machen somit einen spürbaren Reifeprozess durch. Sie lernen zu überleben… sich zu behaupten… und sind dabei – über den Tod hinaus – auf der Suche nach der Bestätigung ihres Vaters.

Fazit:

„Die Welt der Söhne“ hat mich – nach anfänglicher Skepsis – überrollt wie eine Lawine. Ich konnte das Buch nicht mehr aus den Händen legen und verschlang es in einem Rutsch. Die apokalyptische Welt, wie Gipi sie sich vorstellt, hat mich angewidert, erschrocken, gepackt, berührt und nachhaltig fasziniert. Ein fantastisches Comic-Buch, das man gelesen… nein, ERLEBT haben sollte.

Die Welt der Söhne

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