Couch-Wertung

8
Story
Zeichnung

Story

Eine unerklärliche Verwandlung in ein gigantisches Insekt steht am Anfang, Nachsinnieren über das Leben und die Arbeitswelt folgen. Bizarr, schwarzhumorig, pessimistisch und vielschichtig – eben kafkaesk.

Zeichnung

Kongenial umgesetzt, ausdrucksstark und kontrastreich. Simpel und grob gehalten als Ergänzung zu Kafkas Text, ohne jedoch viel hinzufügen zu können. Kräftige Schwärzen unterstreichen raffiniert die Stimmung.

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Yannic Niehr
Schuften und Schaffen als Schabe

Comic-Rezension von Yannic Niehr Okt 2018

„Als Gregor Samsa eines morgens erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“

Mit diesen berühmten Worten beginnt die bekannte Erzählung von Franz Kafka, und schnell muss sich Samsa damit abfinden, dass es sich bei der unerklärlichen Transformation nicht etwa um einen Albtraum, sondern tatsächlich um sein Leben handelt: ja, er ist als riesige Schabe erwacht. Doch was nun? Wie soll er damit umgehen? Nach einiger Grübelei kommt er zu dem Schluss, dass das Leben schließlich weitergehen muss, und es keinen Anlass gibt, allzu viel Aufsehens um die neuartige Situation zu machen. Leider sehen das seine Familie und Vorgesetzten anders, und die gegenseitige Kommunikation gestaltet sich schwierig.

So gerne Samsa auch sein Leben in den gewohnten Bahnen weiterführen und weiterhin als Handelsreisender finanziell für seine Familie sorgen möchte, so schwer wird ihm dies gemacht, denn alle begegnen ihm – als nunmehr unliebsames Tier – mit Abscheu. Es hilft alles nichts: seine alternden Eltern und seine Schwester sehen sich gezwungen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdingen. Das Gefühl, die eigene Familie ins Unglück zu stürzen, lässt Samsa innerlich mehr und mehr verkümmern, sodass er sich schließlich fragen muss, ob es nicht für alle Beteiligten besser wäre, wenn er sich selbst komplett aus der Gleichung entfernt…

Durch und durch kafkaesk

Nur wenige Autoren können von sich behaupten, dass ein Adjektiv nach ihnen benannt und offiziell in den Duden aufgenommen wurde. Im Falle des Werkes von Franz Kafka scheint dies jedoch mehr als angebracht, da kein bereits existierendes Wort seine unergründliche Prosa und die unheimliche, doch so vertraute Gedankenwelt beschreiben könnte.

Kafkas Biographie liest sich fast so spannend wie seine Erzählungen: der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie hatte sein Leben lang ein schwieriges Verhältnis zum Vater. Später machte er in einem Versicherungsunternehmen Karriere – für ihn jedoch hauptsächlich Mittel zum Zweck – und brachte einen Großteil seiner Schriften nachts zu Papier (vielleicht rührt die Aussage „Kaffee dehydriert den Körper nicht. Ich wäre sonst schon Staub“ von diesem auszehrenden Lebensstil her). Kafkas Vertrauter Max Brod ließ diese posthum veröffentlichen, woraufhin sie in den weltliterarischen Kanon eingingen.

Kafkas Werke zeichnen sich durch nüchterne Sachlichkeit aus, die im scharfen Kontrast zu den seltsamen, gruseligen, bedrohlichen und oftmals wahnsinnigen Ereignissen steht, die seine Protagonisten ohne Vorwarnung durchleben müssen. Prosaisches Berichten verbindet sich mit düsterer Allegorie. Aus dieser Spannung entsteht oftmals ein zynischer, trockener Humor. Die Adaption der vorliegenden Graphic Novel beschränkt sich auf das Wesentliche, die Bilder werden als ergänzende Erweiterung der Worte genutzt.

Thematisch befasst sich „Die Verwandlung“ mit den Veränderungen in der Arbeitswelt des 20. Jahrhunderts: rasante Beschleunigung, Verwirrung, Stress und (Geld)Sorgen werden vorrangig aufgegriffen, jedoch auch damit zusammenhängende Konflikte im traditionellen familiären Gefüge, sowie existentielle Ängste. Das Schicksal erscheint demgegenüber völlig gleichgültig, und unter der Oberfläche entpuppen sich diese Entwicklungen als ein Kampf ums nackte Überleben – dem im Reich der Kriechtiere nicht unähnlich. Dafür steht die Kakerlake – die dem Leser durch ein kurzes, biologisches Vorwort nähergebracht wird – als Versinnbildlichung.

Die Zeichnungen sind simpel und grob – alles Andere würde dem Inhalt im Wege stehen. Der Muff des Spießbürgertums stellt sich Grau in Grau dar, verwaschene Farben kommen nur punktuell zum Einsatz, um eine positive oder bedrohliche Stimmung zu unterstreichen. Der Wahnwitz zeigt sich in der Ausdrucksstärke der Figurenmimik. Das auf schwer fassbare Weise Drückende und Düstere, das sich durch Kafkas Werk zieht, wird visuell durch die tiefschwarzen Schatten dargestellt, die einen Großteil der Bilder einnehmen. Teilweise fühlt man sich an eine Tuschezeichnung aus dem frühen 20. Jahrhundert erinnert, womit sich der Kreis thematisch für den Leser schließt.

Fazit:

„Die Verwandlung“ ist nicht Kafkas komplexeste Erzählung, doch besticht sie gerade durch ihre Simplizität. Die Umsetzung im Comic ergänzt den Text sinnvoll, allerdings ohne der eigenwilligen Prosa allzu viel hinzufügen zu können. Wer sich mit dem Werk Kafkas und seiner seltsamen, finsteren und verschachtelten Welt vertraut machen will, wird in dieser Graphic Novel einen pointierten, spannenden und ästhetisch einnehmenden Einstieg finden, der aber sicher auch für Kenner einen interessanten neuen Blick eröffnet.

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