Die verlorenen Briefe

Die verlorenen Briefe
Die verlorenen Briefe
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Marcel Scharrenbroich
9

Comic-Couch Rezension vonSep 2022

Story

Fragt man sich anfangs noch, wohin die Reise gehen mag, wünscht man sich spätestens am Ende, dass sie noch länger dauern würde…

Zeichnung

Das Fernweh-Setting und die farbenfrohe Kolorierung sind hier die großen Gewinner. Der Miyazaki-esque Stil ist gut gemeint, handwerklich aber gewöhnungsbedürftig.

Abenteuer auf der Sonneninsel…, wo Mensch und Fisch sich Guten Tag sagen

Kommt der kleine Prinz zum Postamt…

Nein, kein Schenkelklopfer, bei dem lediglich die Pointe fehlt, sondern der Aufhänger für ein fantasievolles Krimi-Märchen mit viel Herz und Manga-Ästhetik.

An einer kleinen abgelegenen Küste lebt der junge Iode. Tagtäglich blickt er aufs Meer hinaus und wartet sehnlichst auf den Post… boten. Naja, eigentlich ist der Briefzusteller ein Clownfisch, aber da es nicht von der Hand… pardon, von der Flosse zu weisen ist, dass der schuppige Geselle nun mal die Post zustellt, trifft diese Berufsbezeichnung nun mal zu. Allzu verwunderlich ist das nicht, denn immerhin ist Iodes treuster Freund ein Pelikan namens… Peli. Selbst wenn dieser lediglich ein kurzes und knappes „Ja“ von sich gibt (unabhängig von einer gestellten Frage), kann man diese Beziehung zwischen Mensch und Tier wohl als Freundschaft ansehen. Generell hat die Evolution in diesen malerischen Gefilden einen ordentlichen Satz hingelegt, denn unzählige Meeresbewohner hat es an die Oberfläche der Sonneninsel getrieben. Für diese reife Leistung dürfen wir uns wohl mal wieder selbst auf die Schulter klopfen… Dank der revolutionären Technik des Professors Salin Sea wurden die fischigen Landgänger mit menschenähnlichen mechanischen Körpern ausgestattet und leben Seite an Seite mit den Menschen. Dass Fische, Kraken, Krabben und Co. auch sprechen können hatte ich erwähnt, oder?

Nachdem besagter „Postbote“ den armen Iode (wie jeden Tag) mal wieder aufs Glatteis führt und KEINEN Brief zum Zustellen in seinem Beutelchen hat, beschließt der Junge in die Stadt zu fahren. Eigentlich hätte die erwartete Post von seiner zutiefst vermissten Mutter nämlich längst eingetroffen sein sollen. Grund genug, dem örtlichen Postamt mal einen Besuch abzustatten. Auf seinem Weg gabelt Iode die Anhalterin Frangine auf, die ebenfalls ins Zentrum möchte. Sie trägt einen geheimnisvollen Koffer bei sich und gibt sich als „Botin“ aus, bleibt in ihren Ausführungen jedoch eher vage. Für Iode ganz klar, dass Frangine ihm bei seinem Brief-Problem behilflich sein könnte. Doch hat Frangine ganz andere Sorgen, als sich um einen Fremden zu kümmern, dessen Briefchen nicht ankommen wollen. Die junge Frau mit schwieriger Kindheit transportiert den mysteriösen Koffer nämlich für die noch mysteriösere Organisation „Tintenfisch“. Allerdings ohne dessen Inhalt zu kennen. In der Unterwelt der Sonneninsel ist die Bande aber mehr als berühmt-berüchtigt. Als sich dann auch noch ein verbissener Goldfisch-Polizist mit hohen beruflichen Ambitionen an die Fersen der beiden heftet, ist das Chaos komplett. Hals über Kopf stürzen alle Beteiligten in ein abstruses Abenteuer… mit unerwartetem Ausgang.

Zu naiv für die Welt

Sieht „Die verlorenen Briefe“ auf den ersten Blick wie eine fröhlich-bunte Wohlfühl-Reise in Manga-Optik aus, wird im Nachgang wohl niemand, der das wunderschöne Hardcover im Großformat zu Ende gelesen hat, bei diesem Ersteindruck bleiben. Die abstruse Welt nimmt einen zugegebenermaßen nicht mit offenen Armen in Empfang, denn viele Eigenheiten sind schon sehr skurril, aber es entwickelt sich eine Anziehungskraft, der man einfach erliegen muss. Zwischen den Zeilen werden derart viele Inspirationsquellen an die Oberfläche gespült, dass es schon beeindruckend ist, welch unterschiedliche Facetten der unter dem Künstlernamen Jim Bishop arbeitende Franzose Julien Daniel Jacques Bicheux in seinem Werk verarbeitet hat:

Zuerst wäre da wohl das klassische Kunstmärchen „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry aus dem Jahr 1943 zu nennen. So verlässt der unbedarfte Iode ebenfalls sein gewohntes Umfeld, welches für Außenstehende wie eine selbst gewählte „Festung der Einsamkeit“ wirkt, um mit kindlicher Neugier und ordentlich Naivität die „Welt“ zu entdecken. Das vielleicht bekannteste Zitat des nachdenklich stimmenden Märchens bekommt mit dem Ende von „Die verlorenen Briefe“ eine noch herzzerreißendere Note, denn vom kindlichen Look sollte man sich nicht blenden lassen. So heißt es in „Der kleine Prinz“: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Diesen Augenöffner weiß Jim Bishop sehr wohl einzusetzen.

Dann wären da noch die klassischen Krimi-Elemente: Mafia-Strukturen, Katz-und-Maus-Spielchen mit den Gesetzeshütern, ein Hard-Boiled-Ermittler auf Solo-Pfaden, Agenten auf Geheimmission, bleihaltige Verfolgungsjagden… alles Zutaten, die man aus gängigen Kriminal-Storys kennt. Und alle sind in „Die verlorenen Briefe“ zu finden. Auch hier beißen sich die Thematiken wieder mit der Optik der Geschichte, doch Bishop streut diese Best-of-Hitchcock-Versatzstücke so selbstverständlich ein, dass man diese als Leser schon gar nicht mehr in Frage stellt. Man nimmt lediglich zur Kenntnis, dass der Plot nach dem skurril-phantastischen Erstschlag immer erwachsenere Töne anstimmt. So bleibt dieses ungewöhnliche Werk bis zum Schluss unvorhersehbar und wartet selbst nach einem deftigen Twist noch mit einer Wendung auf, die man anfangs nicht erwarten würde.

Die Geheimniskrämerei um den mysteriösen Koffer ist ebenfalls ein bekanntes Stilmittel, welches häufig in Krimis zum Einsatz kommt: der sogenannte „MacGuffin“. Auch hier ist Meister-Regisseur Alfred Hitchcock wieder involviert, prägte er diesen Begriff doch seit den 30er-Jahren. So ist ein „MacGuffin“ ein Gegenstand, der die Handlung voranbringt, ohne für diese jedoch von konkretem Nutzen zu sein. Er dient dem Spannungsaufbau einer Geschichte. Ein treibender Motor, der die Motivation der Akteure am Laufen hält. Eines der bekanntesten Beispiele ist der Koffer - um beim Thema zu bleiben - in Quentin Tarantinos Kult-Thriller „Pulp Fiction“. Dessen Inhalt kennt bis heute niemand, was der Handlung keinen Abbruch tat, obwohl es die wildesten Theorien (Seele von Marsellus Wallace…) dazu gibt. Im Gegensatz zu „Pulp Fiction“ wird der „MacGuffin“ in „Die verlorenen Briefe“ zwar offenbart, stellt die Story aber ebenfalls nicht auf den Kopf. Das geschieht auf andere Weise…

Und zuletzt wäre da noch der…

…Gruß an Hayao!

Es ist schon beim Blick auf das Cover ersichtlich - und Jim Bishop selbst macht keinen Hehl daraus -, dass er sich beim Stil an den Arbeiten von Hayao Miyazaki orientiert hat. Jenem Anime-Mastermind, dem wir die STUDIO GHIBLI-Meisterwerke „Das Schloss im Himmel“ (1986), „Prinzessin Mononoke“ (1997) oder „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001) zu verdanken haben. Der Story steht der Manga-/Anime-Look gut zu Gesicht, kann in Sachen Dynamik aber nicht mit seinen Vorbildern mithalten. Oft wirkt der Stil zu gewollt und steif. Das gleicht Bishop aber mit einer äußerst stimmungsvollen Kolorierung wieder aus. Die einladenden, warmen Farben ziehen einen als Leser regelrecht an. Urlaubsflair gepaart mit reichlich Fantasie, wenn es um die anthropomorphen Ex-Meeresbewohner geht. Und eh man sich versieht, ist man der verdreht-charmanten Story verfallen. So sehr, dass die unterschiedlichen Schicksale der Charaktere einen kaum kaltlassen werden.

Fazit:

Ein farbenfrohes Stück Comickunst mit wilden Ideen und zahlreichen Genre-Verbeugungen. Im Laufe der Story dringt der melancholische Grundton immer weiter in den Vordergrund, womit sich „Die verlorenen Briefe“ als positiver Wolf im Schafspelz entpuppt, wenn es um Tiefe und Botschaft geht. Egal wie man es dreht und wendet… es bleibt ein außergewöhnlicher Comic, den man nicht gleich wieder vergisst.

Die verlorenen Briefe

, Jim Bishop, Cross Cult

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