Couch-Wertung

7
Story
Zeichnung

Story

Verschachtelte und unnötig komplizierte Erzählweise. Thomas Bernhards Stil kann man mögen… muss man aber nicht. Inhaltlich bietet die Graphic Novel (nach erfolgreichem Umschiffen der Text-Blockaden) erschütternde Einblicke in eine traurige Kindheit.

Zeichnung

Die gesichtslosen Charaktere schaffen eine kühle Distanz, verweigern aus diesem Grund auch die mitfühlende Nähe zum Protagonisten. Die Monotonie der sich wiederholenden Bilder ist als Stilmittel wirkungsvoll. Insgesamt allerdings eher simple und sterile Zeichnungen.

Leser-Wertung

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Marcel Scharrenbroich
Allein Allein

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Okt 2018

Gefangen zwischen Monotonie und Suizid-Gedanken

Schon die ersten Bilder… die ersten Worte… lassen erkennen, welche Angst… ja, welche Hilflosigkeit den jungen Thomas Bernhard jeden Tag… jede Nacht… durchfährt. Ein trister und kalter Schlafsaal. Hier reiht sich Bett an Bett. Befüllt mit namen- und gesichtslosen Burschen. Gänzlich einer Identität und Individualität beraubt. Die Nächte sind einsam. Einsam, wie auch die Tage. Nur hier, zur nächtlichen Stunde, herrscht eine trügerische Art von Freiheit… Gedankenfreiheit… auch, wenn sie nur in den Köpfen der Kinder stattfindet. Eine Freiheit, die eingezäunt von engmaschigem Stacheldraht und eingeengt von modrigen Mauern mehr Schein als Sein ist. Ein Wunschdenken, überschattet von Traurigkeit, Einsamkeit und der Angst vor dem nächsten Tag.

Bernhard ist gerade mal dreizehn Jahre alt, als die graue, unterkühlte Welt, die sich in den Wänden des Internats bedrohlich entfaltet, seine neue Heimat wird. Herausgerissen aus einer unbekümmerten Freiheit, die er am liebsten mit seinem Großvater verbrachte und hineingeworfen in den tiefsten Kerker, der keinen aufheiternden Lichtstrahl zulässt. An der kalten Fassade seines Gefängnisses prallt jede Wärme… jeder Hoffnungsschimmer… chancenlos ab. Außerhalb der Internats-Mauern tobt der Krieg. Innen ebenfalls. Wer nicht gehorcht, wird bestraft. Mit harter Hand regiert Direktor Grünkranz die nationalsozialistische Unterkunft in der Schrannengasse. Zusammen mit den Aufsehern stellt Grünkranz das elitäre Feindbild der Jungen dar. Uniformiert, einschüchternd, sadistisch und gnadenlos. Hinter verschlossenen Türen herrscht hier ein eigener Krieg innerhalb des Krieges. Ein eingezäunter Mikrokosmos, der keinen rettenden Ausweg bereithält. Ein Schlachtfeld, das keinen Gegner bietet und schon vor dem eigentlichen Gefecht den Sieger kürt. Widerstands- und waffenlos. Aufgeben… sich selbst aufgeben… kapitulieren… sind hier die einzigen Möglichkeiten. Möglichkeiten, an denen bereits Zöglinge zerbrachen. Möglichkeiten, die sie in den Tod trieben. Den selbstgewählten Tod. Aus Angst… Hoffnungslosigkeit. Ein Gedanke, der auch den dreizehnjährigen Thomas Bernhard begleitet. Tag für Tag. Nacht für Nacht… für Nacht… für Nacht.

Klaustrophobische Kälte

Der Internats-Alltag, den Thomas Bernhard in „Die Ursache“ autobiographisch beschreibt, ist eindringlich und nagt am Leser. Grau und trostlos springt einen die nackte Angst, welche Bernhard und die anderen Zöglinge auf Schritt und Tritt begleitete, mitten ins entsetzte Gesicht. Die Enge in den Stollen der Stadtberge, in denen die Internats-Schüler zusammen mit unzähligen anderen Männern… Frauen… Kindern…  Schutz vor Bombenangriffen suchen, ist spürbar. Auf dem Boden kauernd und wie eingepferchtes Vieh den drohenden Detonationen an der Oberfläche lauschend, verbrachten die Kinder dort bald mehr Zeit als lernend in ihren Klassenzimmern. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie dünn die Luft nach stundenlangem Ausharren in diesem unterirdischen Gefängnis… Grab… geworden war. Und für einige wurde es dies tatsächlich… ein Grab. Gestorben aus Angst und Sauerstoffmangel. Reihenweise kollabierten übermüdete Kinder, denen keine Ruhepause gegönnt wurde… alte Menschen… Frauen und Männer. Vom Stollen ins Klassenzimmer… und wieder zurück. Die Liegen füllten sich mit geschwächten und entkräfteten Körpern. Viele fanden dort ein entsetzliches Ende, lange bevor die erste Bombe Salzburg überhaupt getroffen hatte. Doch die Bomben kamen… und sie trafen…

OhnePunktundKommaundinendlosenSätzen

Der in den Niederlanden geborene, österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989) zählt seit den 80er-Jahren zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren. Seine Werke sind allerdings auch nicht unumstritten. In vielen seiner Texte verschmähte er Personen des öffentlichen Lebens und machte auch vor Freunden und Bekannten nicht halt. Diese fühlten sich verunglimpft und machten ihrem Ärger öffentlich Luft, was die Veröffentlichung seiner Werke medienwirksam begleitete. Auch die regelmäßige Kritik an seinem Heimatland Österreich, welches Bernhard gerne als „Katholisch-nationalsozialistisch“ bezeichnete, steigerte skandalträchtig seinen Bekanntheitsgrad.

Leisere und nachdenklichere Töne schlug der Autor mit seiner fünfteiligen Autobiographie an, welche sich mit seinen Kindheits- und Jugendtagen beschäftigt… diese quasi selbsttherapeutisch aufarbeitet: „Die Ursache. Eine Andeutung“, „Der Keller. Eine Entziehung“, „Der Atem. Eine Entscheidung“, „Die Kälte. Eine Isolation“ und „Ein Kind“.

„Die Ursache“ wurde bereits 1975 erstmals publiziert und dient nun als Vorlage für eine gleichnamige Graphic Novel, illustriert vom 1988 in Innsbruck geborenen Illustrator und Storyboard Artist Lukas Kummer. Der bereits in der Vorlage verwendete Schreibstil Bernhards wurde dabei übernommen. In der Regel ist eine Nähe zum ursprünglichen Werk immer zu begrüßen, doch in diesem Fall mag sich mancher Leser die Zähne an den verschwurbelten Endlos-Sätzen des Thomas Bernhard ausbeißen… mich eingeschlossen. Regelrechte Wort-Lawinen lässt der Autor über den unvorbereiteten Konsumenten hereinbrechen… ohne nahenden Schutz oder Rettung. Selbst bei rechtzeitigem Ausweichen würde den Flüchtigen noch eine Wort-Steigerung… oder eines der unzähligen, umherfliegenden Kommata… am Hinterkopf treffen und benebelt auf den buchstabenbedeckten Boden sinken lassen. Eine sich wiederholende Wortschöpfung jagt die nächste und hetzt den angestrengten und bemühten Konsumenten zur unweigerlich folgenden Übertreibung des zuvor bereits Gelesenen. Bernhards ausufernder und manchmal auf der Stelle tretender Schreibstil wurde zu seinem Markenzeichen und inspirierte viele Autoren und Autorinnen im In- und Ausland. Eine Tatsache, die man nicht abstreiten kann… ebenso muss man akzeptieren, dass dieser Stil nicht jedem gefällt.

Grau in grau

Schwarz, Weiß und Grau. Mehr Farben gibt es nicht in „Die Ursache“. Dies ist auch gut so, denn hätte Lukas Kummer hier die volle Farbpalette aufs Papier gebracht, wäre ein Großteil der Glaubwürdigkeit und Intensität überpinselt worden. So bleibt eine unterkühlte Atmosphäre, deren Trostlosigkeit schreiend aus jedem Panel springt. Ebenso wie Bernhard seine Endlos-Monologe fast zu Tode reitet, wiederholen sich auch Kummers Bilder und weichen oft nur in Kleinigkeiten voneinander ab. Gelegentliche Perspektiv-Wechsel sorgen für Abwechslung und unterbrechen die quälende Monotonie, die den Internats-Alltag der Zöglinge treffend überträgt.

Kummer, der bereits mit „Die Verwerfung“ (2015) und „Gotteskrieger“ (2017) geschichtliche Stoffe illustrierte, erfindet sich auch in „Die Ursache“ wieder neu. Eher simpel und minimalistisch nähert er sich den Protagonisten, was gleichzeitig aber auch eine Distanz zum Leser bewirkt. Die gesichtslosen Charaktere liefern zu wenig Bezugspunkte, sodass die emotionale Nähe zum erzählenden Bernhard rein aus den Texten kommen muss… und diese machen es einem nicht gerade einfach.

Fazit:

Ebenso wie die gesamten autobiographischen Schriften von Grimme-Preisträger Thomas Bernhard erschien auch die aktuelle Graphic Novel „Die Ursache“ im Residenz Verlag, einem der traditionsreichsten Verlage in Österreich. Das Hardcover überzeugt durch gute und hochwertige Verarbeitung und sei denen empfohlen, die sich mit Bernhards Werken bereits auskennen oder sich durch eine anstrengende Erzählweise nicht abschrecken lassen.

Ich gebe zu, dass ich mich anfangs sehr schwer damit tat und erst bei einer zweiten Sichtung den Zugang gefunden habe. Meine ursprünglich angedachte Endbewertung wurde deswegen noch nach oben korrigiert. Definitiv kein Buch, das man mal „nebenher“ konsumiert und schon eine besondere Aufmerksamkeit des Lesers erfordert.

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