Couch-Wertung

6
Story
Zeichnung

Story

Kryptisch, verschachtelt und größtenteils unzureichend vermittelt. Wenige Lichtblicke, die im Gesamtwerk leider untergehen.

Zeichnung

Vielseitig und ansprechend an die jeweilige Thematik angepasst. Fiore überzeugt mit Stil-Sicherheit und nötiger Abwechslung.

Leser-Wertung

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Marcel Scharrenbroich
Momentaufnahmen

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Aug 2018

29… 30… 31…

Der Titel des Buches von Manuele Fior weist auf eine alte italienische Volksweisheit hin, die seit Generationen weitergegeben wird. „Giorni della mera“ – Die Tage der Amsel – beziehen sich auf die letzten drei Januar-Tage, die in Italien traditionell die kältesten Tage des Jahres sein sollen. Nun, dass der Winter bekanntlich erst Mitte März endet, sollte auch in den kleinsten Regionen hinlänglich bekannt sein, aber Brauch ist nun mal Brauch… und unsere unzähligen Bauern-Weisheiten nimmt sicher auch niemand für bare Münze.

Genauer gesagt ist „Die Tage der Amsel“ nicht nur der Titel des gesamten Buches, vielmehr trägt EINE Geschichte in Fiors Werk diesen Namen. Der Leser bekommt hier nämlich nicht eine durchgängige Erzählung serviert, sondern eine Sammlung von zehn - voneinander unabhängigen - Kurzgeschichten, die in ihrer Ausführung und in ihrer Thematik nicht unterschiedlicher sein könnten. Zwischen 2007 und 2015 fanden sie als Erstveröffentlichungen in Zeitungen, Magazinen und Anthologien platz und liegen nun gebündelt als Sammelband vor.

(Sur)real

Einen roten Faden sucht man in Fiores Erzählungen, wie gesagt, vergebens… stattdessen konfrontiert er den Leser mit Situationen, die teilweise mehr Fragen aufwerfen als sie Antworten liefern und einen aufgeschlossenen und neugierigen Konsumenten (in diesem Fall den Rezensenten) – mehr als einmal – ratlos zurücklassen. Über den tieferen Sinn der einzelnen Geschichten kann man geteilter Meinung sein, sicher… sofern man denn die Intentionen Fiors herauslesen kann, was mir persönlich sehr schwer fiel.

Lässt sich in den ersten Geschichten – „Hilfe!“ und „Klassenfahrt“ – noch relativ problemlos zwischen den Zeilen lesen, ließen mich speziell die seitenstärkste Titelgeschichte „Die Tage der Amsel“ und „Gare de L’Est“, wo sich zwei gigantische Roboter (fast) komplett auf Text verzichtend die Blechköpfe vor dem Pariser Ostbahnhof einschlagen, ziemlich überfordert und ohne schlüssige Erklärung zurück. Ich bin zwar ein großer Freund von Bildsprache, Symbolik und Metaphern, doch hier wollte der Funke einfach nicht richtig überspringen.

Neben einigen übernatürlichen Vorkommnissen widmet Manuele Fior sich aber auch den geerdeten und irdischen Begebenheiten. Nicht, dass diese leichter verdaulich wären, behandelt er doch Themen wie Terroranschläge in Paris, Migration und Krieg. Doch auch hier fehlt mir – trotz aller Brisanz – die Muße, um hinter Fiors schier undurchdringlichen Schleier, in den er seine Erzählungen hüllt, zu blicken. Mir fehlt der Anreiz… die Hoffnung auf Erleuchtung in einem dunklen Gewirr, dass nicht mal einen Lichtstrahl erahnen lässt. Du kannst auch nicht mit einem simplen Malkasten und viel gutem Willen eine 1:1-Kopie von da Vincis „Mona Lisa“ auf die Leinwand zaubern… dazu braucht es schon mehr… und DAS ist mir hier nicht gegeben.

1 + 1 = 2 ?

Doch… darf man solch relevante Themen überhaupt kritisieren? Themen wie Terror, Krieg und Migration? In Zeiten, in denen sämtliche Grautöne scheinbar ausradiert wurden und alles und jeder in schwarz/weiß – beziehungsweise braun-blau/weiß – kategorisiert wird? Man mag es kaum glauben, doch es gibt Leute, denen gefällt der filmische Meilenstein „Schindlers Liste“ – nach dem Roman von Thomas Keneally – nicht. Ein unglaublich bewegendes und ebenso wichtiges Meisterwerk, welches die abscheulichsten Taten der Menschheitsgeschichte thematisiert und gleichzeitig die Menschlichkeit und Nächstenliebe zelebriert. Und – so unfassbar es klingen mag – diese Leute, die dem Werk nichts abgewinnen können, fressen (meist) keine kleinen Kinder zum Frühstück, schubsen keine hilflosen Katzen vom Balkon und zünden auch keine Häuser an. Erschreckend, oder?

Was ich damit sagen will: JA… natürlich darf man Thematiken mit politischer Brisanz kritisieren. So, wie sich Manuele Fior die Freiheit nimmt, bestimmte Ereignisse aus seinem Blickwinkel zu behandeln, darf auch jeder Leser Kritik an seiner Herangehensweise anbringen. Es muss nicht zu allem Ja und Amen gesagt werden, da ja sonst mit dem Finger auf einen gezeigt werden könnte. Eine aufgeschlossene und weitestgehend rationale Bevölkerung sollte da schon differenzieren können, was konstruktive (und aus meiner Sicht auch angebrachte) Kritik ist und wo die große Hürde zum Populismus, der ja heutzutage hinter jeder Ecke vermutet wird (und sich leider auch hinter so mancher verbirgt) anfängt… aber da wären wir wieder bei den ausradierten Graustufen.

So ernüchternd sich dieser Bericht zu Manuele Fiors Kurzgeschichten-Sammlung nun auch anhören mag, es gibt auch Positives zu berichten...

Stilistische Wundertüte

Auf den ersten Blick scheint es, als hätte Fior seine Arbeiten den unterschiedlichsten Künstlern anvertraut, die seine Werke in ihrem jeweiligen Stil illustrieren sollten. So scheint es… Tatsächlich stammen alle Zeichnungen vom italienischen Künstler höchstpersönlich. Sein Œuvre reicht dabei von klarlinigen und feinen Darstellungen, großflächig und blass koloriert, über abstrakte Charakter-Zeichnungen in grellen Aquarellen, bis hin zu Schraffierungen und schwarz/weißem Minimalismus.

Auch hier kann über den Stil der einzelnen Geschichten gestritten werden. Mal sehr ansprechend… mal gefällig… mal annehmbar, aber ohne Glanz. Die künstlerische Vielfältigkeit muss man Manuele Fior aber unumstritten anerkennen.

Fazit:

Ein schlauer kleiner Hase sagte im unvergessenen Disney-Klassiker „Bambi“ einst die weisen Worte: „Wenn man nichts nettes zu sagen hat, soll man den Mund halten.“

Ganz so einfach wollte ich mich natürlich nicht aus der Affäre stehlen und das wäre – bei aller inhaltlichen Kritik – auch unfair dem Künstler gegenüber. Für MEINEN Geschmack wollen die Geschichten mehr sein als sie sind und können auf erzählerischer Ebene nur bedingt bis wenig überzeugen. Ausnahmen bestätigen zwar auch hier die Regel, doch bleibt der Großteil der Kurzgeschichten-Sammlung Antworten – oder zumindest plausible Hinweise – schuldig. Auf künstlerischer Ebene spricht die Vielseitigkeit von Manuele Fior zumindest das Auge an.

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