Text:   Zeichner: Adam de Souza

Die Kluft

Die Kluft
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Marcel Scharrenbroich
4101

Comic-Couch Rezension vonJan 2026

Story

Die größte Frage ist hier, ob man sich dem Ernst des Lebens stellt, oder dem zu entfliehen versucht. Die Antwort hat mich nicht mehr wirklich interessiert.

Zeichnung

Okay, aber weder aufwendig noch innovativ. Pro Kapitel zaubert de Souza immerhin eine neue Farbe aus dem trüben Malkasten.

Der Weg ist das Ziel... wenn man denn eines hat

„Stand by Me“ (in der Gen-Z-Version)

Noch lausige zwei Tage, dann ist die Highschool Geschichte! Rauschender Abschlussball, gemeinsames Schwelgen in Erinnerungen, feuchtfröhlich und tränenreich. Wehmütige Blicke nach hinten, vorfreudige auf das, was da kommen mag. Bereitmachen für das Arbeitsleben, Karriereplanungen vorantreiben. Sich die Bilderbuch-Zukunft ausmalen und alles daransetzen, diese in einem hürdenreichen Lauf durch etwaige Widrigkeiten irgendwann, geprägt von harter Arbeit und wissbegierigem Fleiß, irgendwie zu erreichen. So sieht der Weg bei vielen Teenagern aus… jedoch nicht bei Olivia. Sie haut kurz vor dem Abschluss einem Mitschüler ordentlich aufs Maul, weil sie sich von ihm gemobbt fühlt. Dann entzieht sie sich kurzerhand der Verantwortung und geht stiften, bevor sie für ihr spontanes Handeln bei der Schulleitung Rede und Antwort stehen muss. Wäre (ihr) eh egal, denn Olivias Zukunft steht für sie bereits fest. Nachdem sie einen alten Flyer einer abgelegenen Kommune zwischen den Platten ihrer Eltern gefunden hat, steht ihr Entschluss fest: Abhauen. Sich jeglichen Pflichten und vor allem der Erwartungshaltung anderer entziehen und einem vorbestimmten Leben den Mittelfinger zeigen. Jawoll! Irgendwo im Nirgendwo etwas „Wichtiges“ bewegen, ohne aber zu viel dafür zu tun. Geschweige denn etwas, dass ihr auch nur ansatzweise vorgeschrieben wird. Sehr erstrebenswert…

Mit im Boot ist ihr bester Freund Milo, der kurzerhand den nerdigen Alvin, seinen heimlichen Schwarm, hinter Olivias Rücken zu dem Trip ins Unbekannte eingeladen hat. Passt Olivia natürlich auch nicht, denn Alvin zockt mit Magic-Karten und hat außerdem eine scheiß Frisur. Geht ja gar nicht!!!

So macht das ungleiche Trio sich auf den Weg, um etwas zu finden, bei dem sie gar nicht wissen, wonach sie eigentlich suchen.

„Was ist so falsch daran, dass ich nichts machen will?“

Diese Frage stellt sich Olivia gegen Ende selbst. Kurze Antwort darauf: so ziemlich alles. Und diese fragwürdige Einstellung wird schon ziemlich früh im Buch deutlich, denn das Mädel mit dem unberechenbaren Gemüt eckt an, wo es nur geht. Ob Fremde oder Freunde, zuerst stößt sie jedem erstmal ablehnend vor den Kopf. Egoistisch und sich für den Nabel der Welt haltend, der sich jeglicher Kritik an sich erstmal konfrontativ entgegenstellt. Das muss so ein Generationen-Ding sein, dem ich entwachsen bin. Olivia ist wohl kein Einzelfall, denn dazu muss man sich nur mal die wirtschaftliche Situation in unserem Land ansehen. Das Bildungsniveau ist gesunken, um in Länder-vergleichenden Studien nicht noch mehr abzustinken. An der Abiturientenquote ändert dieser Umstand erschreckend wenig, tatsächlich steigt dieser kontinuierlich. Auf dem Papier natürlich toll, in der Realität folgt aber nicht selten bereits im angestrebten Studium die Ernüchterung. Die Abbruchquoten sind durch falsche Erwartungen, zu hohen Anforderungen oder durch fehlende Motivation konstant hoch. Dadurch, dass heute jeder Hochschulabsolvent denkt, dass ihn ihm der nächste Einstein schlummert, leidet vor allem das Handwerk. Händeringend wird nach Auszubildenden gesucht, die sich aber immer weniger die Hände schmutzig machen wollen. Klingt hart, ist aber so. Wenn du im Schlaf mit den Begriffen Break-Even-Point, Leverage-Effekt und Nutzwertanalyse jonglierst, im Wachzustand aber noch nicht mal einen Nagel in die Wand kloppen kannst, frag dich mal, wen du in ein paar Jahren deswegen anrufst.

Um noch kurz bei der Betriebswirtschaftslehre (dem mit Abstand beliebtesten Studienfach) zu bleiben: Olivia denkt nach dem Extremumprinzip, welches im ökonomischen System die optimale Mischung aus Minimal- und Maximalprinzip darstellt. Mit möglichst wenig Aufwand das bestmögliche Ergebnis erzielen. Machbar? Mit ausreichender Risikoabwägung und unter Einbeziehung der äußerst menschlichen Komponente, dass auch irgendwas mal gehörig im Leben schieflaufen kann… eher schwierig. Aber ich möchte natürlich niemandem seine rosarote Sicht auf das Leben trüben. Schon gar nicht Olivia.

Fazit:

Der kanadische Künstler Adam de Souza hat hier ein Coming-of-Age-Bild gezeichnet, bei dem ich froh bin, diesem entwachsen zu sein. Wer auf eine alternative Lebensgestaltung mit frecher Rotzigkeit steht, wird hier definitiv fündig. Nennt mich altbacken, aber that’s it.

Die Kluft

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