Couch-Wertung

7
Story
Zeichnung

Story

Eine nachvollziehbare Idee, die im Grunde toll herausgearbeitet hätte werden können. Leider musste ich als Leser zu viel hineininterpretieren, um die Hauptfigur für mich sympathisch und die Geschichte vollends zufriedenstellend zu machen.

Zeichnung

Erneut sorgt Bastien Vivès mit seinem Stil dafür, dass man ihn als einen der ganz Großen bezeichnen kann, was Minimalismus betrifft. Sanfte Grautöne und weiche Striche, die viel Ausdruckskraft besitzen, den realistischen Charakteren schmeicheln, das erzählerische Defizit jedoch nicht gänzlich kaschieren können.

Leser-Wertung

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Marcel Scharrenbroich
Kleider machen Leute

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Sep 2019

Dressed For Success

Die junge Französin Séverine steckt mitten in ihrem Studium und sticht auch außerhalb des Hörsaals nicht sonderlich aus der Masse heraus. Defensiv und unscheinbar lebt sie ihr Leben und auch ihre Beziehung mit Thomas, mit dem sie sich eine Wohnung teilt, scheint festgefahren… festgefahren in einer Einbahnstraße, die wiederum irgendwann unweigerlich in einer Sackgasse enden wird. An gemeinsamen Treffen im Bekannten- und Freundeskreis nimmt Séverine zwar Teil, fühlt sich inmitten des Geschwurbels der anderen aber wie ein Fremdkörper im eigentlich vertrauten Kreis. Die gemeinsamen abendlichen Aktivitäten des Paares beschränken sich meist auf das Schauen diverser TV-Serien. Eine Beziehung, die den eigentlichen Sinn und Zweck einer solchen auf halber Strecke verloren zu haben scheint. Die Romantik ist dahin und man lebt quasi nebeneinander, statt miteinander.

Als Séverine eines Abends bei einem Ehepaar babysittet, dessen Zweisamkeit ebenfalls auf wackeligen Beinen steht, ist es einem Missgeschick zu verdanken, dass sich ihr Leben grundlegend verändern soll: Die kränkelnde Tochter reihert ihr das Abendessen aufs Shirt. Na toll… Da der Herr des Hauses früher als geplant nach Hause zurückkehrt, nachdem der gemeinsame Abend mit seiner Gattin durch einen Streit jäh endete, revanchiert er sich mit einer Notlösung aus deren Kleiderschrank. Eine edle, weiße Seidenbluse.

Anfänglich noch darauf bedacht, Herrn Marguet das geborgte Stück möglichst schnell und unversehrt zurückzugeben, merkt Séverine schnell, welche Wirkung dieses eigentlich simple, wenn auch teure Kleidungsstück auf ihr Umfeld zu haben scheint. Der Literaturwissenschaftsprofessor, der sie kürzlich noch nach ihrem Namen fragte und ihre Unscheinbarkeit damit noch bekräftigte, kann plötzlich die Augen nicht mehr von ihr abwenden. Ihre grazile Erscheinung sorgt ebenfalls dafür, dass die Universitäts-Kommilitonen glasige Augen bei Séverines Anblick bekommen und von jetzt auf gleich hagelt es Komplimente für die junge Frau. Sie wird in Cafés angesprochen und auch die Freunde von Thomas scheinen das Mauerblümchen nicht mehr als unsichtbar wahrzunehmen… nur Thomas, ihr eigener Lebenspartner, ist blind auf beiden Augen. Was für ‘n Vollidiot.

Natürlich bleibt auch Séverine die neue Wirkung, die sie auf die Männerwelt ausübt, nicht lange verborgen und schon bald fängt sie an, sich in ihrer begehrenswerten Rolle wohlzufühlen… und zu entfalten. Sie tritt aus ihrem Schatten heraus und tut im Schutze ihrer „Rüstung“ Dinge, die sie vor wenigen Tagen niemals für möglich gehalten hätte…

Rise of the Phoenix

Man könnte die Hauptfigur Séverine eigentlich als klassische Superheldin bezeichnen, obwohl „Die Bluse“ wohl weiter von diesem Genre entfernt ist, wie nur irgendwas. Dennoch finden sich einige Vergleiche… wenn auch komplett gegensätzliche. Im Alltag praktisch unsichtbar für ihre Mitmenschen, lebt die junge Frau quasi unerkannt. Sie trägt eine Tarnung, ohne sich bewusst zu sein, eine zu tragen. Sie ahnt nicht, wer unter der „grauen“ Oberfläche schlummert… wer sie wirklich sein könnte… wer sie wirklich IST. Wo der Superheld sein strahlendes Outfit samt wehendem Cape überstreift, um die Welt zu retten, schlüpft Séverine in das Kleidungsstück, das sie für ihr Umfeld begehrenswert erscheinen lässt. Sie rettet keine Kätzchen vom Baum, jagt keine Bankräuber, bietet keinen Superschurken, die die Weltherrschaft anstreben, die Stirn… nein, sie rettet nur sich. Befreit sich aus dem einengenden Alltags-Korsett, das ihr schon viel zu lange die Luft abschnürt. Eigennützig und NICHT zum Wohl der Allgemeinheit. Nur auf sich fokussiert, entdeckt sie eine ganz andere, wildere, bisher tief schlummernde Seite in sich. Abenteuerlust, noch nie gewecktes Verlangen und Selbstsicherheit keimen in ihr auf. Es hätte das Paradebeispiel eines Selbstfindungstrips werden können. Die selbstbewusste Reise einer jungen Frau, die sich nun DAS nimmt, wovon sie bisher nicht mal wusste, dass sie es überhaupt wollte, wenn… ja, wenn es dann in seiner Gesamtheit nicht zu plakativ geraten wäre.

Das können Sie besser, Monsieur…

Ich will nicht behaupten, dass ich enttäuscht bin, aber… doch. Eigentlich bin ich es... zumindest ein wenig. Nachdem Bastien Vivès mit „Eine Schwester“ (ebenfalls bei Reprodukt erschienen) eine herausragende Coming-of-Age-Story vorgelegt hat, die optisch zwar minimalistisch und reduziert dargestellt, dennoch SO VIEL ausdrückte und zu geben hatte, dass man Vivès für sein goldenes Händchen nur gratulieren konnte, war die Erwartungshaltung an sein neustes Werk natürlich sehr hoch. Leider schließt der talentierte Franzose an diesen Erfolg nicht nahtlos an. Die Prämisse ist zwar klar, jedoch zu bemüht. Séverines Entwicklung ist deutlich erkennbar und steht im Fokus, dafür muss man nicht zwischen den Zeilen lesen können. Jedoch fehlt mir ein klarerer Blick in ihr Gefühlsleben. Ihre (zumindest in meinen Augen) angedeutete Enttäuschung. Ihre Enttäuschung vom Leben, ihrer Beziehung… und vielleicht auch von sich selbst. Wir sehen, dass sie nicht von Anfang an die erste Geige spielt… weder an der Uni, noch im Leben ihres strunzdummen Freundes Thomas. Hier ist Vivès‘ reduzierter Zeichenstil, der nichtsdestotrotz hervorragend anzusehen ist, einmal nicht förderlich. Nicht förderlich, um die Geschichte aussagekräftig zu betonen. Dafür hätte auf inhaltlicher Ebene mehr Tiefgang geholfen. Beide Faktoren, die erzählerische UND die künstlerische Ebene, auf ein Minimum herunterzuschrauben, lässt dem Leser zwar mehr Spielraum, um mit dem Gegebenen auf individuelle Art und Weise umzugehen, verhindert aber im gleichen Moment, dass eine stärkere Bindung und genügend Sympathie zur Hauptfigur aufgebaut werden können.

Fazit:

Ein wirklich nicht ganz einfach zu bewertendes Buch. Selbst beim Schreiben dieses Textes war ich noch hin- und hergerissen. Auf der einen Seite ist die Aussage der Story klar abgesteckt und logisch. Auf der anderen Seite verhindert der Minimalismus in Wort und Bild, dass man mitfühlend mit Séverine durch die Geschichte geht. Dafür fehlt es der Figur an Tiefe. Gestik und Mimik treffen zwar sehr oft den Moment, lassen aber nicht hinter die Fassade blicken, was textlich hätte ausgeglichen werden können… und für mich persönlich sogar werden müssen.

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