Couch-Wertung

10
Story
Zeichnung

Story

Kurz… aber nachwirkend! Hier werden dem Leser Freiräume für eigene Interpretationen gelassen. Ich habe meine gefunden… und werde bei den nächsten Malen, wenn ich das Buch aus dem Regal ziehe, bestimmt weitere entdecken.

Zeichnung

Märchenhaft und unglaublich stimmungsvoll. Gach fängt den Zauber und die Tragik der Geschichte meisterhaft ein und taucht sie in leuchtend-kraftvolle Farben.

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Marcel Scharrenbroich
Wenn Kafka seine Augen schließt…

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Feb 2019

Sehnsucht nach Extravaganz

Bereits ein Blick auf das vor mir liegende Werk hält mir wieder deutlich vor Augen, warum es mich vor einigen Jahren wieder in die Welt der bunten Bilder zog und warum ich dieses Medium so liebe. In Zeiten von eBooks und Hörbüchern gibt es doch nichts schöneres, als ein toll gestaltetes Buch in Händen zu halten. Sich an dessen aufwändiger Gestaltung zu erfreuen, das hochwertige Papier zwischen den Fingern zu spüren und „analog“ den Druck zu bestaunen.

Im Falle von „Der Junge lebt im Brunnen“ trifft all dies zu. Mehr noch, überrascht der Titel mit einer mehr als ungewöhnlichen Aufmachung. Zwischen zwei stabilem, unbehandelten Karton-Buchdeckeln finden sich hochwertige Seiten aus Munken-Polar-Paper, das über eine raue Oberflächenstruktur verfügt. Auf einen Buchrücken wurde gänzlich verzichtet, sodass man direkt auf die Bindung schaut. Das atmosphärische Front-Motiv wurde im Siebdruck-Verfahren aufgetragen, während die weiße Schrift tiefengeprägt ist. Mindestens ebenso außergewöhnlich wie die Gestaltung, ist aber auch das Innenleben des Buches ein echtes Erlebnis…

Sehnsucht nach Zweisamkeit

Die Geschichte beginnt mit einem jungen Mädchen, das verträumt auf einer Wiese liegt, umgeben von der Natur, umarmt von grellgrünen Grashalmen, vollkommen eins mit ihrer Umgebung… allein. Des Abends liegt sie in ihrem wärmenden Bett, im Haus ihrer fürsorglichen Großeltern, lesend und tief versunken in fernen Welten… aber allein. Auf dem Weg von der Schule sieht man viele gleichaltrige Kinder vergnügt und unbeschwert durch die Straßen des ländlichen Städtchens schlendern. Es wird geredet und gelacht, doch das Mädchen läuft wie abgeschottet, quasi unsichtbar, hinter den anderen… wieder allein. Beim Mittagessen mit den Großeltern schweift ihr Blick durch das Fenster. Angezogen vom idyllischen Grün des angrenzenden Waldes, zieht es sie hinaus ins Freie… immer noch allein.

Bei ihrer Erkundungstour zieht es das Mädchen immer tiefer in den Wald. Das freundlich-leuchtende Grün weicht dunkler und unberührter Natur. Dicht gewachsene Baumwipfel lassen kaum Sonnenlicht zu. Nur selten verirrt sich ein wärmender Strahl auf den hohen Gräsern und Pflanzen. Inmitten einer Lichtung bündelt sich das Licht jedoch. Ein gleißender Schein umrahmt etwas, das auffällig und zentriert aus dem Boden ragt. Es ist ein alter Brunnen. Abgedeckt mit morschen Holzbrettern und beschwert mit einem großen Stein. Neugierig hievt das Mädchen den moosbewachsenen Brocken herunter und räumt die Bretter beiseite, um einen neugierigen Blick in den tiefen Wasserspender zu werfen. Was sie dort erblickt, übersteigt ihre kühnsten Erwartungen. Anders als erwartet, fallt ihr Blick nicht in ein schwarzes Nichts, welches den Boden nur erahnen lassen würde, sondern auf eine geisterhafte, blass-schimmernde Gestalt, die auf dem Grund des alten Brunnens hockt. Es ist… ein Junge?

Mit leuchtenden Augen bittet er sie, zu ihm hinabzusteigen. Zuerst skeptisch, doch auf seltsam vertraute Art von dem unbekannten Knaben angezogen, wagt das Mädchen den Abstieg… bevor sie der Mut verlässt und sie auf halbem Weg wieder kehrt macht. Abends erzählt sie den Großeltern von ihrem Fund im Wald und ebenfalls von dem mysteriösen Brunnen-Bewohner. Diese schieben das Erlebnis aber auf die lebhafte Fantasie der Kleinen zurück, warnen jedoch davor, diesen Ort erneut aufzusuchen. Der Junge im Brunnen übt jedoch eine magische Anziehungskraft auf das Mädchen aus, denn er hat eine Geschichte zu erzählen… eine tragische Geschichte… SEINE Geschichte.

„Zeichnen ist Sprache für die Augen, Sprache ist Malerei für das Ohr.“
- Joseph Joubert (französischer Moralist und Essayist, 1754 – 1824)

Und beides im harmonischen Einklang, hebt einen Comic aus der Masse an Veröffentlichungen positiv hervor.

Nie ganz aus meinem Leben verschwunden, jedoch lange Zeit sträflich vernachlässigt, gibt es Kunstwerke zu entdecken, die nicht in Museen oder Galerien hängen. Ich kann bei Ausstellungen vor abstrakten Gemälden von Picasso stehen und mutmaßen, wo bei dessen „Weinende Frau“ oben und unten ist, kann stundenlang vor den getropft, geschüttelt und gerührten Werken des Expressionisten Pollock verweilen, ohne den tiefen Sinn auch nur zu erahnen und kann mich in die lange Schlange derer einreihen, die seit Jahrzehnten versuchen, die ansehnlichen – aber zum Teil auch verstörenden – Arbeiten von Hieronymus Bosch zu deuten… oder aber, ich denke im Kleineren, sprich, ich widme mich der „handlicheren“ Kunst, welche uns schon im Bahnhofs-Kiosk, Buchladen oder Comic-Shop erwartet. Wenn man sie sucht, findet man sie auch… irgendwo, irgendwann.

Abseits der übermächtigen Superhelden, die dank ihrer umfassenden und komplexen Multiversen ebenfalls prächtig unterhalten können… und abseits von sprechenden Mäusen und Enten, liebgewonnenen Galliern, Cowboys, die schneller schießen als ihre Schatten. Dort… ja, dort finden sich immer wieder ambitionierte Kleinode, die nicht nur unterhalten wollen. Perlen, die gesehen, gelesen und erlebt werden wollen. Die, deren Worte nicht in Stein gemeißelt sind und uns durch ein großes „Ende“-Schild zum Zuklappen animieren und somit dafür sorgen, dass wir augenblicklich nach Beenden der Geschichte auch geistig mit selbiger abschließen. Solche Augenblicke, wenn das gerade eben „erlebte“ noch stunden- oder tagelang nachwirkt, machen den Reiz an Comic-Werken aus, die sowohl auf visueller als auch erzählerischer Ebene überzeugen können. Warum schreibe ich das alles? Weil mich „Der Junge lebt im Brunnen“ eben nachhaltig beeindruckt hat und die zuvor genannten Punkte hier absolut zutreffend sind.

Hand in Hand

Erdacht hat sich die rührend-tragische Geschichte der deutsche Autor und Musiker Alexander Kaschte. Kaschte, der Musikfreunden auch seit mehr als 20 Jahren als Gründer und Sänger der Band „Samsas Traum“ – eine Anlehnung an Gregor Samsa, der tragischen Hauptfigur in Franz Kafkas „Die Verwandlung“ (1912) - ein Begriff sein dürfte, benannte dieses Werk nach einem seiner Songs. „Der Junge lebt im Brunnen“ ist Teil des Konzept-Albums „a.Ura und das Schnecken.Haus“ aus dem Jahr 2004, welches über die gesamte Laufzeit eine fortlaufende Geschichte erzählt. Die Musik des in Mittelhessen geborenen Künstlers schaffte es auch schon bis nach Hollywood. Die Songs „Bis an das Ende der Zeit“ und „Anti“ sind Teile der Soundtracks der Horror-Blockbuster „Saw II“ und „Saw III“.

Für das melancholische Comic-Märchen „Der Junge lebt im Brunnen“ holte sich Alexander Kaschte mit dem preisgekrönten polnischen Künstler Jaroslaw Gach einen kongenialen Partner ins Boot, der die Geschichte meisterhaft umgesetzt hat. Die malerische Idylle der Natur fängt Gach ebenso gekonnt ein, wie den märchenhaften Charakter der Erzählung. So entstehen verträumte Kompositionen, die Ruhe ausstrahlen und diese auch übertragen. In dieser ruhigen Atmosphäre schwebend, wird die Tragik, die „Der Junge lebt im Brunnen“ beinhaltet, nur umso wuchtiger an den Leser getragen. Intensiv und berührend.

Fazit:

Gemessen am geringen Umfang, reißt der Insektenhaus-Titel „Der Junge lebt im Brunnen“ schon ein mittelgroßes Loch in den Geldbeutel… bedenkt man aber, dass man bei manch anderer „Kunst“ noch problemlos so einige Nullen hinzufügen darf, wären Eure Taler höchstens in einem realen Wunschbrunnen besser investiert. Alexander Kaschte und Jaroslaw Gach sorgen dafür, dass die märchenhafte Geschichte über Sehnsucht und Freiheit noch lange nachwirkt. Ein verträumt-melancholisches Kunstwerk.

Deine Meinung zu »Der Junge lebt im Brunnen«

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Letzte Kommentare:
17.03.2019 17:51:57
Gagel

Danke für diese Besprechung, die mich wieder auf dieses wundervolle Album aufmerksam gemacht hat, welches ich zwar nach seinem Erscheinen durch eine andere Besprechung schon zur Kenntnis genommen, dann aber wieder aus den Augen verloren hatte.
Nun habe ich es selbst gelesen und kann mich deiner Spitzenbewertung uneingeschränkt anschließen.