Der goldene Rahmen

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Marcel Scharrenbroich
8101

Comic-Couch Rezension vonDez 2025

Story

Wer auf Krimis im Agatha-Christie-Stil steht, kommt hier voll auf seine Kosten. Ein gelungener Whodunit mit vielen Wendungen.

Zeichnung

Die künstlerische Umsetzung geht voll in Ordnung, gewinnt aber keinen Schönheitspreis. Dafür nutzt Matt Kindt ein paar schöne Kniffe, um den Fall auch zeichnerisch lebendig zu halten.

Mord und Möbel

Wenn die Tante mit dem Neffen…

Der Kunststudent Sam Pearson lebt seit dem Verschwinden seiner Eltern bei seiner betagten Großtante Merry. Die beiden sind ein bestens eingespieltes Team, das sich gerne mal gegenseitig mit Rätseln fordert. Tatsächlich gelang es ihnen bereits, einige Verbrechen aufzuklären. Dass der Erwerb von zwei alten Stühlen die Hobby-Detektive aus Amerika aber zu einem mörderischen Katz-und-Maus-Spiel nach Europa treiben würde, konnten sie nicht ahnen.

Alles begann damit, dass Merry, Liebhaberin außergewöhnlicher Antiquitäten, bei einer Auktion den Zuschlag für etwas lädierte, dafür prächtig verzierte französische Fauteuils aus dem späten 18. Jahrhundert (oder dem frühen 19. … so sicher ist man sich da noch nicht) erhielt. Eigentlich war sie auf der Suche nach einem Goldrahmen, aber damit wurde es nichts. Und bevor man mit leeren Händen geht, sackt man halt – wenn man schon mal da ist – was anderes ein. Es entbrannte sogar ein kleines Bietergefecht mit einem Online-Teilnehmer, der jedoch wegen Verbindungsfehlern vorzeitig aus dem Rennen war. Glück für Merry, doch der anonyme Bieter ließ nicht locker. Er machte ihre Adresse ausfindig und bot astronomische Summen, was Merry wiederum misstrauisch machte. Hatte sie womöglich unwissentlich den Jackpot geknackt und sich wahre Schätze ins Haus geholt? Um dies herauszufinden, machen sie und Sam sich auf den Weg nach Frankreich. Dort wollen sie die mitgebrachten Stühle von einem Experten begutachten lassen.

Das Ergebnis der Expertise könnte ernüchternder kaum sein, doch Aldo Huxley, der Assistent des Experten, verweist die beiden Amerikaner an einen lokalen Antiquitätenhändler. Dieser scheint alle Stühle ähnlicher Machart aufzukaufen, nur um diese dann in seiner Galerie einzulagern. Wieder wird Merry stutzig. Nicht zuletzt deshalb, weil eine Vertraute, die Merry mit ein wenig Recherche beauftragt hat, in ihrem Bericht dringend davon abrät, die Stühle voreilig zu verkaufen. Womöglich stehen sie in Verbindung mit einem alten Verbrechen.

Währenddessen hat sich ein Unbekannter unter einem Vorwand Zugang zu den vermeintlich wertlosen Exponaten verschafft. Die Polster wurden zerschnitten, als hätte jemand etwas mit großem Interesse gesucht. Als kurz darauf ein Mord geschieht, stecken Merry und Sam mitten in einem Kriminalfall, der immer undurchsichtiger wird.

Herrlich schräge Charaktere

Mal schrullig, berechnend, dann wieder die Hände in Unschuld waschend. Die Figuren – oder besser gesagt die Verdächtigen – decken eine große Bandbreite ab. Mein eigentliches Highlight ist aber der ermittelnde Inspektor Aloïs Vaillant. Verschrien als Koryphäe auf seinem Gebiet, fischt er in erstaunlich trüben Gewässern. Will heißen, dass der Exzentriker eine Menge sagt, ohne wirklich viel zu sagen. Schüsse ins Blaue, ohne das Ziel zu treffen. Ein Sherlock Holmes, nur ohne dessen Charisma. Ein Jacques Clouseau, ohne den Slapstick. Dafür aber stets ein guter Wegweiser, um als Leser dem aktuellen Stand der Ermittlungen zu folgen.

Die Idee zu diesem klassischen Whodunit-Krimi, der glatt aus der Feder von Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle stammen könnte, kam nicht von Co-Autor und Zeichner Matt Kindt selbst, sondern wurde tatsächlich von dessen Mutter Margie Kraft Kindt in den Raum geworfen. Matt Kindt, den Comic-Freunde bereits durch Reihen wie „MIND MGMT“ oder „DEPT. H“ kennen könnten, empfahl seiner Mutter einst die beliebte Serie „Only Murders in the Building“, die diese daraufhin regelmäßig zu schauen begann. Krimi-affin, stellte sie während der ersten Staffel eine steile Theorie über deren Ausgang auf, die Matt der Serie mit Steve Martin, Martin Short und Selena Gomez nicht wirklich zutraute. Er sollte recht behalten, doch der clevere Twist aus den Hirnwindungen seiner Mom ließ ihn nicht los. Also machten sich beide daran, ihre ganz eigene Whodunit-Story zu Papier zu bringen. Inklusive aller Zutaten, die im Genre-Einmaleins zu finden sind: einen Haufen Verdächtiger mit ausreichenden Mordmotiven, falschen Verdächtigungen, tonnenweise Indizien, einem Locked-Room-Szenario sowie zahlreicher Wendungen auf dem Weg zum überraschenden Finale.

Im zeichnerischen Vergleich mit „MIND MGMT“ gewinnt „Der goldene Rahmen“ sogar. Zwar so hauchdünn, dass sich in der Bewertung der künstlerischen Fähigkeiten von Matt Kindt wenig tut, aber das reine Krimi-Genre steht dem hastig-krakeligen Stil etwas besser zu Gesicht. Das ist jedoch nur meine persönliche Meinung und darf gerne anders gesehen werden. Im Rahmen seiner Möglichkeiten hat Kindt aber alles getan, um die Charaktere gut auseinanderhalten zu können. Sehr schön sind auch die eingestreuten Steckbriefe der Verdächtigen, die jeder Befragung der jeweiligen Person vorangehen. Ebenso kurze Blicke aus der Vogelperspektive, die das Umfeld des Tatortes im Stil des beliebten Brettspiels „Cluedo“ zeigen.

Fazit:

Da hat der SKINLESS CROW Verlag einen herrlich unterhaltsamen Rätsel-Krimi rausgehauen, den ich auch durch die vorangegangene US-Veröffentlichung von DARK HORSE absolut nicht auf dem Schirm hatte. Clever erzählt, gespickt mit feinem Humor und nur schwer vorhersehbar.

Der goldene Rahmen

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