Der ferne schöne Klang

Erschienen: April 2021

Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Leicht wie eine sommerliche Brise. Berührend, ruhig und nachdenklich stimmend. Große Erzählkunst aus der Schweiz.

Zeichnung

Ein realistischer Stil, der viele Details nur andeutet. Die Fantasie der Leser formt den Rest. Erst auf den zweiten Blick ein cleveres Spiel mit den (scheinbar) monotonen Farben.

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Marcel Scharrenbroich
Living by Doing

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jul 2021

Der Ruf der großen Stadt

Die ersten Seiten der Geschichte beginnen wortlos. Wohl ganz im Sinne von Bruder Marcus, einem Kartäusermönch. Dieses Leben wählte er selbst, vor nun mehr als fünfundzwanzig Jahren. Nur neun Geistliche leben in der Kartause La Valsainte, abgeschieden vom Lärm der Welt, im Gemeindegebiet von Val-de-Charmey im Schweizer Kanton Freiburg. Die meiste Zeit verbringt Bruder Marcus stillschweigend in seiner Zelle. Ausflüge in die beinahe unberührte Natur gibt es nur einmal wöchentlich. Nun mag es erscheinen, als säße er eingekerkert hinter dicken Mauern, das Fenster vergittert, doch ging er aus freien Stücken in die Abgeschiedenheit. Vermissen tut er nichts. Man kann nun mal nichts vermissen, von dem man nicht weiß, dass es überhaupt existiert. Doch würde man noch genau so denken, wenn man mit äußeren Reizen in Kontakt kommt? Könnte man ihnen widerstehen? Bruder Marcus wird es bald herausfinden, denn es steht eine große Reise an.

William, so der Name von Bruder Marcus, den er vor Jahren mit Eintritt ins Kloster abgelegt hatte, wird vom Abt informiert, dass seine Tante Elise Turnelle verstorben ist. Williams alte Familie… und er erinnert sich, dass seine Tante damals alles andere als begeistert von seiner Entscheidung war. William wurde in ihrem Testament bedacht. Trotz Armutsgelübde winken mehrere Millionen, was dem alten Kloster für dringend notwendige Renovierungen mehr als nützlich zu Gute kommen würde. Eine Vollmacht soll den Anwalt der Diözese dazu ermächtigen, den Erbteil bei der Testamentseröffnung in Williams Vertretung entgegenzunehmen. Doch Elise Turnelle bestand in ihrem letzten Willen darauf, dass ihr Neffe persönlich zugegen ist. Ein letzter Seitenhieb dafür, dass er sich vor fünfundzwanzig Jahren von der Familie abgewendet hatte?

Dem Geistlichen bleibt keine Wahl. Mit dem Zug reist er nach Paris und schon auf dem Weg zum Bahnhof prasseln Eindrücke auf ihn herein, die er seit Ewigkeiten nicht kannte. Unzählige Eindrücke. Geräusche und Gerüche. Menschenmengen und Hektik im Überfluss. Und der Reiz des anderen Geschlechts. Im Zug kommt er mit einer jungen Frau ins Gespräch. Mery. So gegensätzlich die beiden sind, desto tiefer ergreift ihn ihr Schicksal. Eine Konversation, die William nachhaltig beeinflusst. Ebenso das Aufeinandertreffen mit Tolede und Gabriel, den Kindern der verstorbenen Elise Turnelle. Vor allem der koksende und dauerbetrunkene Gabriel verkörpert alles, was der Mönch während seiner schweigenden Zeit im Kloster nicht vermisst hat. Doch William denkt immer wieder an Mery…

Leise Töne

Der Schweizer Comic-Zeichner und -Autor Zep, der bürgerlich Philippe Chappuis heißt, hat schon mit seinem letzten Werk, dem fesselnden Öko-Drama „The End“, gezeigt, dass er es wie kein Zweiter versteht, die Leserinnen und Leser gedrosselt und unaufgeregt an die Seiten zu binden. „Der ferne schöne Klang“ bildet da keine Ausnahme. Er wirft den Kartäusermönch Marcus in eine Welt, die selbst uns, die wir tagtäglich in ihr Leben, oftmals zu überfordern droht, und schickt ihn zwischen Reizüberflutung und Pflichterfüllung auf eine Art Sinnsuche. Auf seinem Weg stellen sich interessante Fragen. Nicht nur für ihn, nein, auch wir Leser beginnen unweigerlich Dinge zu hinterfragen. Zep lässt ihn uns hören, den fernen schönen Klang. Den Klang der Stille, der uns aus den Klostermauern entgegendringt. Den Klang der Stadt, die pulsierendes Leben verkörpert. Den Klang, der aus uns dringt… und dem wir vielleicht öfter lauschen sollten. Dabei ist die Ausgangssituation der Graphic Novel vielleicht schlicht und leise, der Unterton jedoch nicht. Die entschleunigte Atmosphäre trug mich durch die Panels. Seite für Seite. Der Klang blieb hörbar, setzte sich wie ein Ohrwurm fest. Aber keiner der nervigen Sorte, sondern einer, dem man nicht oft genug zuhören mag.

Wohltuende Bilder

Wie schon in „The End“, geht Zep farblich keine Risiken ein. Ganze Abschnitte verweilen in einzigen Farbtönen. Blass und gedämpft. Innerhalb dieser Farb-Phasen gibt es höchstens minimale Abstufungen oder einzelne kurze Kontraste ins Schwarz oder Weiß. Besonders gelungen ist dies, wenn Bruder Marcus die Kartause La Valsainte verlässt und ins Unbekannte aufbricht. Dort tritt er aus dem grau-blauen Schatten und läuft ins reine Weiß. Auf der nächsten Seite ist sein Weg zum Bahnhof in erdiges Braun getaucht. Nur Bruder Marcus ist blütenweiß dargestellt. Rein, unbefleckt… bevor er sich Bild für Bild akklimatisiert und farblich mit der Szenerie verschmilzt. Teil des Ganzen wird. Der Gesellschaft. Einer von Vielen. Einer von uns. Nur wenige Panels später fällt unser Blick auf ein fröhliches Kind mit einem Hund. Ebenfalls komplett in Weiß, was den Reinheitsgedanken nur bestätigt. Dies sind die kleinen Dinge, die man entdecken kann. Die man mitnimmt und über sie nachdenkt. Die Dinge, die einen vielleicht nicht direkt anspringen, sondern gefunden werden wollen. Ich bin mir sicher, dass sich noch viele kleine Details finden lassen, die analysiert werden können. Interpretiert werden können. Ob und wie man dies macht, sei jedem Leser und jeder Leserin selbst überlassen… denn die Geschichte funktioniert auch ohne Suchen und Finden. Sie gibt einfach.

Fazit:

Ein entschleunigtes und entschleunigendes Werk. Zep drückt erneut die richtigen Knöpfe. Lässt Freiraum für eigene Gedanken, stößt diese an und erzählt ganz nebenbei eine herzlich-leichtfüßige Geschichte, die perfekt zu lauen Sommerabenden passt.

Der ferne schöne Klang

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