Couch-Wertung

10
Story
Zeichnung

Story

Wunderschön, tragisch, bewegend und herrlich komisch. Eine Kombination, wie sie nur aus französischer Feder stammen kann. In seinem Genre ein herausstechendes Unikat!

Zeichnung

Anfangs noch befremdlich, aber nach ein paar Seiten die eindeutig beste Wahl. Der sympathische Cartoon-Stil führt beschwingt und ansehnlich durch alle Lebenslagen.

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Marcel Scharrenbroich
„GEOOORGES !!!“

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Apr 2019

22.04.2019 – Auf Tuchfühlung

Entgegen anderen Comic-Besprechungen habe ich mich dazu entschlossen, DIESE etwas unkonventioneller zu gestalten. Schon beim Lesen des ersten Kapitels von „Der alltägliche Kampf“ ist mir nämlich klar, dass dieses Buch etwas besonderes ist. Mir schwirren Gedanken im Kopf herum, die ich unbedingt festhalten will, bevor ich weiterlese… Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich noch nicht sagen, ob sich meine Meinung zum Ende noch ändern wird… aber selbst WENN, wird man im Laufe dieser Rezension (hoffentlich) erkennen, welche Achterbahn der Gefühle Manu Larcenet hier in Gang gesetzt hat…

„Der alltägliche Kampf“ scheint auf den ersten Blick eine klassische Slice-of-Life-Geschichte zu sein. Wir folgen einem Charakter, erleben den Alltag durch seine Augen, gehen mit ihm durch Höhen und Tiefen, haben im Idealfall am Ende des Buches eine nette, gemeinsame Zeit verbracht und entdecken eventuell sogar ein paar Parallelen zu uns selbst. So läuft es in der Regel ab. Das hatten wir schon oft und war bisher – je nach Thematik – auch meist sehr interessant. Für manche Stories ist man empfänglicher, für andere weniger.

In DIESEM Fall kann ich noch gar nicht richtig festmachen, warum es bereits auf den ersten Seiten „KLICK“ gemacht hat… vielleicht weil der Hauptprotagonist des Buches, Marco, und ich in einem ähnlichen Alter sind? Oder weil Marco und sein Bruder sich wie kleine Kinder freuen, wenn sie sich mit einem kreischenden „GEOOORGES!“ begrüßen, ohne dass Marco sich überhaupt noch daran erinnern kann, wie es zu diesem Ritual kam? Bestimmt kennt jeder von uns diese kleinen Insider-Witze und -Sprüche aus dem Freundeskreis, bei denen jedem Außenstehenden ein großes Fragezeichen über dem Kopf aufploppt… Ich persönlich liebe diese kleinen Gesten, Zitate, Gags und was auch immer, die manchmal wie die Faust aufs Auge passen, oder auch mal unerwartet und unpassend eingeworfen werden und intern für Erheiterung sorgen. Hier jedenfalls hatten die beiden mich schon voll auf ihrer Seite. Ihren ausschweifenden Konsum von (natürlichen) bewusstseinserweiternden Substanzen teile ich zwar nicht, von den damit verbundenen Nächten vor der PlayStation kann ich jedoch noch ein paar Liedchen trällern.

Im Gegensatz zu seinem Bruder, der mit seiner Lebensgefährtin Naima zusammenlebt, ist Marco noch Single. Er hat der Großstadt den Rücken gekehrt und sich in ein ländlicheres Anwesen zurückgezogen. Wobei… Anwesen vielleicht ein wenig dick aufgetragen ist. Das Häuschen erfüllt zwar seinen Zweck, ist jedoch alles andere als luxuriös. Hier fühlt Marco sich allerdings wohl, gemeinsam mit seinem Kater Adolf (ja… was soll ich sagen? Ich mag Marcos schwarzen Humor), fernab vom hektischen Treiben, im atmosphärischen, 600 Kilometer entfernten Chazay. Die Wahl des neuen Wohnortes ist auch Marcos Gesundheitszustand geschuldet. Sein Job als Fotograf in Krisengebieten hat Spuren hinterlassen und auch das gescheiterte Verhältnis zu seinen Eltern – bereits in Kindheitstagen - sorgte dafür, dass Marco seit Jahren therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt. Die Sitzung, die „Der alltägliche Kampf“ einleitet soll allerdings seine letzte sein. Der Psychiater attestiert noch schnell „zwanghafte Verhaltensweisen“ und „diverse Neurosen“… Jackpot! Also schnell raus da, ab ins Auto und rüber zu… „GEOOORGES!“

Den Besuch bei seinem Bruder und seiner Partnerin verbindet der Fotograf-in-Auszeit mit einem Abstecher zu den Eltern. Wenn man schonmal in der Nähe ist, muss auch mal ein widerwilliger Anstandsbesuch drin sein… In den episodenhaften, jedoch durchgängig erzählten Szenenwechseln, lauschen wir Marcos Gedanken und lernen ihn so näher und besser kennen. Diese sind andersfarbig, monoton dargestellt und spielen sich vorwiegend während einer Autofahrt ab.

23.04.2019 - Kennenlernen

Sofort fällt auf, wie überfürsorglich und besorgt die rüstige Madame ihren Sohn behandelt. Nörgelt an ihm rum, betont direkt wie blass und schmal er geworden sei… und rasieren könnte er sich auch mal (vom faltigen Hemd ganz zu schweigen!). Wer sich also fragt, warum Marco seit Jahren zum Therapeuten rennt: TA-DAAA!!! Mit seinem Vater ist auch nicht mehr viel los und dieser verbringt den lieben, langen Tag damit, vorbeifahrende Frachtschiffe zu beobachten. Ich ahne, welche Entwicklung die Geschichte noch nehmen wird… Dass Marco sich entschlossen hat, eine Auszeit von seinem stressigen Job zu nehmen, wird vor allem von seiner Mutter mit (oh Wunder) großer Sorge betrachtet. Wovon will er leben? Was wird aus ihm, in seinem Einsiedler-Leben? Was, wenn er nie wieder Lust auf seinen Job bekommt? Der Sohn einer flüchtigen Bekannten hatte nämlich auch mal seinen Job verloren… und was war passiert? Angefangen zu SAUFEN hat er! Herrgott… DAS ist es, was Marco hören möchte und eine Autofahrt später, die uns erneut tief in sein Inneres blicken lässt, ist er heilfroh, wieder bei seinem kleinen, morschen Häuschen, seiner friedvollen Natur und seinem (nicht ganz so friedvollen) Adolf (Ich find’s immer noch lustig…) zu sein. Marco genießt seine Auszeit und die Tage… Wochen… ziehen an ihm vorbei.

Bei einem gemeinsamen Spaziergang mit Adolf (*thi-hi-hi*) durch den angrenzenden, idyllischen Wald macht Marco zwei neue Bekanntschaften, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zum einen, ein cholerischer Schreihals, der mit Gewehr und knurrendem Hund im Anschlag „freundlich“ darauf hinweist, dass es sich um Privatgelände handelt und man sich gefälligst verziehen solle, woraufhin der Kläffer den armen Kater durch die Botanik scheucht und zum guten Schluss sogar verletzt. Zum anderen ist da noch ein hilfsbereiter Herr gehobenen Alters, der Marco den verletzten Gefährten übergibt und ihm dringend rät, den Tierarzt aufzusuchen. Gesagt, getan… glücklicherweise geht es dem kleinen Adolf soweit gut und er ist noch – mehr oder weniger – heil davongekommen. Etwas gutes hatte der erschreckende Zwischenfall im Wald aber auch. Sonst hätte Marco wahrscheinlich niemals die bezaubernde Tierärztin Émilie kennengelernt…

25.04.2019 – Auf und Ab

Die bisherige, auf den ersten Blick vielleicht detaillierte, in Wahrheit jedoch nur sehr grobe Zusammenfassung, stammt allein aus dem ersten Kapitel der Gesamtausgabe von „Der alltägliche Kampf“, die ursprünglich in vier Einzelbänden erschien und den ersten Teil noch nicht mal komplett beschreibt. Da ich mittlerweile schon weiter fortgeschritten bin, möchte ich an dieser Stelle auch nicht mehr auf den Inhalt eingehen. Nur so viel: Wir befinden uns wirklich noch am Anfang von Marcos Selbstfindung und werden noch durch viele Höhen und Tiefen mit ihm gehen. Tragische, dramatische Entwicklungen, Chancen, sowohl privater, als auch beruflicher Natur, tiefgründige Gespräche, nachdenkliche Momente, sozialkritische Diskussionen und einfach das wahre, unverblümte Leben… all das und noch viel, VIEL mehr bietet „Der alltägliche Kampf“ in seiner schönsten und ehrlichsten Form.

26.04.2019 – Hin und weg

Manu Larcenet, der schon mit Werken wie „Donjon Parade“, „Blast“ und vor allem „Brodecks Bericht“ Erfolge feiern konnte, bedient mit „Der alltägliche Kampf“ nicht nur das Slice-of-Life-Genre um einen weiteren Beitrag. Er legt sich nicht auf ein Thema fest, mit dem er seinen Charakter Marco konfrontiert. Er konfrontiert Marco… UNS… mit dem Leben! Auch vor unschönen Themen verschließt Larcenet nicht die Augen:

Marco durchlebt beklemmende Angstattacken, die bildlich treffend und quälend dargestellt werden, sieht sich Alzheimer-Diagnosen und Suizid ausgesetzt, muss berufliche Misserfolge einstecken, rappelt sich wieder auf und öffnet neue Türen… neue Chancen, erleidet private Verluste und Höhenflüge. Auch seine Beziehung wird auf harte Proben gestellt. Kinderwunsch, Kompromisse, was das gemeinsame Leben angeht. Politisch werden ebenfalls nicht die Scheuklappen aufgesetzt und der Rechtsruck in Frankreich wird diskutiert, Wahlen werden verfolgt und Schließungen von Traditionsfirmen sorgen für Aufruhr. Kriegsverbrechen und Familiengeheimnisse werden aufgedeckt.

So tragisch und aufwühlend sich Marcos Leben auch anhören mag, sind all dies Situationen, mit denen sich irgendwann jeder von uns auf irgendeine Art und Weise auseinandersetzen muss. Larcenet ist ein anrührendes Werk gelungen, dessen Zeichnungen sich mit ihrem Cartoon-Stil zwar extrem mit der Realität zu beißen scheinen, diese aber nicht treffender hätten einfangen können. Nicht nur ein Werk… ein MEISTERWERK.

27.04.2019 - Fazit:

Über einen Zeitraum von mehreren Jahren gehen wir mit Marco durch Dick und Dünn. Erleben freudige Momente, schwelgen in zarter Melancholie und stehen ihm in Trauer zur Seite. Ich hab den kleinen Kerl mit der Knollennase, dem stets eine Fluppe im Mundwinkel hängt, und seine Lieben wahrlich ins Herz geschlossen und möchte ihm in traurigen Momenten, wenn er den Kopf mal wieder hängen lässt und tief in Gedanken versunken ist, freudig und aufmunternd zurufen: „GEOOORGES!!!“

Der alltägliche Kampf - Gesamtausgabe

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