Das unabwendbare Altern der Gefühle

Erschienen: Januar 2019

Couch-Wertung

8
Story
Zeichnung

Story

Die Ehrlichkeit und mit welchem Respekt die beiden Protagonisten behandelt werden, sind großartig. Das einzige Haar an der Suppe ist, dass es bei aller Ehrlichkeit hier und da doch stereotypische Gesell-schaftsbilder verwendet wurden…

Zeichnung

Die niederländische Zeichnerin Aimée de Jongh schafft es, in ihren Bildern das Gefühlsleben der beiden Hauptfiguren auf den Punkt zu brin-gen.

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Nina Pimentel Lechthoff
Altern ist nichts für Schwächlinge!

Comic-Rezension von Nina Pimentel Lechthoff Jan 2019

Zwei Menschen, die der Einsamkeit und Eintönigkeit des Alltags entfliehen wollen, treffen sich zufällig und verlieben sich ineinander. Der Plot einer x-beliebigen romantischen Geschichte – egal ob in Roman-, Film- oder Comic-Form. Wenn man sich aber die Protagonisten der Graphic Novel „Das unabwendbare Altern der Gefühle“ anguckt, stutzt man im ersten Augenblick: Mediteranee und Ulysses sind keine attraktiven 30-Jährigen, sondern eher Ü50. Damit fügt sich „Das unabwendbare Altern der Gefühle“ in eine Reihe von Geschichten ein, die seit kurzem erst erzählt werden. Denn Ü50-Protagonisten stehen noch nicht allzu lange im Mittelpunkt. Serien wie „Grace und Frankie“, Comics wie „Die alten Knacker“ oder Filmen wie „R.E.D. – Älter, Härter, Besser“ zeigen, dass man erfolgreich Geschichten erzählen kann, die sich mit Menschen der älteren Altersklasse beschäftigen.

Zwei einsame Seelen

Mediteranee ist nun nach dem Tod ihrer Mutter die älteste der Familie Solenza. Ulysses wurde vorzeitig in den Ruhestand geschickt. Sei es, dass für sie im Bus aufgestanden wird oder, dass man vorm Mittagsprogramm im TV versauert. Viele Kleinigkeiten des Alltags erinnern Mediteranne und Ulysses daran, dass sie langsam aber sicher älter werden. Beide tun sich schwer damit. Eines Tages treffen sie sich, ganz zufällig, in der Arztpraxis des Sohns von Ulysses. Er wartet auf seinen Sohn, Mediteranee ist eine der Patientinnen. Der Beginn einer zarten Freundschaft, mit der beide der Einsamkeit des Alltags entkommen.

Aus der Freundschaft entsteht Liebe. Wie könnte es auch anders sein, bei ihren Namen – Ulysses, auf Deutsch Odysseus, aus dem griechischen Epos war jahrelang auf dem Mittelmeer (im Französischen Mediteranee) zuhause. Im Laufe der Geschichte begleitet man die beiden, wie sie sich näherkommen und wie sie sich gegenseitig helfen, ihre Einsamkeit zu überwinden und wie in ihnen neue Lebenslust entsteht. Vor allem zum Schluss hin, wo der Leser – zusammen mit den beiden Protagonisten – eine Wendung bekommt, die man nicht geahnt hätte.

Der Zweite Frühling

Das erste, was mir bei der Graphic Novel „Das unabwendbare Altern der Gefühle“ aufgefallen ist, waren die wunderschönen Zeichnungen. Die niederländische Zeichnerin Aimée de Jongh schafft es, in ihren Bildern das Gefühlsleben der beiden Hauptfiguren auf den Punkt zu bringen. Zusammen mit den Texten von Zidrou wird die Graphic Novel so zu einer Studie über das Altern, die einen (vor allem wenn man noch ein bisschen von der Rente entfernt ist) zum Nachdenken bringt. Beispielsweise erzählt Mediteranee an einer Stelle, dass sie sich vor dem Animationsfilm von Schneewittchen als Kind so sehr gegruselt hat, vor allem vor der bösen Stiefmutter. Während sie dies in einem inneren Monlog erzählt, bekommt der Leser in den Panels zu sehen, wie sich Mediteranee nun im Alter sieht: Als Verkörperung der bösen Stiefmutter.

Die Graphic Novel „Das unabwendbare Altern der Gefühle“ behandelt ihre Figuren mit Respekt und verfällt nicht in Klischees. Zwar werden bekannte Themen wie Einsamkeit, Langeweile oder Veränderungen im Aussehen behandelt, diese werden aber ehrlich und offen erzählt. Dadurch, dass vor allem am Anfang der Graphic Novel fast ausschließlich über interne Monologe erzählt wird, lernt man erstens die Figuren sehr gut kennen und zweitens gibt dies dem Leser einen unverfälschten Blick in ihr Gefühlsleben und darauf, wie die beiden Protagonisten ihre Welt und ihre jeweiligen Situationen einschätzen.

Mutig, aber doch zu viel Stereotyp

Was „Das unabwendbare Altern der Gefühle“ aber ganz besonders macht ist, dass vor dem Tabu-Thema Sexualität im Alter kein Halt gemacht wird. Die Beziehung zwischen Mediteranee und Ulysses wird in all ihren Facetten gezeigt – auch, wie sie das erste Mal Sex haben. Diese Episode ist sehr dezent gezeichnet, denn die Doppelseite zeigt das Vorspiel und den Geschlechtsverkehr. Während der Rest der Graphic Novel sehr farbenfroh ist und einen sehr schönen Aquarell-Zeichenstil hat, wurde hier auf Farben verzichtet und nur mit Bleistift gezeichnet. Dass diese Momente so festgehalten wurden, hat den Vorteil, dass die Bilder nicht pornografisch anmuten, sondern sehr zurückhaltend wirken – ohne dabei an Erotik zu missen.

Bei allen Tabubrüchen und realistischen Darstellungen des Alterns, bei einem Thema hat Zidrou leider doch in die Klischeekiste gegriffen. Denn während sich Ulysses vor allem wegen der Langeweile in seinem Renter-Dasein den Kopf zerbricht, sind Mediteranees Sorgen sehr viel oberflächlicher. Man hat oft das Gefühl, dass es bei ihr nur um ihr Aussehen geht. Sie wird sehr oft dabei gezeigt, wie sie sich im Spiegel anguckt und sich fragt, wo das Fotomodell von einst geblieben ist. In einer Szene wird in einzelnen Panels ihr Körper im Detail gezeigt: die hängenden Brüste, die Falten im Gesicht, der flache Po. Einerseits ist es der Gesellschaft vielleicht geschuldet, dass Frauen sich generell mehr mit ihren Körpern beschäftigen – vor allem was das Altern dessen angeht. Was auch etwas schwierig war, war die Tatsache, dass Ulysses im Gegensatz zu Mediteranee schon vor ihrer Beziehung als sexuell aktiver Mensch dargestellt wurde. So erweckte es den Eindruck, dass erst durch Ulysses Mediteranee ihre Sexualität wiederentdeckte. Was man wiederrum als ein gesellschaftliches Problem ansehen könnte, das der Autor in der Graphic Novel zu verarbeiten versucht. Doch dafür werden diese beiden Themen zu unkritisch behandelt und in der Story als selbstverständlich dargestellt.

Fazit:

Allein das Thema von „Das unabwendbare Altern der Gefühle“ und wie der Autor und die Zeichnerin dieses darstellen, haben es verdient, dass man die Graphic Novel liest. Die Ehrlichkeit und mit welchem Respekt die beiden Protagonisten behandelt werden, sind großartig. Vor allem, dass die Graphic Novel vor Tabus keinen Halt macht, spricht für die Lektüre. Das einzige Haar an der Suppe ist, dass es bei aller Ehrlichkeit hier und da doch stereotypische Gesellschaftsbilder verwendet wurden, vor allem was das Aussehen und die Sexualität der Frau nach den Wechseljahren angeht. Etwas schade, denn sonst wäre „Das unabwendbare Altern der Gefühle“ eine grandiose Graphic Novel geworden, so ist sie einfach nur sehr gut.

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