Das Phantom der Oper

Das Phantom der Oper
Das Phantom der Oper
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Marcel Scharrenbroich
10101

Comic-Couch Rezension vonJun 2026

Story

Ein Roman-Klassiker, den man in irgendeiner Form kennen sollte. Soll es in Comic-Form sein, dann unbedingt mit dieser Veröffentlichung.

Zeichnung

Eine Augenweide in Grau-Tönen. Brizzi-Ästhetik, die die Charaktere lebendig erscheinen lässt.

Eine virtuos-bleihaltige Symphonie

Paris, 1890

Unter neuer Leitung steht die angesehene Opéra Garnier vor einer großen Premiere. Die Proben für die Uraufführung von „Faust“ sind im vollen Gange, als die neuen Direktoren die Hiobsbotschaft erreicht, dass die Star-Sopranistin Carlotta krankheitsbedingt nicht auftreten kann. Mon dieu… das ist freilich eine schöne Scheiße, denn wo soll man kurzerhand Ersatz hernehmen? Monsieur Daroga, einer der großzügigsten Wohltäter des Hauses, schlägt während eines eiligst anberaumten Krisenstabs die junge Sängerin Christine Daaé, die eine erstaunliche künstlerische Entwicklung hinter sich hat, ihr Talent aber noch nicht gebührend zeigen konnte, vor. Und was bleibt den feinen Herren anderes übrig? Die Veranstaltung absagen? Kommt nicht in die Lümmeltüte! Und so bekommt Christine ihre Chance.

Das Publikum zeigt sich begeistert und feiert den aufstrebenden Stern frenetisch. Unter ihnen auch Raoul, der Vicomte de Chagny. Er hat einen Narren an der hübschen Christine gefressen, wird von ihr jedoch auf Distanz gehalten. Eifersucht lodert in ihm auf, als er eine fremde Männerstimme aus der Garderobe seiner Angebeteten hört. Mysteriös ist nur, dass sich niemand in dem leeren Zimmer aufhält, nachdem er seiner Neugier nicht nachgeben konnte.

Währenddessen geht es hinter den Kulissen äußerst trubelig zu, denn der Bühnenmeister Buquet wurde tot aufgefunden. Erhängt im Requisitenraum! Schnell macht das Gerücht die Runde, dass das „Phantom“ wieder zugeschlagen hat. Ein unbekannter Tunichtgut, der schon den früheren Leitern der Oper das Leben schwermachte. Wie die aktuellen Direktoren nun erfahren, gab es bereits seit längerer Zeit die schriftliche Forderung, dass die Loge 5 für den stummen Erpresser reserviert bleiben müsse. Außerdem fordert er eine monatliche Zahlung von 20.000 Franc.

Gänzlich unbeeindruckt von diesen Forderungen, schlagen die Geschäftsführer selbst die aktuellste Warnung, Christine wieder durch Carlotta ersetzen zu wollen, hochmütig in den Wind. Vielmehr fordert man das „Phantom“ regelrecht heraus. Und als Carlotta an jenem Abend ihre Gesangskünste zum Besten gibt, kommt es zur folgenschweren Katastrophe, die alle bislang Beteiligten beeinflussen soll…

Weltliteratur und Multimedia-Phänomen

„Das Phantom der Oper“ erschien in Deutschland erstmalig als Roman im Jahr 1912. Geschrieben vom französischen Journalisten und Schriftsteller Gaston Louis Alfred Leroux (1868 – 1927), der bereits 1907 mit dem Kriminalroman „Das Geheimnis des gelben Zimmers“ als Begründer des Locked-Room-Subgenres Bekanntheit erlangte. Ab dem Spätsommer des Jahres 1909 wurde die Erzählung eines tragischen Genies, das sein entstelltes Gesicht stets hinter einer Maske verbarg, über mehrere Monate in der französischen Zeitung „Le Gaulois“ als Fortsetzungsgeschichte erzählt. Es sollte noch einige Jahre dauern, doch mit der Zeit wurde „Das Phantom der Oper“ zum erfolgreichsten und bekanntesten Werk des Autors. Maßgeblich trug die Universal-Verfilmung von 1925 mit der Stummfilm-Ikone Lon Chaney („Der Glöckner von Notre Dame“) dazu bei, obwohl die erste Film-Adaption bereits 1916 in Deutschland das Licht der Welt erblickte. Seitdem wurde der Stoff mehrere Male durch die Mangel gedreht. Mal als Zeichentrickfilm, dann als Mini-Serie, oder gleich im reinen Horror-Genre angesiedelt. So zum Beispiel 1989 mit „Freddy Krueger“-Darsteller Robert Englund in der Hauptrolle, oder 1998 unter der Regie der italienischen Horror-Ikone Dario Argento („Vier Fliegen auf grauem Samt“, „Suspiria“, „Phenomena“) und mit Julian Sands („Warlock“, „Arachnophobia“, „Naked Lunch“) als namensgebendes „Phantom“. Für den stilisiert-psychedelischen „Das Phantom im Paradies“ ließ sich 1974 auch Thriller-Profi Brian De Palma („Carrie - Des Satans jüngste Tochter“, „Dressed to Kill“, „Blow Out - Der Tod löscht alle Spuren“, „Scarface“, „Der Tod kommt zweimal“) von dem Stoff inspirieren.

Die wohl populärste Adaption von „Das Phantom der Oper“ ist das Erfolgs-Musical von Andrew Lloyd Webber und Richard Stilgoe, welches zwar nicht die erste (und schon gar nicht letzte) musikalische Bühnen-Umsetzung darstellt, dafür aber seit 1986 (in deutscher Sprache seit Ende 1988) unzählige Zuschauer begeisterte. Am New Yorker Broadway fiel im Frühjahr 2023 nach rund 14.000 Vorstellungen der Vorhang, während in Deutschland ab November 2026 im Musical Dome Köln die Neuinszenierung von Webbers Umsetzung an den Start geht. Bislang lockte das Stück über 130 Millionen Besucher in 27 Ländern in die Häuser, was das mehrfach mit dem Tony ausgezeichnete Musical zum einsamen Spitzenreiter macht. 2004 wurde der Zwei-Akter von Joel Schumacher („The Lost Boys“, „Flatliners“, „Falling Down“, „Batman Forever“, „Batman & Robin“, „8MM“) verfilmt.

In Roman-Form widmete sich unter anderem Nicholas Meyer mit „Sherlock Holmes und das Phantom der Oper“ dem Stoff, in dem er den wohl berühmtesten Detektiv der Welt auf die Fersen des „Phantoms“ hetzte. Die Britin Susan Kay verfasste 1990 mit „Das Phantom“ eine Vorgeschichte, in der das Leben von Erik, so dessen bürgerlicher Name, erzählt wurde. Selbst Fantasy-Urgestein Terry Pratchett nahm das „Phantom“ in der Webber-Umsetzung für seinen „Scheibenwelt“-Roman „Mummenschanz“ zum Vorbild.

Sogar ungeahnte Terrains wurden im Laufe der Zeit beschritten. Neben Brettspielen ist mir persönlich da die Videospiel-Umsetzung „Return of the Phantom“ im Gedächtnis geblieben. Das klassische Point-&-Click-Adventure des Publishers MicroProse erschien 1993 und ließ die Spieler in liebevoll gestalteter Atmosphäre das Oper-Mysterium selbst aufklären. Weitere Game-Umsetzungen stellen das etwas schräge „MazM - The Phantom of the Opera“ für die Nintendo SWITCH sowie der Puzzler „Mystery Legends: The Phantom Of The Opera“ für den PC dar.

Im Comic-Bereich diente bereits Webbers Version als Vorlage zur Graphic Novel von Cavan Scott und Jose María Beroy, erschienen 2022 bei PANINI. Zuvor, 2014, erschien im KNESEBECK Verlag eine ziemlich eigenwillig-expressionistische Adaption von Christophe Gaultier. Erst 2026 ist beim US-Verlag IMAGE und der von Robert Kirkman gegründeten Ideen-Schmiede SKYBOUND ENTERTAINMENT im Rahmen der „Universal Monsters“-Reihe mit „Phantom of the Opera“ der aktuellste Ableger an den Start gegangen. Der Vierteiler von Tyler Boss und Martin Simmonds folgt dabei der Tradition der bisherigen Veröffentlichungen „Dracula“, „Creature from the Black Lagoon Lives!“, „Frankenstein“, „The Mummy“ und „The Invisible Man“. Es ist jedoch fraglich, ob wir in Deutschland ebenfalls in den Genuss ´kommen, denn keine der genannten Reihen wurde bislang für den hiesigen Markt angekündigt. Auf einem künstlerisch ganz eigenen Niveau rangiert die werkgetreue Umsetzung, die kürzlich beim SPLITTER Verlag veröffentlicht wurde…

Bleistift-Kunst mit Wiedererkennungswert

Wenn die Brizzi-Brüder Paul und Gaëtan sich einen klassischen Stoff zur Brust nehmen, wissen diejenigen, die sich nicht nur oberflächlich im Comic-Medium bewegen, dass man sich schon (vor)freudig die Hände reiben darf. Ihre „Tolldreiste Geschichten“ und „Don Quijote von der Mancha“ ließen mich bereits staunend zurück und mit „Dantes Inferno“ und „Der Untergang des Hauses Usher“ wagten sie sich schon zuvor in düsterere Gefilde. Ihre Herangehensweise an „Das Phantom der Oper“, bei der sie sich sehr an der Geschichte von Gaston Leroux orientieren, vereint nun alle Zutaten eines klassischen Schauerstücks, gepaart mit einer ganz wunderbaren historischen Ästhetik. Die Details ihrer Bleistift-Kunst erreichen ein ganz eigenes Level. Sehr nah an den Charakteren, wodurch das Minenspiel stark im Fokus steht. Großartig, denn solch ein Maß an Emotionen sucht man in vielen Comics vergeblich. Wenn die Brizzis dann auch mal in die Breite gehen und Blicke auf die Architektur offenbaren, möchte man den Blick gar nicht mehr abwenden. Mal hauchzart, dann wieder in harten Kontrasten. Ein gezeichnetes Fest, bei dem man sich in den Grau-Abstufungen verlieren möchte.

Fazit:

Keine simple Horrorgeschichte, die sich an Versatzstücken eines Klassikers der Weltliteratur entlanghangelt, sondern ein Charakter-getriebenes, tragisches Schauerstück in Bombast-Optik. Eine Graphic Novel für Feinschmecker.

Das Phantom der Oper

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