Das dritte Auge: Akt I - Die Stadt der Lichter

Das dritte Auge: Akt I - Die Stadt der Lichter
Das dritte Auge: Akt I - Die Stadt der Lichter
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Marcel Scharrenbroich
7

Comic-Couch Rezension vonJul 2022

Story

Eine überfordernde Anreihung von übersinnlichen Superlativen. Damit blockiert sich die esoterisch durchzogene Story selbst und hätte an vielen Stellen die Bilder für sich sprechen lassen sollen.

Zeichnung

Lässt man die im direkten Vergleich misslungenen Gesichter mal außer Acht, ist Ledroits fotorealistisches Paris eine Augenweide. Dem düsteren Grundton wirkt ein leuchtendes Farbenspiel par excellence entgegen.

Viele Worte, wenig Inhalt

Ich sehe was, was du nicht hörst…

Es gibt Menschen, die können Töne sehen, visualisieren Zahlen und Buchstaben in bestimmten Farben, oder verbinden einen bestimmten Geschmack mit geometrischen Formen. Kein Fall für „Wetten, dass..?“, sondern das Phänomen der Synästhesie. Laut Studien könnten rund vier Prozent der Bevölkerung in der Lage sein, die fünf Sinnesleistungen miteinander zu verbinden. Viele Menschen sind sich dieser Fähigkeit überhaupt nicht bewusst. Sei es, weil sie noch nie etwas darüber gehört haben, oder einfach deshalb, weil es für sie normal ist, dass die Wochentage Farben haben oder Gefühlsregungen mit bestimmten Bildern einhergehen. Einer dieser Menschen mit gekoppelten Sinneswahrnehmungen ist Mickaël Alphange.

Mickaël kann Emotionen hören… und Farben. Der Glasmalerei-Lehrling arbeitet mit seinem Meister Philippe in der historischen Kathedrale Notre-Dame, die bei einem folgenschweren Brand 2019 stark beschädigt wurde. Nachdem Vandalen in der Nacht eines der kunstvoll-imposanten Fenster zerstört hatten, fällt den beiden ein besonders farbintensiver Glassplitter ins Auge. Nach genauerer Begutachtung stellt sich heraus, dass der Splitter aus kristallinem Metall besteht. Aus alchemistischer Herstellung des späten 13. Jahrhunderts. Indigo, die siebte Farbe der Alchemisten. Kraftvoll und von strahlender Intensität. Die letzte Farbe vor dem Eintritt in die unbekannte Welt, dem Ultra-Violett. Mickaël ist fasziniert von dem Splitter und nimmt ihn mit, um daheim ein wenig tiefer zu graben. Die Indigo-Quelle soll ihm als Motor für seine „Sound & Light“-Show, wie er es nennt, dienen. Mit Hilfe seines Synthesizers – und des Genusses von bewusstseinserweiternden Substanzen aus natürlichem Anbau – begibt er sich in Trance. Während er Töne spielt, sieht er vor dem geistigen Auge Farben. Er erhört sich sein Indigo, tastet sich heran, während seine Finger Klänge produzieren, die lediglich an die Tür des ersehnten Ultra-Indigos klopfen. Aufbrechen geht nicht, behutsam will das Schloss geknackt werden. Und dann… öffnet sich das Tor in eine Welt jenseits des Vorstellbaren. Eine Dimension ungeahnter Schönheit. Hypnotisch, fremd und vertraut zugleich. Ein unbeschreiblicher Trip in eine Welt, bewohnt von ätherischen Kreaturen. Doch nach seiner ganz privaten Show ist der Trip nicht vorbei. Mickaël hat sich weit in unbetretene Sphären vorgewagt. Zu weit, denn nach dem Aufwachen aus der Trance sind seine übersinnlichen Wahrnehmungen derart geschärft, dass sich ganze Spektren von Farben und Formen in seine Realität mischen. Er hat einen sechsten Sinn aktiviert, der nicht nur farbenfrohe Schönheit mit sich bringt, sondern auch bedrohliche Kreaturen zu Tage fördert.

Bevor er in den Wahnsinn abdriftet, sucht Mickaël Rat bei seinem Meister Philippe. Der kennt jemanden, der seinem Lehrling womöglich helfen kann und ein wenig Ahnung auf diesem Gebiet hat. Denn Mickaël Alphange hat unbewusst sein „drittes Auge“ geöffnet…

Farb- und Formen-Rausch

Aus künstlerischer Sicht ist „Das dritte Auge“ von Olivier Ledroit höchst beeindruckend. Das wird bereits beim Blick auf das Cover klar. Und in genau diesem detaillierten Stil geht es innen weiter. Direkt die erste Doppelseite ist ein wahres Fest für die Augen. Farblich dominieren Gelb- und Blautöne. Da auf Passagen im Tageslicht weitestgehend verzichtet wurde, können die Farben sich regelrecht in den Vordergrund spielen. Ein ganz wichtiges, ja sogar unverzichtbares Element in der Geschichte. So kann man sich an den Rausch-artigen Bilderfluten von Ledroit auch nicht sattsehen. Was er allerdings weniger beherrscht, sind Menschen. Besonders in Nahaufnahmen der Gesichter wird dies deutlich. Der ansonsten fotorealistische Look von Häusern, Straßen, bekannten Bauwerken und Einrichtungen ist unglaublich schön und mit enormer Liebe zum Detail gezeichnet, worin die Charaktere im Prinzip sehr schön eingefügt werden. Nur frontal und aus der Nähe beißen sich das abstrakte Aussehen und die unproportionierten Gesichter mit dem Rest. Das ist schade, da ich dieses Manko trotz visueller Reizüberflutung an Kreativität nicht ausblenden bzw. unbeachtet lassen kann.

Inhaltlich ist die Geschichte ein zweischneidiges Schwert. Mit 112 Seiten für ein französisches Album überdurchschnittlich umfangreich, ist die Story selbst jedoch überschaubar. Der optische Bombast steht im Vordergrund. Dieser erste Akt hätte ansonsten nämlich deutlich kompakter erzählt werden können. Stattdessen ergötzt sich Olivier Ledroit in sich wiederholenden Beschreibungen von Mickaëls übermannenden Gefühlen und wirft in fast jedem Panel mit Fremdwörtern um sich, dass der Duden nur so glüht. Durchzogen von Esoterik, philosophischen Abschweifungen und okkulten Mysterien, macht Ledroit es den Leserinnen und Lesern so unnötig schwer. Dadurch kann man sich schwer den Farb- und Formen-Explosionen hingeben, ohne von der Sperrigkeit der Texte ausgebremst zu werden.

Fazit:

Ein optischer Leckerbissen mit kleinen Abstrichen. Die Geschichte selbst verliert sich in der gewollt-philosophischen Erzählweise und hätte es in geringerem Umfang ebenfalls getan. Für ein episches Feuerwerk ist die Story zu dünn, was sich selbstverständlich in den beiden kommenden Bänden noch ändern kann. Noch ist aber die visuelle Präsentation der Hauptgrund, um den ersten Akt von „Das dritte Auge“ empfehlen zu können.

Das dritte Auge: Akt I - Die Stadt der Lichter

, Olivier Ledroit, Splitter

Das dritte Auge: Akt I - Die Stadt der Lichter

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