Das Bildnis des Dorian Gray: Nach Oscar Wilde

Erschienen: September 2021

Couch-Wertung

6
Story
Zeichnung

Story

Oscar Wildes Story ist speziell, doch seine Texte sind unsterblich. Die Bearbeitung harmoniert aber leider nur bedingt mit den Bildern.

Zeichnung

Die Illustrationen haben massig gute Ideen zu bieten, sind jedoch nicht immer ansprechend und machen es schwer, dem Geschehen zu folgen.

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Yannic Niehr
Ein Spiegel der Seele

Comic-Rezension von Yannic Niehr Okt 2021

Alles dreht sich nur um ihn: Dorian Gray, jung, schön und geliebt. Der Maler Basil und sein Freund, Lebemann Lord Henry Wotton, haben beide einen Narren an dem noch kaum erwachsenen, unverschämt gutaussehenden Mann gefressen. Beide versuchen sie, ihm ihre Lebensphilosophie näherzubringen (um nicht zu sagen: aufzuzwingen). Basil lebt für die Kunst, wohingegen der abgeklärte Wotton dem Hedonismus frönt. Als Basil in seinem Atelier den jungen Mann porträtiert und damit sein Meisterwerk vollbringt, wünscht sich Dorian, auf ewig so jung und schön sein zu können – und dass das Bild an seiner Statt altern möge. Diese Äußerung soll ihm zum Verhängnis werden.

Dorian verliebt sich in die Schauspielerin Sibyl Vane. Er ist ganz hin und weg von ihrem Können und beschwört Basil und Lord Wotton, sie auf der Bühne in ihrem Element zu sehen. Doch gibt sie eine unerwartet hölzerne und mittelmäßige Darbietung. Hinterher gesteht sie Dorian, dass ihre Liebe zu ihm ihr zum Lebensinhalt geworden sei und ihr Talent verdrängt und überschattet habe. Dorian, der sich nach etwas sehnte, was tiefer geht als nur unter die Oberfläche, ist jedoch entsetzt. Da sie den Genius, der sie für ihn zu etwas Besonderem machte, verloren habe, weist er sie ab. Kurz darauf zeigt sich eine erste, seltsame Veränderung an seinem Porträt: ein grausamer Zug um den Mund, der vorher nicht dagewesen ist. Es folgt ein großes Unglück, welches Dorian dazu verleitet, jegliche Schuld von sich zu weisen und alle Tugend aus seinem Herzen zu bannen. Wottons Einfluss nun hilflos ausgeliefert, ergeht sich Dorian über Jahre hinweg in weltlichen Freuden und verkommt moralisch mehr und mehr. Das sich stets verändernde Porträt, das seine innere Verderbnis nachzubilden scheint, verdeckt er und sperrt es weg auf den Dachboden. Doch kann er seinen eigenen Schatten loswerden ..?

„Jeder von uns hat Himmel und Hölle in sich“

Der irischstämmige Autor Oscar Wilde, Ur-Vater aller Dandys, ist nicht zuletzt durch den aufsehenerregenden Prozess im Gedächtnis geblieben, der ihn brechen sollte. Die Anklage lautete auf „homosexuelle Unzucht“ – im viktorianischen England ein Skandal sondergleichen. So gibt es auch zuhauf naheliegende Interpretationen seines 1890 erschienenen Werkes Das Bildnis des Dorian Gray, die das Thema Homosexualität in den Mittelpunkt rücken und Parallelen zu Wildes eigener Biographie herausarbeiten. Vor allem ist Wilde mit diesem Roman aber ein einschlägiger Klassiker der Schauerliteratur gelungen, der bis heute fest im (pop-)kulturellen Gedächtnis verankert ist – wenn auch eher aufgrund seiner Prämisse als aufgrund der eigentlichen Handlung.

Oscar Wildes Œuvre hat nicht zuletzt auch deshalb überdauert, weil seine scharf beobachteten, humorig-bissigen Bonmots, Lebensweisheiten und Aphorismen auch heute noch jedem Alltagsphilosophen gehaltvollen Zündstoff liefern. Seinen ganz eigenen Stempel hat Wilde natürlich auch Das Bildnis des Dorian Gray aufgedrückt – wobei sich dies hier manchmal in einem fast schon nihilistischen Zynismus äußert, der dem der Figur des Lord Henry Wotton in nichts nachsteht. In seinem kurzen, aber dichten Nachwort beschreibt Mícheál Úa Séaghdha die Bewegung des Ästhetizismus, zu deren Vorreitern Wilde gehörte. Diese versuchte, den tieferen Sinn der Kunst in Abgrenzung zum im Zeitalter der Industriellen Revolution führenden Paradigma von wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Fortschritt zu ergründen. Im Zuge dessen postulierte die Ästhetische Bewegung die etwas widersprüchliche These, dass Kunst um der Kunst willen maßlos, nutzlos und amoralisch sei und nicht der menschlichen Bildung diene, sondern die Seele lediglich mit der puren Lust an Vergnügen und Schönheit nähre (und damit letztendlich das höchste aller Ziele verfolge). Vielleicht ist es gerade diese auch in Das Bildnis des Dorian Gray zentrale These der „Nutzlosigkeit“ von Schönheit, die eine stimmige Umsetzung des Romans so schwierig macht.

„Alle körperliche und geistige Auszeichnung birgt ein Verhängnis“

Die von Knesebeck herausgegebene Graphic-Novel-Adaption bedient sich eines großen Teils von Wildes geistreichem Text – so groß allerdings, dass die Bilder manchmal von einer regelrechten Wand an Sprechblasen überdeckt werden. Dadurch ergibt sich der paradoxe Eindruck, dass die Story gleichzeitig mehr Platz gebraucht hätte und noch etwas straffer hätte bearbeitet werden können. Die kantigen, fast expressionistischen Illustrationen besitzen Ausdrucksstärke und bestechen szenenweise durch sehr dynamische und originelle visuelle Dramatik (Beispiele sind das aggressive Rot, in das die Szene getaucht ist, als Dorian mit Sibyl bricht, oder das teilnahmslose Lächeln des wieder zu unvergänglicher Jugend erblühten Porträts nach Dorians schrecklichem Ende, dem das letzte Panel gehört), sind aber auch nur selten schön anzuschauen – und gehen damit ein bisschen am Kernpunkt der Geschichte vorbei. Besonders das Design der titelgebenden Figur lässt wenig von deren behaupteter unerreichter Schönheit erkennen. Spannend ist zwar auch die Idee, den Zigarettenqualm der paffenden Charaktere sich durch fast jedes Bild winden zu lassen – doch wofür soll dies stehen? Symbolisiert es den historischen Kontext einer Welt im Wandel? Den Hauch des – physischen oder moralischen – Verfalls? Diese Ambivalenz aus interessanten Ansätzen und fragwürdiger Umsetzung prägt die Graphic Novel.

Fazit:

Oscar Wilde war ein Unikum, das es sich zu entdecken lohnt – dies gilt ebenso für Das Bildnis des Dorian Gray. Allerdings ist das Werk auch widerspenstig, anspruchsvoll und unnahbar. Vielleicht bleibt genau deshalb die Graphic-Novel-Adaption etwas hinter ihren Möglichkeiten zurück und überzeugt nur eingeschränkt.

Das Bildnis des Dorian Gray: Nach Oscar Wilde

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