Text:   Zeichner: Glenn Head

Chartwell Manor

Chartwell Manor
Chartwell Manor
Wertung wird geladen
Marcel Scharrenbroich
9101

Comic-Couch Rezension vonDez 2021

Story

Nichts für einen gemütlichen Lese-Abend. Radikal ehrlich und ungeschönt. Head thematisiert auch eigene Fehltritte und Defizite. Respekt… hätte manch anderer Autor bestimmt gerne unter den Tisch fallen lassen.

Zeichnung

Mit seinem Underground-Stil trifft Glenn Head den Nagel auf den Kopf. Eine gelungene Art, die schwer verdauliche Geschichte zu erzählen.

Nennt mich… „Sir“

Wut im Bauch

Hören oder lesen wir in den Medien, dass erwachsene sich an Schutzbefohlenen vergangen haben, macht und das nicht nur betroffen, traurig oder versetzt uns in eine Schockstarre der Hilflosigkeit. Nein, es macht uns auch wütend. Wütend auf den Abschaum, der seinen krankhaften Begierden nachgibt. Auf die Tatsache, dass irgendwelche unvorstellbaren Triebe mehr Gewicht haben, als ein gesamtes Leben voller Pein und einer herausgerissenen Seele, die wahrscheinlich für immer geschädigt wird. Vorwürfe gegen die Katholische Kirche in Bayern, der Missbrauchsskandal von Bergisch Gladbach, bei dem es nach mehreren Razzien mehr als 30.000(!) Tatverdächtige gibt, die wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornographie oder aktiver Gewaltausübung in den Fokus der Ermittler gerieten, 11 Festnahmen beim Verdacht auf Kindesmissbrauch in Münster, die Horror-Meldungen vom Campingplatz von Lügde… plus unzählige weitere Fälle, eine wahrscheinlich erschreckend hohe Dunkelziffer und der schwarz-auf-weiß-Tatsache, dass im Jahr 2020 ein Anstieg von 10% bei der Misshandlung Schutzbefohlener zu verzeichnen war. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik, welche zum Halbjahr 2021 veröffentlicht wurde, stiegen Missbrauchsfälle gegen Kinder auf über 14.500 Fälle. Ein Anstieg von 6,8% im Vergleich zum Vorjahr. Konsum und Verbreitung kinderpornographischer Inhalte sind geradezu in astronomische Höhen geschossen. Es ist nahezu unvorstellbar, welch abartige Subjekte allein in der Corona-Zeit vom Bodensatz der Gesellschaft an die Oberfläche gespült werden. Fast noch erschreckender sind die vergleichsweise milden Strafen, die die Täter erwarten. Eine zu niedrige Mindeststrafe und ein generell sehr breiter Strafrahmen sind da kaum noch abschreckend. Wer dieses dünne Eis betritt, hat es verdient, mit Pauken und Trompeten einzubrechen. In den Medien sehen wir nur Feiglinge, die mit dicken Aktenordnern ihre Gesichter verdecken. Scham? Späte Reue? Pah! Taten, die durch nichts, aber absolut NICHTS zu entschuldigen oder gar zu rechtfertigen sind. Schlimm genug, dass viel zu wenig über die Opfer gesprochen wird. Man mag sich nicht vorstellen, was solche Erlebnisse mit Kinderseelen anrichten. Der 1958 in New Jersey geborene Cartoonist, Comic-Autor und -Zeichner Glenn Head kann da aus Erfahrung sprechen…

Stumme Schreie

Glenn war dreizehn, als seine Eltern ihn auf ein Internat schickten. Er sollte wegen mangelnder Leistung die siebte Klasse wiederholen. Eine Bekannte empfahl der Familie Chartwell Manor. Die Privatschule im britischen Stil wurde nach dem Sitz von Winston Churchill benannt. Geleitet wurde sie von Terence Michael Lynch, ebenfalls Brite. Charismatisch, streng und unberechenbar. Legte extremen Wert darauf, mit „Sir“ angesprochen zu werden.

Glenn wurde nicht gefragt, ob er dorthin wollte. Er wurde mehr oder weniger dort abgeladen. Nach Hause ging es nur an den Wochenenden. Es gab nichts, was ihm an Chartwell Manor gefiel. Mieses Essen, akribisch durchgetakteter Zeitplan, unumstößliche Regeln. Und bei deren Missachtung folgte die Strafe auf dem Fuß. Körperliche Züchtigung war an der Tagesordnung. Mal Schläge mit der flachen Hand, dann mit Hilfsmitteln wie Gürteln, Haarbürsten oder einem martialischen Rohrstock. Damit war das Martyrium aber noch lange nicht komplett. Abends erzählte „Sir“ den Jungen Geschichten, legte sich zu ihnen ins Bett… fasste sie an. Zwischen gespielter Fürsorge, eiskalter Härte und explosionsartigen Wutausbrüchen wurde Terence Michael Lynch schnell zum personifizierten Bösen. Chartwells gnadenloser Herrscher, der sich seinen scheinheiligen Bildungsauftrag mit seinem Gefasel von „Disziplin“ und „Elite“ selber schönredete und sich dazu noch von den ahnungslosen Eltern gut bezahlen ließ. Die Tage waren lang… die Nächte noch viel länger. Untereinander redeten die Jungen zwar, doch alle Geheimnisse blieben in den steinernen Mauern von Chartwell Manor. Zumindest vorerst…

Nach dieser prägenden Zeit ging es für Glenn nicht gerade bergauf. Seine schulischen Leistungen sackten wieder ab. Zu körperlicher Nähe war er auf Grund seiner Erfahrungen nicht in der Lage. Lediglich in den anonymen Kreisen von Pornos und Sex-Heftchen konnte er sich gehenlassen. Und zunehmend verfiel er dem Alkohol. Glenn wuchs heran, versuchte auf wackeligen aber eigenen Beinen zu stehen, was ihm mehr schlecht als recht gelang. Noch Jahre später schwebte der dominante Schatten von Terence Michael Lynch über dem Trümmerhaufen, den er Leben nannte. Stets präsent. Bis jetzt… denn nun ist die Zeit gekommen, sich der Vergangenheit ein für alle Mal zu stellen!

Späte Rache

Schonungslos und ohne Rücksicht auf Verluste. So ging Glenn Head mit seiner verspäteten Abrechnung gegen Chartwell Manor, „Sir“ und jeden, der die Augen vor den Vorgängen verschloss, vor. Sich selbst nimmt der Autor und Zeichner da nicht aus. Man kann nur erahnen, welche Überwindung es ihn gekostet hat, die schmerzhaften Stationen seines bisherigen Lebens offenzulegen. Diesem mutigen Schritt gebührt Respekt. Ganz im Stil seiner großen Underground-Vorbilder, zeichnet sich der Künstler Seite um Seite die Last von der Seele. Eine therapeutische Abrechnung mit seinem Peiniger.

Mit dicken Tusche-Strichen und eher steifen Charakteren huldigt Glenn Head namhaften Künstlern wie Robert Crumb („Fritz the Cat“), S. Clay Wilson (1941 – 2021; „The Checkered Demon“) und Gilbert Shelton („The Fabulous Furry Freak Brothers“). In obligatorischem Schwarz-Weiß sind Heads Panels bis ins kleinste Eckchen vollgepackt und unterliegen keiner klaren Struktur. Surreale Bild-Explosionen mit LSD-ähnlichen Kurz-Trips gibt es ebenso wie Nacktheit, ausufernden Genussmittelverzehr und raue Sprache.

Erschienen ist die umfangreiche Graphic Novel als Hardcover im CARLSEN Verlag. Schon im Vorwort stimmt Glenn Head auf den Brocken ein, der selbst nach dem Lesen noch einige Zeit im Magen liegen wird. Angereichert ist das toll gestaltete Buch (mit Spotlack-Motiv auf der Front) mit einigen Fotos aus Heads Privat-Archiv und Zeitungsausschnitten zum Fall aus der lokalen Presse von New Jersey.

Fazit:

„Chartwell Manor“, das Comic-Memoir von Glenn Head, welches Robert Crumb höchstpersönlich als „Meisterwerk“ bezeichnet, packt einen da, wo es wehtut… und tritt dann dorthin, wo es noch mehr schmerzt. Eine schonungslose Abrechnung mit einem gesamten Lebensabschnitt.

Chartwell Manor

Glenn Head, Glenn Head, Carlsen

Chartwell Manor

Ähnliche Comics:

Deine Meinung zu »Chartwell Manor«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Alita:
Battle Angel

Der „Große Krieg“ ist seit 300 Jahren vorbei. Unter der gigantischen Himmelsstadt Zalem, der letzten ihrer Art, befindet sich Iron City. Hier sind alle Strukturen zusammengebrochen, was die Straßen - speziell nach Einbruch der Dunkelheit – zum gefährlichen Pflaster werden lässt. Im Jahr 2563 sind Cyborgs keine Seltenheit mehr und viele von ihnen verdienen sich ihr Geld als Kopfgeldjäger… sogenannte Hunter-Warrior. Titelbild: © 2019 Twentieth Century Fox

mehr erfahren