Breathtaker – Liebe, Tod, Sex, Macht (Gesamtausgabe)

Erschienen: Dezember 2020

Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Die Story geht tiefer, als man anfangs erahnen könnte. Toll und eindringlich erzählt. Definitiv ein anderer Superhelden-Comic, der im Kern keiner ist und dafür mit einer melancholischen Grundstimmung überrascht.

Zeichnung

Gut, aber nicht überragend. Ein Stil, auf den man sich einlassen muss, damit er überzeugen kann. Harte Kontraste und teils grelle Farben sorgen für einen recht wilden Mix.

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Marcel Scharrenbroich
Succubus - Coitus - Exitus

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mär 2021

Love Hurts

Chase Darrow hat als junge, attraktive Frau eigentlich alles, was sie sich wünschen könnte. Sie zieht die Blicke der Männer auf sich, wie das Licht die Motten lockt. So verfiel ihr auch der schwerreiche Paul. Und es beruhte auf Gegenseitigkeit. Chase hat viel zu geben. Liebe, Leidenschaft, Verlangen. Einziges Problem: Chase nimmt mehr als sie geben kann… unfreiwillig. Gibt sie der körperlichen Lust nach und wird mit einem Partner intim, raubt sie ihm die Lebenskraft. Sie verzehrt in regelrecht. Saugt ihn aus, bis nur noch eine gealterte Hülle übrigbleibt. Dieses Schicksal ereilte auch Paul. Selbst in derart geschwächtem Zustand, konnten weder er noch Chase dem Drang standhalten. Mit fatalen Folgen. Beide krachten durch ein Fenster des Anwesens und stürzten in die Tiefe. Pauls ausgezehrter Körper zerschmetterte, doch Chase überlebte unverletzt.

Unter Schock ergreift sie die Flucht und stößt schon bald auf den Trucker Lou, den sie in einem Diner aufgabelt. Entgegen ersten Erwartungen, entpuppt sich Lou Dupka nicht als das chauvinistische Arschloch, dass er unter seinen sabbernden, gaffenden Fernfahrer-Kollegen noch zu sein schien. Tatsächlich reißt er sich den Hintern auf, um seine beiden Kinder durchzubringen, nachdem die Dame des Hauses schon früh die Biege gemacht hatte. So verwirft Chase ihre Pläne, dem Fremden beim Liebesspiel die Lebensuhr auf Null zu drehen. Zum Glück für Lou, reißt ausgerechnet der Fernseher die beiden aus ihrer immer größer werdenden Begierde. Glück für Lou, Pech für Chase… denn in den Nachrichten wird ihr Name genannt.

The Man Comes Around

Der Tod von Paul Raymond blieb nicht lange unentdeckt. Die Medien reden sogar von Mord! Und die Hauptverdächtige: Chase Darrow. Da muss selbst der schwer zu unterdrückende Zwang nach Zweisamkeit mal kurz hinten angestellt werden…

Obwohl sich die junge Frau nichts sehnlicher wünscht, als endlich anzukommen, sesshaft zu werden, lieben zu können und geliebt zu werden, ohne gleich ungewollt alles und jeden – inklusive sich selbst – ins Chaos zu stürzen, befindet sie sich jetzt auf der Flucht. Mit einer Zielscheibe auf dem und einem gefährlichen Gegner im Rücken. Denn niemand anderes als „The Man“ hat die Jagd auf sie eröffnet. Das beste Pferd im Stall der ermittelnden Behörde. Nicht nur das, sondern auch ausgewiesener Superheld mit allem Pipapo. Einer eigenen Fernsehserie, eigenem Comic und der ganzen Merchandise-Palette, die den Sponsoren reichlich Kohle einfährt. Oder besser gesagt… einfuhr. „The Man“ ist nämlich kein Strahlemann mit Zahnpasta-Lächeln, sondern ein knallharter Hund, der ohne Kompromisse agiert. Von Kollateralschäden zu sprechen, wäre da noch untertrieben. Diese Entgleisungen haben seinen Marktwert kräftig gen Keller gehauen, was den naiven Wüterich mit der kurzen Zündschnur jedoch nicht davon abhält, die Suche nach Chase Darrow zur Chefsache zu machen. Doch… ist so ein kantiger Brocken aus Muskeln wie Stahl auch gegen Amors Kryptonit-Pfeile gewappnet?

It’s (Not) Unusual

„Breathtaker“ könnte ein generischer Superhelden-Comic sein. Einheitsbrei, der in der Masse der „Großen“ untergeht. Könnte… ist er aber nicht. Mark Wheatley und Marc Hempel, die kreativen Köpfe hinter diesem Werk, holen deutlich mehr aus dem dicht erzählten Stoff. Ein tumber Übermensch, der in Gestalt von „The Man“ im Auftrag der Mächtigen agiert und als Aushängeschild fungiert, könnte mit seinem überzeichneten und gleichzeitig sozialkritischen Auftreten glatt ein früher Vorläufer der gefeierten Superhelden-Truppe „The Boys“ sein, welche von Garth Ennis und Darick Robertson geschaffen wurden und seit der gleichnamigen Serie beim Streamingdienst PRIME VIDEO (bislang 2 Staffeln) auch einem breiteren Publikum bekannt sein dürften. Diese zeigten zwischen 2006 und 2012 schon in Comic-Form, wie man den Superhelden-Status dazu benutzt, um mal richtig die Sau rauszulassen. Später beim US-Verlag DYNAMITE, doch zuvor beim DC-Imprint WILDSTORM. Hier haben wir dann die zweite Gemeinsamkeit, denn auch „Breathtaker“ kam seinerzeit bei DC unter.

Als vierteilige Mini-Serie im Prestige-Format 1990 erstveröffentlicht, fand die gesammelte Geschichte in Form eines Paperbacks Unterschlumpf beim hauseigenen VERTIGO-Label. Nachdem die Rechte wieder in die Hände der Schöpfer fielen, machten Wheatley und Hempel sich daran, ihr von Lesern und Kritikern gefeiertes Werk zu überarbeiten. „Breathtaker: Love, Death, Sex, Power“ erschien beim US-Verlag TITAN und dieser Fassung liegt auch die bei CROSS CULT veröffentlichte Gesamtausgabe zu Grunde. Ausgestattet mit einem lobenden Vorwort von „Sandman“-Mastermind Neil Gaiman, verfügt das hochwertige Hardcover noch über allerlei Extras. Im seitenstarken Bonusteil finden sich interessante Einblicke in die Entstehungsgeschichte von „Breathtaker“, wobei dort hauptsächlich Autor Mark Wheatley aus dem Nähkästchen plaudert. Dazu zahlreiche Entwürfe, Skizzen und Charakter-Designs. Eine alternative Eröffnungssequenz, mit der die Macher DC schließlich überzeugten, dem Projekt grünes Licht zu geben, ist ebenfalls enthalten. Highlight ist aber der extra für die Neuveröffentlichung angefertigte Meta-Comic „Make Way For The Man“ #138, dessen direkter Vorgänger in „Breathtaker“ eine kleine Rolle spielt.

Love Sees No Colour

Wie könnte ich den Stil von Zeichner Marc Hempel am besten beschreiben…? Grob? Kantig? Experimentell? Ja, all dies würde zutreffen. Hier ist nichts auf Hochglanz oder strahlenden Superhelden-Look poliert. Auch sehen die Charaktere selten hübsch oder sonderlich vorteilhaft aus. Dick umrandet wirken sie eher, wie aus einem Underground-Comic entsprungen. Die Farbpalette ist reduziert und trägt trotzdem oft sehr dick und ebenso grell auf. Ganze Panels wurden nicht selten in kreischendes Pink getaucht. Sind diese Punkte jetzt positiv oder negativ zu bewerten?

Nun, das sollte jeder Leser für sich selbst entscheiden. Ich tat mich anfangs noch schwer mit diesem eigenwilligen Stil, konnte mich jedoch mit der Zeit immer mehr dafür erwärmen. Hat die Story einen nämlich erstmal gekrallt (was nicht lange dauern sollte…), wirkt Hempels wilder und expressionistischer Popart-Stil nämlich gar nicht mehr so befremdlich.

Don’t Stop ‘til You Get Enough (Fazit):

Danke an CROSS CULT, die diese 90er-Perle nun erstmals für deutschsprachige Leser verfügbar gemacht haben. Hier zeigt sich, dass ein Comic nicht „schön“ aussehen muss, um überzeugen zu können. Er muss nur Seele haben und wissen, wie man eine ebenso rasante wie bewegende Geschichte überträgt. Und dies gelingt „Breathtaker: Liebe, Tod, Sex, Macht“ mühelos.

Breathtaker – Liebe, Tod, Sex, Macht (Gesamtausgabe)

Breathtaker – Liebe, Tod, Sex, Macht (Gesamtausgabe)

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