Couch-Wertung

7
Story
Zeichnung

Story

Phantasievoll und sympathisch wird hier ein Thema behandelt, welches einen Großteil der Bundesbürger betrifft. Der kindlich-unschuldige Blick aufs Geschehen ist dabei das A und O.

Zeichnung

Skizzenhaft und schlicht… aber alles andere als schlecht. Die groben Charaktere passen zum Charme der Geschichte, die zudem unkonventionell und minimalistisch, dafür aber angemessen koloriert wurde.

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Marcel Scharrenbroich
Kündigungsgrund: Habgier

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Aug 2019

Bäumchen wechsle dich

Berlin-Mitte. Hier steht in der Bergstraße ein altes Mietshaus, welches bereits im 19. Jahrhundert erbaut wurde. Dort lebt auch die kleine Tilda mit ihren Eltern und fühlt sich pudelwohl in der Nachbarschaft. Hinterm Haus gibt es einen großen Garten, der von allen Hausbewohnern genutzt wird. Am riesigen Baum, der mittig versucht, die ihn einrahmenden Häuser zu überragen, hängt eine Schaukel, die Tilda gerne in Beschlag nimmt, während die kleineren Nachbarskinder sich im Sandkasten vergnügen. Abends treffen sich hier die Erwachsenen, um gemeinsam zu Grillen und bei dem einen oder anderen Bierchen den neusten Tratsch auszutauschen und einfach Spaß zu haben. Eines Abends ist es jedoch anders… Tilda, die eigentlich längst schlafen sollte, bekommt mit, wie sich einige Nachbarn im Wohnzimmer ihrer Eltern versammelt haben und durchaus ernstere Töne anschlagen. Mit den dort angesprochenen Themen ist sie zwar überfordert, kann jedoch die Besorgnis der Anwesenden in deren Gesichtern förmlich ablesen.

Das alte Haus soll saniert werden und die Anwohner fürchten, dass sie auf der Straße landen werden. Dass die enormen Kosten, die solch eine Sanierung mit sich bringt, auf die Mieter umgewälzt werden, ist leider keine Seltenheit. Doch wie soll man sich so etwas leisten können? Die Bergstraße liegt nicht gerade im Luxusviertel der Hauptstadt und eine Umwandlung in Eigentumswohnungen, die sich niemand der jetzigen Mieter auch nur im entferntesten leisten könnte, liegt nahe. Schon am nächsten Morgen läuft ein ganzer Trupp von Bauarbeitern auf, begleitet vom Hauseigentümer, der sich vor Ort einen Eindruck vom schlechten Zustand des Gebäudes macht. Kurzerhand wird der Spielplatz geschlossen und das Ende der gemeinsamen Grill-Abende scheint besiegelt. Noch am selben Abend wird Tilda unsanft aus dem Schlaf gerissen, als Arbeiter sich mit ratternden Kettensägen an der großen Kastanie zu schaffen machen. Tildas Vater gesellt sich zu seiner traurigen Tochter und erzählt ihr die Geschichte vom Baumamt, welches sich um den Umzug ihres geliebten Baumes kümmert. Und so geht das riesige Holzgewächs auf die Reise…

Durch die Augen eines Kindes

Das, was „Bergstraße 68“ so besonders macht, ist die Sichtweise, aus der die Geschichte erzählt wird. Wir sehen sie nämlich durch die kindlichen Augen der kleinen Tilda, die mit Begriffen wie „Sanierung“, „“Duldungsrecht“ oder „Entkernen“ herzlich wenig anfangen kann. Wie sollte sie auch? Doch das Mädchen ist echt smart und durchaus interessiert an dem, was da gerade um sie herum geschieht und was für so großen Trubel bei den Erwachsenen sorgt. Charmant-naiv, neugierig und engagiert fragt sie sich durch und versucht zu begreifen, warum sie, ihre Familie und alle anderen Anwohner plötzlich ihr geliebtes Heim aufgeben sollen. Dies geschieht mit einer sympathischen Leichtigkeit, die dennoch die real existierenden Probleme von Wohnungsnot, Zwangssanierungen und explodierenden Mieten im Kern trifft, ohne diese zu beschönigen und zu verharmlosen. Der Ernst der Lage bleibt konstant, nur die Herangehensweise an diese Themen ist eine andere.

Talentschmiede

Geschrieben wurde „Bergstraße 68“ von der Dresdner Comiczeichnerin und Karikaturistin Tina Brenneisen. Die Künstlerin lebt und arbeitet in ihrer Wahlheimat Berlin und illustriert – neben ihrer Autoren-Tätigkeit – Kinderbücher, gibt Workshops und gründete zudem einen eigenen Verlag. Der Ende 2013 ins Leben gerufene, unabhängige Verlag Parallelallee bietet eine kleine, aber feine Auswahl an interessanten Comic-Projekten, die allesamt aus den Federn talentierter Künstlerinnen stammen… so auch „Bergstraße 68“. Tina Brenneisens nächstes Projekt, „Das Licht, das Schatten leert“, wird mit Sicherheit für großes Aufsehen sorgen. Darin verarbeitet die Künstlerin autobiographisch das Thema Totgeburt. Für dieses sehr persönliche, mutige und ehrliche Werk wurde Tina Brenneisen bereits 2017 mit dem Berthold-Leibinger-Comicbuchpreis ausgezeichnet. „Das Licht, das Schatten leert“ ist ab September 2019 erhältlich und erscheint im Verlag Edition Moderne.

Die rumänische Trickfilmerin und Comiczeichnerin Veronica Solomon lebt ebenfalls in Berlin und setzte dieses in „Bergstraße 68“ zeichnerisch in Szene. Dabei bedient sie sich eines eher groben und künstlerisch schlichten Stils, der dem Thema als Kontrast gut zu Gesicht steht. Dass alles aus der Sicht eines kleinen Mädchens geschieht, verleiht dem naiven Blick auf die Geschehnisse nur noch mehr Authentizität. Dabei haben mir besonders Tildas phantasievolle Auswüchse gefallen, wenn sie Bedeutungen mancher Worte einfach noch nicht versteht und DAS in die Situation interpretiert, WAS sie darunter versteht. So wird beispielsweise aus „Diktaturen“ ganz schnell mal „Tick-Tackturen“ und es wird bildlich geschildert, wie geflügelte Wecker und Standuhren auf zwei Beinen durch Berlin irren und schwirren. Sehr kreativ. Auch die spartanische Kolorierung passt sich sehr gut der Plattenbau-Atmosphäre an. An Stelle einer schwarz-weiß-Inszenierung, die mit Graustufen für Abwechslung und Tiefe sorgt, gehen Solomons meist dicke Striche ins dunkle violett, während Schattierungen und Akzente in einem erdfarbenen Khaki-Ton zum Tragen kommen. Eine ungewöhnliche Kombination, die aber funktioniert.

Fazit:

Eine phantasievolle, kleine Geschichte aus unserer Mitte, wie sie tagtäglich passieren könnte… und sogar passiert. Ein Plädoyer gegen die Gier von Vermietern und Immobilien-Firmen, sowie für bezahlbaren und angemessenen Wohnraum, der immer knapper wird. Abzockern und Sanierungs-Geiern sollte ein Exemplar in die Briefkästen gelegt werden, damit sie sehen, dass wir mehr sind, als nur irgendwelche Nummern auf Formularen. Hinter jeder Mieter-Nummer steckt nämlich ein Einzelschicksal…

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