Text:   Zeichner: Luigi Critone

Aldobrando

Aldobrando
Aldobrando
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Marcel Scharrenbroich
10101

Comic-Couch Rezension vonMai 2021

Story

Eine klassische Helden-Reise, die mit der Suche nach Blümchen beginnt und abenteuerlich das ganze Leben der sympathischen Hauptfigur verändert. Ich mochte dort einfach ALLE… bis auf den Fettschwabbel mit der Kröten-Visage.

Zeichnung

Stilisierte Charaktere mit hohem Wiedererkennungswert. Die Kolorierung ist aufwändig und begeistert mit natürlichen Lichteffekten.

Der Held, der keiner sein wollte

In einer finsteren Nacht…

…nimmt die Geschichte ihren Anfang. Pechschwarz und durchzogen von strömendem Regen. In diesem unwirtlichen Ambiente, mit nur dem Mond als Zeugen, treffen sich zwei Männer. Und der Jüngere gibt seinen kostbarsten Besitz in die Hände des Älteren… seinen kleinen Sohn. Er vertraut dem Alten. Möchte, dass dieser den Jungen als Vormund großzieht. Ihn zum Mann macht. Ihn lehrt und formt, bis Aldobrando, so der Name des Knaben, reif genug ist, auf eigenen Beinen zu stehen, und seinen Weg in die raue Welt antreten kann. Seinen Vater erwartet indes ein unausweichliches Schicksal. Am Mittag des anbrechenden Tages wird er hinab in die Grube steigen. Sich dort im Kampf auf Leben und Tod seiner Verantwortung stellen. Den Häschern derer, gegen die er sich leichtsinnig jedoch stolz auflehnte… und nun den Konsequenzen ins Auge sehen. Würde er sich Hoffnungen auf eine siegreiche Rückkehr machen, hätte er seinen Vertrauten nicht aufgesucht. Nicht seinen einzigen Sohn hergegeben. Um nichts in der Welt. Doch Hoffnung hat er keine mehr…

Zu gut für diese Welt

Jahre sind ins Land gezogen. Aldobrando lebt mit seinem Meister in bescheidenen Verhältnissen und ist zu einem jungen Mann herangewachsen. Eher schmächtig und weit entfernt von der imposanten Statur seines leiblichen Vaters, jedoch mit dem Herz am rechten Fleck. Eher einfach gestrickt, steckt der Jüngling nicht gerade voller Tatendrang. Da benötigt es schonmal klare Ansagen seines Vormunds, damit Aldobrando über seinen schmalen Schatten springt und sich aus seinem Schneckenhaus heraustraut.

Dieser Tag soll nun ein besonderer sein, denn der Meister möchte seinen Zögling ein bedeutsames Geheimnis verraten. Ihn in die Welt der Wunder einführen, die der alte Mann mit seinen wuchtigen Büchern und allerlei sonderbarer Zutaten heraufzubeschwören vermag. Das Gebräu anzumischen scheint kompliziert, was der nicht mit Genialität gesegnete Bursche jedoch mit Bauernschläue umschifft. Lediglich die letzte Zutat bereitet mehr Probleme als erhofft. Eine lebendige Katze soll in den kochenden Topf und Aldobrando soll auswählen, welcher der Stubentiger sein vermeintlich letztes Bad im dampfenden Kessel nehmen soll. Dabei ist es besonders wichtig, dass es Aldobrandos Wahl ist… und er wählt. Leider wählt er falsch. Zumindest „leider“, was das angepriesene Wunder angeht. Für die Katze war es Glück im Unglück, obwohl diese sich selbst aus ihrer misslichen Lage manövriert. Und zwar indem sie dem Alten fauchend ins Gesicht springt und dessen Antlitz großflächig mit markanten und tiefen Krallenspuren versieht. Verflucht! Hat der nichtsnutzige Bengel die falsche Wahl getroffen! Die Suppe soll er nun selbst auslöffeln und schleunigst Schadensbegrenzung betreiben. Um heilende Kräuter für die Augenverletzung seines Meisters zu besorgen, soll der unbeholfene Tunichtgut nun hinaus aus dem sicheren Heim. Wolfskraut soll er finden. Nur dieses kann das Augenlicht des Verletzten noch erhalten. Doch ist das Wolfskraut nicht im Kräutergarten vor dem Haus zu finden. Weiter muss der Junge gehen. Weiter… und dann noch weiter. Nur mit einer groben Beschreibung der heilenden Pflanze, entlässt der Alte Aldobrando in die Welt…

Eine wundersame Welt…

…voller Gefahren. Gefahren und Abenteuern. Abenteuern und Bekanntschaften. Bekanntschaften und Freundschaften. Freundschaften und Liebe. Doch bis dahin ist es noch ein beschwerlicher Weg. Der naive Junge, der zu gut für diese düstere und raue Welt scheint und über den man stets eine schützende Hand halten möchte, durchwandert Wälder und Wiesen. Durchforstet Kerker und schreitet durch königliche Gewölbe. Verliert nie die Hoffnung, selbst in den ausweglosesten Situationen, und wächst stetig an seinen Aufgaben. Was als Ausflug begann, entwickelt sich zum epischen Abenteuer. Um Mut, dem Sinn nach Gerechtigkeit und die ganz große Liebe. Arme wie Streichhölzer, aber das goldene Herz eines Löwen. Aldobrando kann nicht blind darauf vertrauen, immer auf die Füße zu fallen, sondern muss auch im Angesicht seiner scheinbar übermächtigen Gegner über sich hinauswachsen und zum Schwert greifen… denn die Grube lässt niemanden so schnell aus ihren Fängen.

Der Mann im Kinde

Es dauerte nur wenige Seiten, und „Aldobrando“ ließ mich nicht mehr los. Im Kern eine klassische Underdog-Story, in der ein unbeholfener Protagonist an seinen Aufgaben wachsen muss, bis er schließlich seine Bestimmung findet und siegreich von dannen zieht. Ja, im Grunde läuft es so ähnlich ab, doch ist es Aldobrando selbst, den man unweigerlich ins Herz schließt und bei seinen tapsigen Gehversuchen in der großen weiten Welt unterstützen möchte. Die Stolpersteine auf seiner Reise werden immer massiver. Unausweichlicher. So scheint es fast, dass sein Weg vorbestimmt und unweigerlich mit seinem gesamten Leben verknüpft ist. In die Karten spielen ihm dabei glückliche Zufälle und der ein oder andere Schubs in die richtige Richtung. Ganz wie im wahren Leben, wo Kollege Zufall ebenfalls mal an einer Abzweigung wartet und nicht jedes Detail nach Plan verläuft… ganz egal, WIE gut der Plan ist. Nennt es Schicksal, aber genau DAS ist es, was „Aldobrando“ so fesselnd und auch authentisch macht und mich beim Lesen mit kindlicher Freude erfüllte.

Nach dem intensiv-apokalyptischen Szenario in „Die Welt der Söhne“ legt der italienische Comic-Künstler und Filmemacher Gian Alfonso Pacinotti, alias Gipi („Die Unschuldigen“, „Aufzeichnungen einer Kriegsgeschichte“ (beide bei AVANT erschienen) und „S.“ (REPRODUKT)), ein historisches Fantasy-Setting vor, in dem die Fantasy nicht überhandnimmt und nur eine untergeordnete Rolle spielt. Ganz nach dem Motto, dass der Weg das eigentliche Ziel ist, vermisst man erstaunlicherweise auch keine feuerspeienden Drachen oder episches Schlachtgetümmel. Nein, dafür ist man viel zu dicht am Charakter des aufstrebenden Helden, der alles sein will… nur kein Held.

Kleine Palette, große Wirkung

Im Gegensatz zu „Die Welt der Söhne“ hat Gipi hier nicht selbst zum Stift gegriffen, sondern das künstlerische Feld für seinen Landsmann Luigi Critone geräumt. Critone tritt im kommenden dreizehnten Band der Reihe „Der Skorpion“ (CARLSEN) erneut in Erscheinung und illustrierte bereits die historischen Comic-Werke „Sept Missionnaires“, „La Rose & la Croix“ und „Je, François Villon“, mit denen er sich in seiner französischen Wahlheimat einen Namen machte.

In „Aldobrando“ nutz Critone eine sehr stilisierte Herangehensweise, die jeden auftretenden Charakter einzigartig und unverwechselbar macht. So könnte unser Aldobrando dank seiner markanten Frisur glatt einem Techno-Club der 90er entsprungen sein, der ausgemergelt mit seinen kleinen Knopfaugen nach drei durchzappelten Nächten zum ersten Mal wieder das Tageslicht sieht. Fehlen eigentlich nur noch die Warnweste, Trillerpfeife und eine modische Kaffeemaschine, die man locker um den Hals getragen hat (weiße Masken tragen wir ja heute noch). Einer seiner bulligen, hünenhafter Begleiter mutet dagegen fast wie eine Real-Version von Shrek an… nur ohne Grün und den Oger-Aspekt. Grimmig ist dieser jedoch auch, nur etwas rustikaler, wenn es um den Umgang mit Widersachern geht. Dann natürlich einen Antagonisten, dem man diesen Part natürlich auf den ersten Blick ansieht. Ein fettschwabbeliger, tyrannischer Regent, der mit seiner Kröten-Visage aussieht, als hätte man mit dem Strohhalm zu doll in ihn reingepustet. Und dann natürlich die strahlend schöne Prinzessin Bianca, die mit engelsgleichen, weichen Zügen einer jungen Jennifer Connelly aus dem Gesicht geschnitten scheint. Manche Panels kommen vielleicht vom rein Zeichnerischen etwas schlicht daher, was durch die Farbgebung jedoch wieder perfekt aufgefangen wird.

Hier waren Francesco Daniele und Claudia Palescandolo am Werk, die einen hervorragenden Job gemacht haben. Dabei sind die genutzten Farben zwar überschaubar, dafür aber treffend ausbalanciert. Ineinanderlaufende Aquarelle, die zudem perfekt für Schattenwürfe genutzt wurden. Dies fällt besonders bei Märschen durch Wälder auf, wenn das Sonnenlicht durch die Baumwipfel scheint. Auch der metallische Glanz bei Rüstungen wurde berücksichtigt. Ebenso indirekte Lichtquellen, die die Szenerie weich ausleuchten. Wirklich viel Liebe zum Detail.

Fazit:

Ein sehr, sehr schöner Hardcover-Band, den der CARLSEN Verlag erfreulicherweise in einem ansehnlich großen Format präsentiert. Ich ging ohne großes Vorwissen an „Aldobrando“ und ahnte dank der spärlichen Story-Informationen auf der Rückseite noch nicht, wohin mich die Reise führt. Nun weiß ich, dass ich Aldobrando & Co. gerne noch viel, viel länger begleiten würde. Ich mag den kleinen, schmächtigen Kerl…

Aldobrando

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