Text:   Zeichner: Mathieu Sapin

Akissi aus Paris 1

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Kirsten Kohlbrei
8101

Comic-Couch Rezension vonOkt 2025

Story

Alltäglich, aber keine Spur grau. Schlagfertige Dialoge und innere Monologe mit viel Augenzwinkern.

Zeichnung

Illustrationen als kleine Milieustudien in Panel-Format.

Akissi, c'est moi!

Die zwölfjährige Akissi lebt mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in Abidjan, dem größten städtischen Ballungsraum des westafrikanischen Staats Elfenbeinküste. Nun kommt sie jedoch in Frankreich aufs Gymnasium. Zurückbleiben ihr Äffchen Bubu, ihre Freunde und die Familie, bis auf den großen Bruder Fofana, der mit auf die Reise nach Europa geht. Zusammen ziehen die beiden zu ihrem Großonkel, genannt Opi, einem pensionierten Arzt, nach Paris.

Bonjour france, bonjour tristesse

So selbstbewusst und schlagfertig Akissi zu Hause auch ihren quirligen, afrikanischen Alltag im Griff hatte, der Großstadtdschungel der französischen Hauptstadt wird zum Kulturschock für sie. Die Straßen sehen alle gleich aus, darauf Unmengen von Autos und merkwürdige aufgemalte gestreifte Wege. Auf den Bürgersteigen überall eklige Hundehaufen, dazu nervige Tauben, die drohen einen voll zu kacken. Die Menschen sind ebenfalls komisch. Zum Beispiel die unfreundliche Nachbarin, die eigentlich nur ihren Hund mag und immer den netten alten Monsieur Émile beschimpft, der zwar etwas stinkt, aber sonst den ganzen Tag friedlich mit einem Fläschchen Wein auf der Bank sitzt.

Mit ihren neuen Mitschülern kommt Akissi auch nicht klar. Die Clique hipper Mädchen um April, die Schöne, zerreißt sich den Mund über ihre Kleider und Zöpfe. Dazu die mega- coolen Jungs, die zum Klassenbesten bloß superfreundlich sind, um an die Lösung der Hausaufgaben, zu kommen. Sonst gilt Marcel einfach nur als Loser. Und wenn Akissi an ihrem ersten Schultag sich genau neben ihn setzt, geht das natürlich gar nicht. Wie das mit dem ganzen Freundschaftsding läuft, mit wem man gesehen werden darf und was man tun muss, um bei den angesagten Leuten, zu gehören, versteht sie ohnehin nicht.

Akissis „französische Revolution“

Selten sind sich Akissi und Fofana einig, aber das Einleben in Paris fällt beiden nicht leicht. Doch mit ihren dramatischen Beschreibungen und Beschwerden stoßen sie bei ihrem Großonkel nur auf taube Ohren, der kauft ihnen die Rolle als „Opfer“ nicht ab. An den beiden selbst läge es den anderen Kindern zu zeigen, aus welchem tollen Land sie kämen und wie außergewöhnlich sie wären, so besonders, dass man eben mit ihnen befreundet sein möchte. Ein Handy, das Akissi für Social Media doch so dringend braucht, gibt es nicht. Shoppen ist aber drin und Opi sponsert ein klassentaugliches neues Outfit mit Hoody und Chucks. In dem Hype um Anerkennung und Status richtet er ihren Blick auf nicht materielle Werte und geht mit ihnen in die Stadtbibliothek oder nimmt Akissi mit zur Arbeit im sozialem Hilfswerk. Trotz ihrer guten Vorsätze, klappt es mit dem Freunde finden für Akissi nicht wirklich. Der gemobbte Marcel verzichtet auf ihre Unterstützung und die, von April auferlegten Mutproben, um in ihre Gruppe aufgenommen zu werden, laufen auf Verbotenes hinaus und bescheren Akissi mit Opi ganz schnell eine Vorladung bei der Schuldirektorin samt Bestrafung. So enden die Video-Calls mit den Eltern und der großen Schwester Victo erst mal vor lauter Heimweh in großem Schluchzen. Allerdings Akissi, wäre nicht die Chaos erprobte Akissi aus Abidjan, wenn sie sich so leicht geschlagen gäbe. Da geht doch auch in Paris noch was: Le jour de gloire est arrivé.

Voila! Serienauftakt und Fortsetzung zu Akissi in Abidijan

„Akissi aus Paris“ ist der erste Band der neuen Comic-Reihe von Texterin Marguerite Abouet und Zeichner Mathieu Sapin. Sie ist die Fortsetzung der seit 2018, mit insgesamt fünf Bänden, erschienenen Reihe „Akissi“, in der Akissis Kindheit in Abidjan ab dem Grundschulalter erzählt wird. Wie ihre Protagonistin ging auch Abouet mit zwölf Jahren nach Paris, um dort die weiterführende Schule zu besuchen. Somit konnte sie bei der Darstellung von Akissis Versuchen, in der Seine-Metropole heimisch zu werden, auf eigene Erfahrungen und Eindrücke zurückgreifen. Aus der Kombination mit aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen wie social media, resultieren die authentischen Beschreibungen von Integrationsbemühungen im heutigen Paris.

Die eigentlich alltägliche Geschichte mit französischem Alltag und dem Einleben in einer neuen Schule, verdankt ihren Witz und ihre Dynamik vor allem dem Charme der Hauptfigur. Akissi ist zwar längst weniger ungestüm, als man sie aus früheren Bänden kennt, jedoch ihre entwaffnende Natürlichkeit hat sie sich bewahrt. Wie sie ihrer Umwelt völlig vorurteilsfrei begegnet, macht sie ungemindert liebenswert. Ihre offene Art ruft dabei allerdings nicht selten Erstaunen oder auch Missverständnis hervor. So fühlt sich Marcel schlichtweg auf den Arm genommen, wenn Akissi nicht versteht, warum er gemieden wird und selbst Clochard Emile, denn um einen Penner handelt es sich natürlich bei dem weintrinkenden Bank-Bekannten, wundert sich über das höfliche junge Mädchen. Akissis Naivität ist jedoch keine weltfremde Blauäugigkeit. In ihr unvoreingenommenes Weltbild passen bestimmte Umstände und Verhaltensweisen einfach nicht hinein und werden dementsprechend auf ihre Art richtiggestellt. Autorin Abouet nutzt diesen Charakterzug und verpackt ohne moralische Überfrachtung in den ideenreichen Plot individuelle Probleme wie Mobbing und Essstörung genauso wie Obdachlosigkeit, Integration oder Kinderarmut als gesellschaftliche Missstände. In Nebensträngen bekommen hierfür viele der Charaktere ihre eigenen Geschichten, die von diesen Themen erzählen. Das wird durch die durchweg stimmige Ausgestaltung sämtlicher Figuren, nicht nur des Maincharacters Akissi, unaufdringlich bewerkstelligt.

Tête-à-tête von Wort und Bild

Dabei korrespondiert die Sprache in Abouets Texten - „Digga“, „wallah“, „ich schwör“ - sehr gelungen mit den realistischen Illustrationen von Zeichner Mathieu Sapin, die durch das Spiel mit Proportionen individuell aufgeweicht werden. Die urban outfits, in die Sapin alle Beteiligte steckt, ordnen die Akteure durch typische Erkennungsmerkmalen unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen zu. Ob Punk oder Seniorin, Nerd oder Beauty-Queen. Sie alle agieren vor der Kulisse des Stadtbilda von Paris, wobei touristische Hotspots jedoch in den Hintergrund treten. Die Wahl gedeckter Farben, anders als die bunte Farbenvielfalt in den Akissi-Afrikabänden, macht den Schauplatz einer europäischen Großstadt atmosphärisch spürbar.

Fazit:

Ein witzig-warmherziger Comic, der unverkrampft auch ernste Fragen aufgreift. Die sympathische Protagonistin begegnet den Widrigkeiten ihres Alltags bewundernswert tapfer und optimistisch. Ihr mitunter konfuses, aber dennoch eloquentes Vorgehen, wird dabei zum hoffnungsfrohen Beispiel, wie Integration, soziales Miteinander überhaupt, funktionieren kann.

Akissi aus Paris 1

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