Acting Class

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Yannic Niehr
7

Comic-Couch Rezension vonDez 2022

Story

Ein auf dem Boden gebliebenes Ensemblestück über das moderne Menschsein, das sich schleichend zu einem surrealen Traum (und gelegentlich Albtraum) entwickelt.

Zeichnung

Drnasos Stil trägt eine unverkennbare Handschrift und ist von vorne bis hinten durchkonzipiert, ist aber einfach zu sperrig und unangenehm, um auf ganzer Linie punkten zu können.

Die geballte Ladung Mensch

Die Ehe von Dennis und Rosie ist im Trott festgefahren; Rayannes Leben ist auf die Beziehung zu ihrem kleinen Sohn Marcus fixiert; Angel verzehrt sich insgeheim nach Sinn und Kontakt; Aktmodell Thomas kaschiert seine Unsicherheiten mit einer Fassade des Selbstbewusstseins; Gloria ist mit der Sorge um die psychische Gesundheit ihrer Enkelin Beth belastet; der wortkarge Lou hat Schwierigkeiten, andere an sich heranzulassen; Danielle weiß nicht mehr, ob ihr Job als Chiropraktikerin sie erfüllt; und der prinzipienstarke Neil versucht vergangene Fehltritte durch ehrenamtliches Engagement wiedergutzumachen. Zufällig verschlägt es diese zehn so unterschiedlichen Personen in den kostenlosen Schauspielkurs von John. Alle haben ihre eigenen Motive, doch gemein ist ihnen, dass sie etwas Neues über sich selbst erfahren wollen.

John gibt sich kumpelhaft, unkonventionell und doch seriös. Er hält sich nicht viel mit Vorgeplänkel auf und führt seine Teilnehmer direkt an erste Improvisationsübungen heran. Alle kommen schnell ins Spielen und steigern sich in ihre kleinen Szenen hinein. Doch je weiter der Kurs voranschreitet, desto merkwürdiger werden auch Johns Methoden, und desto mehr werden die Leute aus ihrem Alltag heraus- und in ihre eigenen, aus dem tiefsten Unterbewusstsein emporsteigenden Wünsche und Ängste hineingerissen. Zunehmend verschwimmen Fantasie und Realität, und es stellt sich die Frage: Tut dieser Kurs den Menschen gut? Oder sind sie im Begriff, sich selbst zu verlieren ..?

Wachstumsschmerzen

Nick Drnaso aus Illinois, erst 33 Jahre jung, könnte man auch als einen „Auteur“ unter den Comickünstlern bezeichnen, denn er zeichnet sich in seinen Graphic Novels sowohl für seine sich in nüchterne, zeitgenössische Stilströmungen einreihenden Bilder, als auch sämtliche darin enthaltenen Texte verantwortlich und schafft so charakterstarke Gesamtkunstwerke. Sein Vorgängerprojekt Sabrina, ein verschachtelt-paranoider Fiebertraum,aus dem Jahr 2018 wurde sogar (überfällig) als erster Vertreter der Kunstform Comic für den Man Booker Prize nominiert und erhielt von Zadie Smith das äußerst zitierfähige Prädikat: „[…]the best book - in any medium - I have read about our current moment.“ Nun ist bei Blumenbar, dem Imprint für Besonderes des Aufbau-Verlages – wieder authentisch übersetzt von den literarischen Multitalenten Karen Köhler und Daniel Beskos – Drnasos aktuelles Buch Acting Class erschienen. Und darin geht es nicht weniger abgedreht zu – wenn auch auf andere Art und Weise.

„Jede Person hat etwas Einzigartiges an sich, das man nicht künstlich herstellen kann. Und genau darauf werden wir uns konzentrieren“

Acting Class kommt auf der rein inhaltlichen Ebene deutlich bodenständiger daher als Sabrina und berichtet von den Alltagssorgen ganz unterschiedlicher Menschen, die der Zufall zusammenführt. Dabei wird ein ganzes Spektrum an Nöten und Schwierigkeiten des Erwachsenendaseins exemplarisch angedeutet, jedoch nicht mit ihrem vollen melodramatischen Gewicht auf den Schultern der Leserschaft abgeladen. Die Texte und Themen sind aus dem Leben gegriffen und präsentieren Menschen, die nach außen hin ein völlig durchschnittliches, geradezu langweiliges Leben führen, die sich aber hinter der Fassade nach Kommunikation und Austausch, Solidarität, Erfahrung, Erlösung oder sogar Transzendenz sehnen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto fließender wird der Übergang zwischen der imaginierten Welt der Schauspielübungen (die wie durch Zauberhand das Unbewusste der Teilnehmer auf links dreht und alles darunter hervorkehrt, was nicht niet- und nagelfest ist) und dem realen Leben, dem sich alle mehr und mehr zu entziehen suchen – ohne es selbst zu merken. Dabei entstehen überraschende Momente und Bindungen – doch wenn die stetig vertrackter werdende Story an Fahrt aufnimmt und auf ihr verknotetes, mehr Fragen aufwerfendes als beantwortendes Ende zusteuert, mischen sich unheilvolle Nuancen dazu. Heiterkeit, Vitalität und Zuneigung, aber auch Aggression, Melancholie oder Einsamkeit dürfen hier scheinbar nur in den tiefsten Abgründen im Inneren ausagiert werden, denn einmal in der Wirklichkeit entfesselt, scheinen diese emotionalen Kräfte die Charaktere ihres Gefühls für die eigene Identität zu berauben.

„Wir können jetzt nicht einfach aufhören. Die Geschichten, die wir erzählen, sind zu wichtig“

Vor allem erwähnenswert ist aber Drnasos Zeichenstil. Seine Panels sind – bis auf wenige Ausbrecher – eine fließbandartige Abfolge steriler Orte in akkuraten Linien, klaustrophobischer Zentralperspektive und gedämpften Farben. Obwohl man die Illustrationen kaum als ansprechend oder gar „schön“ bezeichnen könnte, entfalten sie eine ungeahnte Dynamik, die einen zunehmend packt, ohne dass man so recht zu erklären weiß, warum. Ihm gelingt dabei die Sublimierung des Alltäglichen, Biederen, Gewöhnlichen. Dies setzt sich auch im Charakterdesign fort: Seine Figuren bestechen nicht durch Ausdruckskraft oder Individualität, sondern sind eher starre Schablonen von Menschen mit sich ähnelnden Gesichtszügen und stumpfen Augen. Die Ästhetik lässt sie zugleich vertraut wie nahe Verwandte und fremd wie Aliens wirken, macht sie zu reinster Projektionsfläche. Die eigenwillige visuelle Ebene geht eine unverhofft stimmige Symbiose mit Text und Plot einher und vermag sowohl abzustoßen, als auch zu faszinieren.

Fazit:

Acting Class zu bewerten, allein schon zu beschreiben fällt schwer: In dem kryptischen, tiefenpsychologischen Vexierspiel von Handlung menschelt es sehr, an die Hand genommen wird man bei dieser Lektüre aber sicher nicht. Die in keine Schublade passende Optik tut ihr Übriges dazu. Zu dem Werk findet man daher ähnlich schwer Zugang wie die darin abgebildeten Figuren zu sich selbst und zu einander. Trotzdem entwickelt das Buch beim Lesen recht schnell einen fast unerklärbaren, filmgleichen Sog. Wer auf der Suche nach mal etwas ganz anderem ist, dürfte hier in jedem Fall fündig werden.

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