Couch-Wertung

8
Story
Zeichnung

Story

Abwechslungsreiche Storys, die blendend unterhalten. Auch der zweite Streich ist ein Comic-Album, das man gerne öfter aus dem Regal zieht, um sich eine oder zwei Böse-Nacht-Geschichten zu gönnen.

Zeichnung

Dynamisch und äußerst stimmig wird man hier durch die einzelnen Erzählungen gelotst. Leicht entsättigte, trotzdem kräftige Farben und ein gekonnter Strich laden zum wohligen Gruseln ein.

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Marcel Scharrenbroich
Böse-Nacht-Geschichten

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jun 2019

Von vergessenen Puppen und tödlichem Jucken

Was unsere Spielzeuge so alles im Kinderzimmer angestellt haben, während wir nicht da waren oder schliefen, hat uns Pixars „Toy Story“ in bisher drei (bald vier) abendfüllenden Spielfilmen zur Genüge erklärt. Die pfiffigen Gesellen wandern putzmunter umher, haben Spaß und erleben lustige Abenteuer… Vergesst das! Die Wahrheit sieht GANZ anders aus. Unsere Schnuffi-Puffi-Schmusebärchen und zuckersüßen Klimper-Augen-Püppchen haben nämlich ganz andere Dinge in ihren ausgestopften Köpfchen. Und erst recht, wenn sie von uns - oder dem Nachwuchs - nicht mehr beachtet werden… oder noch schlimmer, aussortiert werden und im Müll landen. Mit dieser Kenntnis ausgestattet, solltet Ihr Euch vielleicht mal auf die Lauer legen und in der Nacht ein bis zwei Äuglein geöffnet lassen. Dann könnt Ihr vielleicht sehen, wie sich die Plüsch- und Plastik-Brut heimlich davonstiehlt. Ihr fragt wohin? Tja, die Antwort auf diese Frage interessiert auch die Kids vom „Astoria Kinderclub“, die in ihrem Baumhaus beschließen, der mysteriösen Sache auf den Grund zu gehen. Erst recht, als einer von ihnen - der speckige Lawrence – plötzlich spurlos verschwindet. Bis an die Zähne bewaffnet und zu allem entschlossen, machen die kleinen Racker sich auf in den „WALD DER VERGESSENEN PUPPEN“.

Ein Blick in den „SPIEGEL“ ist nicht immer ratsam, vor allem, weil er uns mit der schonungslosen Wahrheit konfrontiert. Hier ein Fältchen, dort ein Pickel und da oben… oh, ein graues Haar! Ganz beschissen ist es aber, wenn Dir auf einmal ein gänzlich unbekanntes Gesicht von der anderen Seite entgegenlächelt… Diese Erfahrung muss auch Ricky machen, der einen Blick in den zuerst noch abgedeckten Spiegel seiner großen Liebe wirft. Die Verwunderung wird noch größer, als Ricky ein wenig in den Schubladen seiner Flamme wühlt und den Brief eines ihm unbekannten Verehrers entdeckt. Eben noch verwundert, weicht dieses Gefühl schnurstracks der blanken Eifersucht. Seine gekränkte Eitelkeit lässt ihm keine Ruhe und Ricky MUSS herausfinden, mit wem seine Cookie sich da heimlich trifft. Aus sicherer Entfernung beobachtet er das Date des Paares und muss feststellen, dass er die Visage des Typen schon mal irgendwo gesehen hat…

Auf Jahrmärkten und Volksfesten gehört er seit jeher zum festen Repertoire der Schausteller: der „FLOHZIRKUS“. Mit den kleinen, schier unsichtbaren Tierchen, die wie von Zauberhand Gegenstände bewegen, Kunststückchen vorführen oder kleine Kügelchen in Mini-Tore schießen, hat unsere dritte Geschichte aber nicht viel gemein. Eher spielen die Auswirkungen eines Stiches dieser Parasiten eine große Rolle. Solche Flohstiche verursachen nämlich einen großflächigen Juckreiz, was sehr unangenehm werden kann. Ist man nun ein ziemlich erfolgloser Zauberer, der seine billigen Taschenspielertricks mehr schlecht als recht in einem Zirkus vorführt, wovon der leitende Zirkusdirektor so gar nicht begeistert ist und den Copperfield-für-Arme ohne Umwege vor die Tür - beziehungsweise vors Zelt - setzt, wovon dieser natürlich ebenfalls alles andere als angetan ist, und kennt dieser erfolglose Zauberer nun zufällig einen Chemiker, der Kenntnis im Brauen von gewissen Tinkturen hat, zu denen auch ein juckreizerregendes Flohkonzentrat gehört und der Hans Klok-in-Ausbildung sogar bereit ist, dieses zu Rachezwecken gegen seine ehemaligen Kollegen einzusetzen, dann… ja, dann können wir uns sicher sein, dass jeder juckende Stich, den wir kennen, ein - im wahrsten Sinne des Wortes – kleiner Mückenschiss entgegen DEM ist, was den verhassten Zirkusleuten zum Verhängnis wird… (Toll, erst brech‘ ich mir bei dem Satz einen Zacken aus der Krone und jetzt juckt es mich überall… WAAAAAAAAH!!!)

Erfreulicherweise geht es in „DORT UNTEN STARBEN TIERE“ etwas weniger „aufgekratzt“ (*thihihi*) zu. Hier erzählt eine Mutter nämlich ihrer kleinen Tochter eine herzallerliebste Gute-Nacht-Geschichte. Sie handelt von einer knuffigen, alten Dame, die vor ihrem Häuschen im Schaukelstühlchen saß und liebevoll die Tierchen fütterte, die sie allabendlich besuchten. Hach… da weitet sich einem doch das Herzchen zu einem blutigen, pumpenden Klumpen, oder? Dumm nur, dass die scheele Madame sich nicht eine Sehhilfe im dreistelligen Dioptrien-Bereich zugelegt hat, sonst hätte sie vielleicht erkannt, dass die hungrige Schar, die sie da regelmäßig fütterte, längst ihre beste Zeit hinter sich hatte. Sprich… sie sind in den ewigen Jagdgründen, haben die Pfote gereicht, haben ins abgenagte Gras gebissen, sind schlichtweg TOT. Hungrig sind sie allerdings trotzdem. Und wer gut und viel isst, wird auch groß und stark. Hmmm… da hat die Mami aber eine feine Geschichte für ihr kleines Töchterchen rausgesucht, nicht wahr? Wenn Lizzy DANACH nicht gut schlafen kann, dann… tja, dann weiß ich es auch nicht.

Bevor die „Pussy of Death“ uns in die wohlverdiente Nacht entlässt, gibt es noch mal kräftig was auf die Lauscher! Und zwar feinsten Black-Metal, bei dem selbst „Mayhem“, „Venom“ oder „Sodom“ die Ohren klingeln würden. Die Band „Dissector“ befindet sich an der Spitze des Metal-Olymps und kann eine beachtliche Anzahl treu ergebener Fans um sich scharen. Egal, ob leicht beeinflussbarer Teenager oder Business-Typ im schneidigen Zweireiher, ihre Anhänger sind in jeder sozialen Schicht zu finden… Tendenz steigend. Ausverkaufte Hallen, Auftritte in TV-Shows, in denen sie ihre satanischen Botschaften frei Haus über den Äther schicken und schwarze Messen, bei denen fleißig Satan gehuldigt wird: „Dissector“ sind omnipräsent. Doch… das reicht der Band noch nicht. Sie wollen das schier Unmögliche und sich in den Gehörgängen der ganzen Welt festsetzen. Ein nicht realisierbares Unterfangen… oder?

Samsarische (Alb)träume, die Zweite

Alexander Kaschte, Gründer und Frontmann der Band „Samsas Traum“, hat für dieses zweite Album erneut fünf Geschichten zusammengetragen (und eine davon gemeinsam mit Anastasia Kaschte verfasst), die vor allem ohne eines auskommen: dem schnulzigen Happy End. Kreativ und abwechslungsreich wechseln die einzelnen Kurzgeschichten sowohl Ton, als auch Tempo. Jederzeit kann hier alles passieren. Herrlich böse, machen Kaschtes Erzählungen vor Nichts und Niemandem halt und laufen somit auf unberechenbare Enden hinaus. Enden, die nicht selten einem Kniff in den Magen nahekommen. Mal poetisch, mal nachdenklich… oder einfach mit dem Holzhammer.

„Trauma Tales – Vol. II“ erschien erstmalig Ende 2017, weshalb das Hardcover-Album nicht mehr ganz leicht zu bekommen ist. Interessierte Leser können jedoch aufatmen, da der Insektenhaus-Verlag die ersten drei Alben in einem Sammelband veröffentlicht, um die Erstveröffentlichung der neuen Bände zu feiern. „Trauma Tales – Vol. IV + V“ klopfen bereits an die Tür und auch „Vol. VI“ sollte nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Der „Sammelband 1“ ist auf 500 Exemplare limitiert, kommt ebenfalls als Hardcover und verfügt zudem über die bislang unveröffentlichte Geschichte „DEN WOLKEN NÄHER“. Frohes Gruseln!

Das farbenfrohe Grau…en

Grau ist höchstens die vorherrschende „Farbe“ in den Köpfen der Leser, wenn sie mit den „Trauma Tales“ durch sind, denn wie bereits gesagt, überzeugen die Kurzgeschichten nicht durch ihre Friede-Freude-Eierkuchen-Botschaft, sondern lassen einen - in bester „Tales from the Crypt“- oder „The Vault of Horror“-Manier - das Gelesene noch einmal resümieren. Deckt das Erzählerische das ganze Farbspektrum von Grau bis Tiefschwarz ab, erstrahlen die Farben von Bruno Valenza hingegen in atmosphärischen Tönen, die zwar kräftig gedruckt sind, dem eigentlich optischen Highlight jedoch nicht die Show stehlen: den Zeichnungen von Josef Idris. Idris‘ Bilder sind auf den Punkt, strahlen Dynamik aus und stehen dem ersten Band in nichts nach. Egal, ob ruhige Momente oder Panels, in denen das panische Grauen um sich schlägt… die Striche sitzen.

Pussy of Fazit:

Gelungene Unterhaltung, die zwischen Grusel, Horror und Mystery pendelt und mit herrlich-nostalgischem Artwork an die klassischen Comic-Kurzgeschichten erinnert. Basierend auf Songs von „Samsas Traum“, deckt auch „Trauma Tales – Vol. II“ eine große Bandbreite unheilvollen Erzählens ab.

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