Totem

Erschienen: Oktober 2016

Couch-Wertung

8
Story
Zeichnung

Story

Ein bedrückender Abgesang auf die Kindheit, der seine tieftraurige Grundstory mit düsteren Mystery-Elementen aufwertet.

Zeichnung

Skizzenhafte Charaktere, die in Kombination mit der großartigen Farbgebung ihr volles Potenzial entfalten.

Leser-Wertung

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Marcel Scharrenbroich
Mach’s gut, Kindheit…

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mär 2018

Aus Spiel wird Ernst

Die Zeit drängt. Ein Leben steht auf dem Spiel. Die rettende Operation ist im vollen Gange. Der Schweiß auf der Stirn des „Arztes“ zeigt, dass es in die kritische Phase geht. Tupfer. Klemme. Jetzt ist eine ruhige Hand gefragt. Volle Konzentration und… der Fremdkörper ist entfernt. Alles verlief gut und… Moment, da stimmt was nicht. Eine Blutung! Schnell… Kompresse! Die Vitalwerte sinken. Hektik… jetzt nur keine Panik! Die Werte sind im Keller. Nulllinie! Defibrillator… Aufladen… 3-2-1 und… Nichts. Nochmal! Aufladen… 3-2-1… Geschafft! Die Werte stabilisieren sich. Wir haben ihn wieder! Jetzt nur noch zumachen und… aufräumen. Moment, was? Aufräumen?

Ja, denn bevor die Mutter zum Essen ruft, sollten Louis und sein kleiner Bruder Thomas das Chaos, das sie im Keller angerichtet haben, schon beseitigen. Klopapier-Tupfer, blutrote, eingelegte Tomaten aus der Konservendose und zweckentfremdete, lebensrettende Bügeleisen… Operation gelungen. Ein Kinderspiel.

Die kindliche Fantasie wird jedoch im Bruchteil einer Sekunde von der harten Realität ein- und sogar überholt. Ein dumpfes Geräusch schreckt Louis aus seinen Aufräumarbeiten. Thomas. Sein kleiner Bruder liegt reglos auf dem Boden. Steh auf… das Spiel ist vorbei. Thomas? Hörst du? Steh auf. Steh auf! STEH AUF!

Die grüne Hölle

Nass. Trüb. Dunkel und… grün. Das schier unendliche Grün des ebenso unendlichen Waldes ist das einzige, was auch nur entfernt an ein Ferienlager erinnert. Louis‘ Eltern schickten den Jungen in ein Pfadfinder-Camp, um sich intensiv um seinen kleinen Bruder zu kümmern, der nach seinem plötzlichen Zusammenbruch im Krankenhaus um sein Leben kämpft. Klopapier und Bügeleisen helfen hier nicht. Diesmal nicht.

Die Rangordnung in den verregneten Wäldern der belgischen Ardennen ist klar. Rangordnung… oder sollte man besser von Hackordnung sprechen? Die älteren Jungs, bei denen die Pubertät bereits mit dem Dampfhammer zugeschlagen hat, gehen nicht gerade zimperlich mit den jungen Neuankömmlingen um und so gerät der Aufenthalt für viele Frischlinge zum Spießrutenlauf. Von täglichen Schikanen, über bizarre Mutproben bis hin zu mysteriösen Aufnahmeritualen wird alles geboten, was das Camp zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lässt… inklusive Porno-Heften und dem ersten Joint. Viele von ihnen werden nach diesem Sommer nicht mehr dieselben sein… und Louis durchlebt eine Metamorphose, die ihn bis in die verschlungensten und tiefsten Abgründe seiner selbst führt. Er fängt an, sich mit seinem ihm rituell zugewiesenen Totem zu identifizieren. Mehr noch… er mutiert zu diesem Totem und beginnt eine spirituelle Reise zur Erkenntnis. Mit ungewissem Ausgang.

Ein dynamisches Duo

Der belgische Schriftsteller, Drehbuchautor und Illustrator Nicolas Wouters und der deutsche Zeichner Mikael Ross lernten sich während eines Auslandsjahres von Ross an der Kunsthochschule Institut Saint-Luc in Brüssel kennen. 2013 entstand die erste Zusammenarbeit der beiden Künstler und wurde im Folgejahr in Deutschland unter dem Namen „Lauter Leben!“ (ebenfalls im Avant-Verlag) veröffentlicht.

Nach ihrem Ausflug in die Berliner Punk- und Hausbesetzer-Szene arbeitet das Duo für „Totem“ erneut zusammen und vermischt eindrucksvoll eine bewegende Coming-of-Age-Geschichte mit gruseligen Mystery-Elementen, die tief ins Fantastische eintauchen. Behutsam und bewegend erzählt Autor Wouters die Geschichte des kleinen Louis, der in der Abgeschiedenheit der düsteren Wälder um seinen todkranken Bruder bangt und sich gegen Rowdies, Raubtiere und die inneren Dämonen behaupten muss. Dabei setzt er neben hartem Realismus vor allem auch auf Symbolsprache, die den Leser des Öfteren zwischen den Zeilen lesen lässt. Schleichend gelingt ihm der Übergang in surrealistische Gefilde, die unsichtbare Grenzen überschreiten, um danach wieder auf den harten Boden der Tatsachen zurückzufinden.

Getragen wird die bedrückende Geschichte durch die skizzenhaften Zeichnungen des Wahl-Berliners Mikael Ross. Seine schraffierten Charaktere bewegen sich an der Grenze zur Karikatur, besitzen in ihrer Einfachheit aber Merkmale, die sich voneinander abheben und für den darstellerischen Wiedererkennungswert sorgen. Der eigentliche „Hauptdarsteller“ in „Totem“ ist für mich aber der undurchdringliche Wald, der in seiner bedrohlichen und übermächtigen Inszenierung alles Leben in ihm zu verschlucken scheint. Hier kommt auch die tolle Farbgebung voll zum Tragen und saugt den Leser in die Tiefe. Tageslicht, das gleißend durch die Baumkronen scheint, angsteinflößende Dunkelheit, die hinter jedem Baum das nächtliche Grauen erwarten lässt… die atmosphärische Kolorierung ist effektiv und eindrucksvoll.

Der Berliner Avant-Verlag würdigt „Totem“ mit einem beeindruckenden, großformatigen Hardcover-Band. Auf dem matten und hochwertigen Papier kommen die Zeichnungen hervorragend zur Geltung, was die düstere Atmosphäre wirkungsvoll verstärkt. Ein ungewöhnliches Format für ein ebenso ungewöhnliches und vor allem außergewöhnliches Leseerlebnis.

Fazit:

Nicolas Wouters und Mikael Ross liefern mit „Totem“ eine Coming-of-Age-Erzählung ab, die sich durch ihren Mystery-Anteil erfrischend von Genre-Kollegen abhebt. Facettenreiche Einblicke, die auch den Nebenfiguren genügend Freiraum geben, verleihen dem Werk Glaubwürdigkeit und erweitern die  Geschichte um mehrere Ebenen, ohne den Fokus auf Louis zu verlieren. Auch der Phantastik-Anteil wirkt nicht erzwungen, sondern fügt sich nahtlos und durchaus angemessen ein. Ein bemerkenswertes Gesamt-Konstrukt, das sich erzählerisch und inszenatorisch in die Hände spielt.

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