Couch-Wertung

8
Story
Zeichnung

Story

Der Werdegang einer jungen Ballerina zwischen Tanz, Ehrgeiz und Liebe. Realistisch und warm erzählt.

Zeichnung

Grober und reduzierter, trotzdem aussagekräftiger Stil, der vor allem in Kombination mit den fein gezeichneten Tanz-Darstellungen zu einem homogenen Ganzen verschmilzt.

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Marcel Scharrenbroich
Dancing with tears in my eyes

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Jan 2018

“Attitude, Pas de chat, Effacé… oje, oje.” - Marcel Scharrenbroich

Zugegeben, man wird in Bastien Vivès Comic-Buch „Polina“ schon mit dem einen oder anderen Fachbegriff aus dem Ballett-Glossar konfrontiert, allerdings sind keine ausgefeilten Kenntnisse im klassischen Tanz notwendig, um mit dem Werk auf Tuchfühlung zu gehen. Angelehnt wurde die Geschichte an die, der international renommierten Primaballerina Polina Semionova, deren Begeisterung sich zunächst in Grenzen hielt, da der Autor und Zeichner sich für den fiktiven Werdegang seiner Figur, ohne Einwilligung der Tänzerin, von deren Leben inspirieren ließ. Ausschlaggebend, dem Thema Ballett ein ganzes Buch zu widmen, war für den 1984 geborenen Franzosen ein Youtube-Video, in dem Polina Semionova zu einer instrumentalen Version des Herbert Grönemeyer-Liedes „Demo (Letzter Tag)“ eindrucks- und kunstvoll tanzt. Ein viraler Volltreffer, dessen inszenatorische Eleganz sich auch auf die Tanz-Szenen in Vivès Comic wiederspiegelt.

„Die Kunst. Was hätte ich ein langweiliges Leben ohne sie.“ - Mikhail Baryshnikov

Bastien Vivès beginnt die Geschichte von Polina Ulinow mit der Fahrt zur Akademie des angesehenen Professors Nikita Bojinski, an der das noch junge Mädchen vortanzen und geprüft werden soll. Die Anweisungen ihrer Mutter werfen sofort die Frage in den Raum, wessen Wunsch nach einer Karriere als Tänzerin größer ist… der Wunsch von Polina? Oder der, ihrer Mutter?

Der raue Ton und die unsanften Dehnübungen, die die potentiellen Anwärterinnen über sich ergehen lassen müssen, zeigen, dass hier niemand mit Samthandschuhen angefasst wird und dass der Alltag an der Akademie hart wird. Polina besteht souverän die hohen Anforderungen des Professors und ihre Ausbildung zur klassischen Tänzerin beginnt.

Bojinski macht seinem Ruf alle Ehre und unter seiner strengen Führung wächst Polina über die Jahre zu einem Ausnahmetalent heran. Es dauert nicht lange, bis das Theater auf die junge Frau aufmerksam wird und sie dort ihre Ausbildung unter einer neuen Lehrerin fortsetzt. Diese kritisiert jedoch die Methoden Bojinskis und Polina scheint festgefahren. Der Professor bietet ihr währenddessen ein Solo an und die ehrgeizige Polina fährt zweigleisig. Um dem andauernden Stress zwischen Ausbildung und Probe zu entfliehen, macht sie sich mit ihren Freunden auf einen Kurztrip zu einem Kunst-Festival. Fasziniert von den Darbietungen entdecken sie und ihre Freunde den Ausdruckstanz und schließen sich einer Künstlergruppe an. Polina entwickelt sich weiter, doch sie sieht sich noch lange nicht am Ziel ihrer Träume angekommen…

„Tanzen ist eine Kunst. Das kann man nicht lernen.“ - Nikita Bojinski

Die Beziehung zwischen Polina und ihrem Lehrer spielt in Bastien Vivès Erzählung eine zentrale Rolle. Trotz aller Härte stellt ihr Mentor eine Vaterfigur dar, dessen Lehren die junge Tänzerin im Laufe ihrer Karriere begleiten. Des Weiteren versucht Polina sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Sie verfolgt ihre Ziele und ist trotz Rückschritten dazu bereit, Risiken einzugehen. Sie verlässt sich auf das, was sie gelernt hat und vertraut auf ihr Talent, um sich ihren steinigen Weg zu bahnen.

Dass eine solche Geschichte, die sehr emotional erzählt wird, nur durch skizzenhafte Zeichnungen trotzdem effektvoll an den Leser gebracht wird, ist dem Künstler Bastien Vivès zu verdanken. Seine Bilder offenbaren nur das Nötigste. Auf Hintergründe wird oftmals komplett verzichtet und mit dickem Strich wirken seine Charaktere sehr detailarm und sparsam auf den Betrachter. Seine kraftvollen schwarz/weiß-Zeichnungen, meist unterlegt mit einem beige/grau, verfehlen ihre Wirkung aber nicht und lassen die, hauptsächlich im Training, kühle Atmosphäre trotzdem warm und weich wirken. Speziell in den Tanz-Szenen wechselt Vivès aber seinen Stil und überzeugt mit filigranem Strich, der die Standbilder fast dynamisch wirken lässt und man leichte, fließende Bewegungen erahnen möchte. Sparsam und reduziert, aber dennoch aussagekräftig. Alle Zeichnungen in „Polina“ entstanden übrigens digital, was man aber zu keiner Zeit erkennen kann, wenn man es nicht weiß.

Die Zeitsprünge, die der Autor in „Polina“ setzt, können anfänglich etwas irritieren, sind aber allesamt logisch und erkennbar. Da auf einen klassischen „Erzähler“, in Form von Texteinblendungen verzichtet wird, kommt man als Leser vielleicht in den Verdacht, versehentlich eine Seite übersprungen zu haben (zumindest ging es mir mehrfach so), denn die Sprünge werden schon etwas abrupt vollzogen.

„Das ist mein Tanzabstand und das ist dein Tanzabstand.“ - Johnny Castle

„Polina“ wurde bereits 2011 im Reprodukt-Verlag veröffentlicht. Die gebundene Ausgabe kann optisch voll und ganz überzeugen und hinterlässt auch qualitativ einen sehr guten Eindruck. Das farbig unterlegte, matt gehaltene Cover wird mit Spotlack veredelt, dass die Charaktere und den Schriftzug ansehnlich hervorheben.

Bereits 2016 startete eine gleichnamige Verfilmung in ihrem Heimatland Frankreich. Seit Oktober 2017 ist „Polina“ auch in Deutschland, im Vertrieb von Capelight, als Blu-ray erhältlich. (zur Film-Kritik auf Comic-Couch.de)

Fazit:

Kann eine Geschichte über Ballett jemanden überzeugen, der noch nie eine Tanzschule von innen gesehen hat und sich schon beim Disco-Fox die Kniescheiben spaltet? Ja… kann sie… und ich selbst bin da das beste Beispiel.

Der Franzose Bastien Vivès, der in seinem jungen Alter schon beachtliche Erfolge, wie „Der Geschmack von Chlor“ oder „In meinen Augen“ vorweisen kann, erzählt mit seinem bereits ausgezeichneten Comic-Roman „Polina“ eine Geschichte, die auch mit einer Pianistin, einem Maler oder meinetwegen auch einem Hammerwerfer funktionieren würde. Er verdeutlicht die Vision einer jungen Frau, die ehrgeizig ihre Ziele verfolgt und sich trotz Widrigkeiten ihren Traum erarbeitet… mit Blut, Schweiß und Tränen.

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