Ikon

Erschienen: März 2018

Couch-Wertung

9
Story
Zeichnung

Story

Skurril, dramatisch und emotional… Die an wahre Ereignisse angelehnte Geschichte wird vom Autor meisterhaft verschachtelt und spannend erzählt.

Zeichnung

Comichafte Charaktere, die trotz Überzeichnung, glaubhaft dargestellt werden. Die ungewöhnlichen, aber ansprechenden Pop Art-Verzierungen sorgen für einen frischen Anstrich.

Leser-Wertung

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Marcel Scharrenbroich
„Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen.“ - Friedrich Wilhelm Nietzsche

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mär 2018

„Pleased to meet you… hope you guess my name.” - Mick Jagger

In IKON folgen  wir dem jungen Gleb Botkin, dem Sohn des Leibarztes des russischen Zaren, der während seiner Kindheit ein vertrautes Verhältnis zu Anastasia entwickelte, der jüngsten Tochter des russischen Kaiserpaares Nikolaus II. und Alexandra Fjodorowna. Gleb erlebte hautnah die folgenschwere Oktoberrevolution mit, die 1918 in Jekaterinburg zum gewaltsamen Tod der Zarenfamilie Romanow durch die Bolschewiki führte. Ohne seinen Vater, der ebenfalls in dieser Nacht den Tod fand, flüchtet sich der verletzte Junge bis zu einem entlegenen Kloster mitten im Ural. Dort kam er erstmals mit der Ikonen-Malerei und deren Bedeutung in Kontakt, welche dort von einem Geistlichen ausgeführt wurde. Gleb war schon immer ein begeisterter Maler und seine abenteuerlichen Zeichnungen unterhielten die junge Anastasia bereits im Hause Romanow. Während ihrer räumlich getrennten Gefangenschaft in Jekaterinburg schmuggelte Glebs Vater, während er sich um das Wohl der Zarenfamilie kümmerte, heimlich dessen Bilder in das requirierte Haus, das als „Haus zur besonderen Verwendung“ der Unterbringung diente, um der jungen Zarentochter Trost zu spenden.

Gleb Botkin, der später auch als Autor und Illustrator arbeitete, kehrte seiner Heimat den Rücken und wanderte in die USA aus, wo er die neuheidnische „Church of Aphrodite“ gründete. Doch Anastasia konnte er niemals vergessen… auch nicht den Glauben, sie irgendwann wiederzusehen…seine IKONe.

„Watt? Wer bist du denn?“ - Horst

1920 wurde in Berlin eine junge Frau, nach einem missglückten Suizidversuch, in ein Krankenhaus eingeliefert. Die Polizei, die sie aus dem Landwehrkanal geborgen hatte, konnte keine Identität feststellen und bald wurden Gerüchte laut, dass es sich bei der Unbekannten um die jüngste Zarentochter Anastasia handeln könnte, zu der die Gerettete eine frappierende Ähnlichkeit aufwies. Die Boulevard-Presse stürzte sich auf die Meldung und die Neuigkeit, dass es eventuell eine Überlebende des Massakers von 1918 geben könnte, drang durch bis in höchste Kreise. Auch die vermeintliche Anastasia dementierte die Berichterstattungen nicht und hielt an den Behauptungen über ihre Identität fest. Ihre mangelnde Erinnerung und ihre fehlenden Sprachkenntnisse wurden auf die traumatischen Erlebnisse in jener verhängnisvollen Nacht zurückgeführt. Von ihrer angeblichen Familie wurde die verhaltensauffällige und psychisch labile Frau abgelehnt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nahm sich Prinz Friedrich Ernst von Sachsen-Altenburg der verwirrten Frau an, die er in Trümmern des zerstörten Hannovers ausfindig machte und anschließend nach Unterlengenhardt mitnahm. Es sollte allerdings noch bis 1969 dauern, bis Gleb Botkin die Frau ausfindig machte, die mit Hunden und unzähligen Katzen in einer vermüllten Holzhütte hauste. Dort traf er sie wieder und nahm sie mit nach Charlottesville… seine Anastasia… seine IKONe.

„Bleistift, Papier und Bücher sind das Schießpulver des Geistes.“ - Neil Postman

Der in Erfurt geborene Comicautor und Zeichner Simon Schwartz wurde bereits für seine Veröffentlichungen „Drüben!“ und „Packeis“ mehrfach ausgezeichnet. 2017 zeichnete er für seine Bundestags-Ausstellung „Das Parlament“ 20 Politiker-Biografien. Die in der Abgeordneten-Lobby ausgestellten Werke gehörten zum ersten comicorientierten Auftrag des Kunstbeirates.

Nicht weniger als sechs Jahre investierte Schwartz in die Schaffung seines aktuellsten Werkes. Ich lehne mich wohl nicht sehr weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass der Künstler für IKON weitere Preise erhalten wird. Man merkt nämlich auf jeder Seite, wie akribisch er sich mit der historischen Thematik befasst hat… auch wenn Schwartz zugunsten der dramaturgischen Inszenierung einige Fakten verdreht und abändert. Seiner Geschichte fallen diese Änderungen positiv ins Gewicht. Speziell in Richtung Finale, wenn Ereignisse aus verschiedenen Zeitabschnitten parallel zum Ende gebracht werden, geht die Spannungskurve steil nach oben und das brillant durchdachte Gesamtkonstrukt führt auf seinen letzten Seiten zum metaphorischen Höhepunkt.

Schwartz hält sich nicht an eine chronologische Erzählweise, sondern liefert erzählerische Bruchstücke, die sich von 1916 bis 1984 erstrecken. Kleine Fetzen, die nach und nach ein Ganzes ergeben und den Leser mit jedem neu hinzugefügten Puzzleteil ein klareres Bild erkennen lassen. Ganz große Erzählkunst.

Zwischen den Geschichts-Passagen streut Simon Schwartz immer wieder doppelseitige, fein gezeichnete Ikonen-Bilder und verdeutlicht deren Abbildungen. Im Anhang kommen dann erfreulicherweise die historisch akkuraten Fakten auf den Tisch, die mit reichlich Fotomaterial veranschaulicht werden.

Simon Schwartz bleibt mit IKON dem überzeichneten, expressionistischen Comic-Stil seiner bisherigen Werke treu und haucht den historischen Charakteren mit dickem Strich Leben ein. In beinahe jedes Panel fügt er Rasterpunkte ein, die an die Arbeiten von Roy Lichtenstein erinnern und seinen schwarz-weißen Tusche-Zeichnungen einen industriellen Pop Art-Look verleihen. Die in Graustufen gehaltenen Ikonen-Bilder grenzen sich angenehm vom Stil der Geschichte ab, allerdings ohne dabei wie ein Fremdkörper zu wirken. Der oftmals fließende Übergang zwischen den Zeitebenen ist dem Künstler ebenfalls hervorragend gelungen.

„Übereinstimmung ist Silber, Anerkennung ist Gold“ - Hubert Joost

Der Avant-Verlag hat IKON entsprechend gewürdigt und die Softcover-Ausgabe (mit Klappenbroschur) mit einer partiellen Gold-Folierung veredelt. So strahlt, neben den starren Augen von Gleb Botkin, auch der Schriftzug von Buchfront und –rücken. Neben der gelungenen Standard-Veröffentlichung spendiert der Berliner Verlag IKON noch eine auf 500 Exemplare limitierte Vorzugsausgabe. Dem edlen Hardcover, mit Goldprägung und Leinen-Einband, liegt zudem ein nummerierter, von Simon Schwartz signierter Druck bei.

„Fazit“- unbekannter Autor

Simon Schwartz gelingt das Kunststück, eine historische Geschichte spannend wie einen Krimi, packend wie ein Drama und bewegend wie eine Tragödie zu erzählen… auch wenn er sich nicht hundertprozentig an die realen Ereignisse hält. IKON ist ein extrem ambitioniertes Projekt, das in diesem – zugegebenermaßen noch recht jungen – Jahr schwer zu toppen sein wird. Schwartz, der mit seiner Doppel-Biografie 2018 auch auf großer Tour ist, zementiert mit IKON seinen festen Platz in der deutschen Comic-Landschaft und legt die Messlatte für die armen anderen Bücher, die noch auf meinem Lesestapel warten, erschreckend hoch.

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