Gérard: Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu

Erschienen: März 2018

Couch-Wertung

8
Story
Zeichnung

Story

Man lacht, schmunzelt, ist fasziniert, angewidert und schüttelt den Kopf… Unterhaltsam bis zur letzten Seite!

Zeichnung

Locker-leichte Karikaturen, die zwar keine Preise gewinnen, aber charakteristische Merkmale der Figuren hervorheben.

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Marcel Scharrenbroich
Genie und Wahnsinn

Comic-Rezension von Marcel Scharrenbroich Apr 2018

Wie ein Elefant im Porzellanladen…

Beim Namen Gérard Depardieu bekommen filmbegeisterte Leser bestimmt direkt große Ohren, denn das französische Schauspiel-Urgestein zählt zu den größten europäischen Charakter-Darstellern und spielte seit den späten 60er Jahren in über 220 Film- und TV-Produktionen, die ihm haufenweise Auszeichnungen (darunter mehrfach den „César“, den bedeutendsten französischen Film-Preis) und noch mehr Nominierungen (allein 16 für den „César“) einbrachten. Sogar Hollywood eroberte das schauspielerische Schwergewicht im Sturm… doch anders, als viele seiner geleckten, amerikanischen Kollegen, die penibel auf ihr mediales Auftreten achten und jede Gesichts-Mimik sorgsam einstudieren, interessiert sich Depardieu herzlich wenig für die Wahrnehmung seiner Person in der Öffentlichkeit. Der Mime *Verzeihung* pisst – im wahrsten Sinne des Wortes – auf die Meinung anderer, was er 2011 auch während eines Fluges mit Air France bewies, als er sich demonstrativ auf dem Gang der Maschine erleichterte, nachdem eine Flugbegleiterin ihm während des Startes den Toilettengang verweigerte. Nicht die einzige öffentliche Auffälligkeit von Monsieur Depardieu… Exzessiver Alkoholkonsum – er berichtet selber von bis zu 14 Flaschen Wein, Bier und diversen Schnäpsen… am Tag! – sorgt dafür, dass seine Leber den Geist aufgibt und er sich einer Transplantation unterziehen muss. Unter Alkoholeinfluss verursacht er mit seinem Motorrad mehrere Verkehrsunfälle – laut eigenen Aussagen 18(!) (Stand 2008) – und kassiert Anzeigen wegen Pöbelei, Unfallflucht und besagter Trunkenheit im Straßenverkehr. In die Presse geriet der vierfache Bypass-Träger (Nein, hier handelt es sich ausnahmsweise mal nicht um eine Auszeichnung) auch wegen seiner Steuer-Flucht nach Belgien, im Jahr 2012. Damit protestierte Depardieu medienwirksam gegen die Anhebung der Reichensteuer auf 75%, die aus verfassungsrechtlichen Gründen jedoch nie in Kraft trat. Noch im gleichen Jahr bot Russlands Präsident Wladimir Putin ihm höchstpersönlich die russische Staatsbürgerschaft an, die der unersättliche Berserker  Anfang 2013 auch annahm… natürlich ebenfalls unter den kritischen Augen der internationalen Presse.

Von „Asterix & Obelix gegen Caesar“ bis „Zucker, Zucker!“

Gérard Depardieu hat im bisherigen Verlauf seiner Karriere so gut wie alles erreicht. Er spielte alles und jeden… drehte mit allen und jedem. Sein Œuvre reicht von Liebesdramen, über familienfreundliche Komödien und packende Thriller, bis hin zum Historien-Epos. Bertrand Bliers Außenseiter-Komödie „Die Ausgebufften“ machte den beleibten Akteur 1974 an der Seite von Miou-Miou (Nein, es handelt sich nicht um die französische „Catwoman“, sondern um den Künstlernamen der Schauspielerin Sylvette Herry) über Nacht zum Star. Im Drama „Die Hunde“, von 1978, traf Depardieu erstmals auf die französische Theater- und Film-Schauspielerin Fanny Ardant, mit der er insgesamt neunmal vor der Kamera stand (und die wir auch im Comic bei gemeinsamen Dreharbeiten treffen). 1980 wurde das Sozialdrama „Der Loulou“ mit der „Goldenen Palme“ und dem „César“ als bester Film ausgezeichnet. Depardieu spielte hier an der Seite von Isabelle Huppert. Noch im selben Jahr erschien Fraçois Truffauts „Die letzte Metro“ und konnte im Folgejahr in fast allen Kategorien Erfolge feiern. Das Drama mit Catherine Deneuve wurde auch für den „Golden Globe“ und den „Oscar“ als bester fremdsprachiger Film nominiert. 1983 konnte Depardieu, gemeinsam mit dem ebenfalls erfolgreichen und beliebten Darsteller Pierre Richard, in „Zwei irre Spaßvögel“ erneut sein komödiantisches Talent unter Beweis stellen. Zwei Jahre später durfte er sich dann in „Der Bulle von Paris“ von seiner harten Seite zeigen, indem er einen raubeinigen, zynischen Drogenfahnder porträtierte. „Die Flüchtigen“ brachte ihn dann 1986 wieder mit Pierre Richard zusammen.

Weltweite Lobeshymnen gab es 1990 für die Darstellung des „Cyrano de Bergerac“, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück. Der aufwändige Historienfilm wurde mehrfach Oscar-nominiert (unter anderem Gérard Depardieu für die männliche Hauptrolle) und wurde bei 13 „César“-Nominierungen auch zehnfach ausgezeichnet… bis heute ein Rekord! „Alien“- und „Blade Runner“-Regisseur Ridley Scott holte den französischen Superstar 1992 für „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ ins Boot und er durfte in die Haut von Christoph Kolumbus schlüpfen… musikalisch grandios von Vangelis unterlegt. Im Mantel-und-Degen-Abenteuer „Der Mann in der eisernen Maske“ verkörperte Depardieu zusammen mit John Malkovich und Jeremy Irons die drei Musketiere, die gemeinsam mit Gabriel Byrne (als D’Artagnan) den armen Leonardo DiCaprio aus dem Kerker retten mussten. 1999 folgte dann der erste Auftritt als Obelix. „Asterix und Obelix gegen Caesar“ war der erste von bislang vier Real-Verfilmungen der beliebten, langlebigen Comic-Reihe, in der Depardieu den beleibten und liebenswürdigen, gallischen Hinkelstein-Lieferanten verkörperte.

Soooooo… dies war zwar nur ein minimaler Querschnitt aus Gérard Depardieus Schaffen, doch es war mir wichtig, einen kleinen Einblick über den Schauspieler zu geben, um Lesern, die nicht mit seinen Darstellungen vertraut sind, den Stellenwert zu zeigen, den Depardieu im französischen Kino einnimmt… und vielleicht einen Teil seiner *erneut Verzeihung* Leck-mich-am-Arsch-Haltung in „Gérard: Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ zu erklären. Nicht zu entschuldigen… NUR zu erklären.

„Das Leben war mein Lehrmeister“ -Gérard Depardieu

*KRRRRR…* - *SCHNIEF…* - Diese Geräusche dürften den französischen Comicautor und –zeichner  Mathieu Sapin noch immer bis in die tiefsten Alpträume verfolgen, gehören sie doch zum Star seiner Comic-Reportage, wie der Schatten zum Licht. Depardieus Schniefen und Schnaufen zieht sich wie ein roter Faden – parallel zu Sapins angespannten Nerven – durch das gesamte Buch und wird gelegentlich durch cholerische Ausbrüche, Absonderung diverser Obszönitäten und gnadenlos ehrlichen Kommentaren unterbrochen. Frankreichs Superstar pfeift auf die Meinung von anderen und lässt sein Gegenüber auch augenblicklich und ungefragt wissen, was er von ihm hält. Depardieu wird respektiert und gefürchtet… und das nicht nur von den Leuten die mit ihm arbeiten müssen/dürfen.

Alles begann damit, dass der Schauspieler für den Sender ARTE eine Dokumentation über den Schriftsteller Alexandre Dumas (den Depardieu, ebenso wie einige seiner Roman-Figuren, schon auf der Leinwand darstellte) drehen sollte. Für „Reise durch den Kaukasus. Gérard Depardieu auf den Spuren von Alexandre Dumas“ wurde ihm ein Zeichner an die Seite gestellt, wie auch Dumas für sein Werk „Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“ (1858/59) einen Maler (Jean-Pierre Moynet) verpflichtete, um seine Schriften zu illustrieren. Die Produktionsfirma der Dokumentation suchte nach einem geeigneten Künstler und Mathieu Sapins Atelier-Kollege, Christophe Blain, antwortete ihm auf die Frage, ob er für die Reise nach Aserbaidschan zugesagt hätte „Na, ich hab NEIN gesagt. Bin doch nicht verrückt!“ Doch Sapin ließ sich vom umstrittenen Ruf des Schauspielers nicht einschüchtern und nahm den Job an. 2012 folgten dann zehn intensive Tage an der Seite des Weltstars, die dem Zeichner noch länger in den Knochen steckten. Herausgekommen ist ein 53-minütiger Dokumentarfilm, der allerdings erst am 4. Mai 2014 erstmals auf ARTE ausgestrahlt wurde.

Trotz anfänglicher Skepsis verstand sich das ungleiche Gespann so gut, dass Sapin sich für seine Comic-Reportage von Oktober 2012 bis April 2016 an die Fersen des unberechenbaren Ogers in Menschengestalt heftete. Die Reisen führten von Paris, hin zu Dreharbeiten nach Bayern. Von Aufnahmen für „Schlemmen mit Gérard Depardieu“ - quer über den halben Erdball – zu Film-Sets in Buçaco – wo er den Stalin mimte - und Ausflüge nach Moskau, wo man sich nackt in eine Dampfsauna hockte. Überall wurde fürstlich geschlemmt, getrunken und über die Stränge geschlagen. Mathieu Sapin bekam einen aufbrausenden, obszönen, lebenshungrigen… aber auch nachdenklichen, ehrlichen und intelligenten Gérard zu Gesicht, der tiefgründig über das Leben philosophierte und lautstarke Telefonate in Unterhose führte.

Seine Bedingung an den Zeichner war „Aber wenn du’s machst, dann richtig, klar? Das heißt: Depardieu wie er sich mit dem Roller auf die Fresse legt… oder wie er in ein Flugzeug pisst…“. Sapins Antwort lautete „Äh… OK. Ich versuch’s.“.

Dieser Versuch ist ihm eindrucksvoll gelungen und zeigt einen ungeschönten Blick auf einen Mann, der das Leben liebt, alles erreicht hat und – sollte er morgen plötzlich das zeitliche segnen – nicht sagen kann „Ich habe etwas verpasst…“.

Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Knollen-Gesicht

Mathieu Sapin zeichnet seine Figuren mit schnellem und einfachem Strich. Obwohl es sich eher um Karikaturen, als um fein ausgearbeitete Charaktere handelt, besitzen sie einen hohen Wiedererkennungswert und sind treffend und humorvoll dargestellt. An einer Stelle im Buch bezeichnet Depardieu sich selbst als Karikatur… allein deswegen dürfte Sapins Stil der einzig in Betracht kommende gewesen sein. Kleine Randnotizen beschreiben Gegenstände, Personen, Orte und das umfangreiche Interieur von Monsieur Depardieu, welches hauptsächlich aus weltweiten Kunstobjekten besteht, die der Franzose über Jahre angesammelt hat. Gemälde stehen bei ihm übrigens auf dem Boden… Aufhängungen mag der feine Herr nicht. Ein Exzentriker… durch und durch.

Der Reprodukt Verlag veröffentlichte „Gérard: Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ als eindrucksvollen Hardcover-Band. Im Anhang gibt es noch Original-Skizzen von Mathieu Sapin. Das stimmige Front-Motiv gibt schon einen kurzen Vorgeschmack auf den fünfjährigen, exzessiven Road-Trip mit dem „Mammuth“ des französischen Kinos.

Fazit:

Mathieu Sapins Comic-Reportage ist ein riesengroßer Spaß… nicht nur für Cineasten. Sein ungeschönter Blick auf einen Mann, der die Höhen und Tiefen des Lebens kennt, überzeugt in den lauten, sowie in den leisen Momenten. Ein Schauspiel-Urgestein quetscht das letzte Tröpfchen aus einem Schwamm, den wir Leben nennen.

Gérard: Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu

Gérard: Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu

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