Couch-Wertung

10
Story
Zeichnung

Story

Die Geschichte reflektiert die Menschen auf eine erschreckend ehrliche Weise. Die Geschichte wirkt dadurch schon fast surrealistisch. Dieses Werk ist definitiv etwas besonderes.

Zeichnung

Die Zeichnungen sind außerordentlich. Der Stil von Larcenet zieht den Leser sofort in seinen Bann, sodass man immer wieder mal in das Buch gucken will.

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Niklas Ellersiek
Eine gequälte Seele muss Zeugnis ablegen – Brodecks Bericht

Comic-Rezension von Niklas Ellersiek Aug 2018

Kalt und unbarmherzig: Ein paar Zeilen offenbaren die wahre Natur eines kleinen Dorfes. „Brodecks Bericht“ bietet einen spannenden, philosophischen Blick auf Themen wie Schuld, Verantwortung und Vergebung.

Die Geschichte spielt kurz nach dem zweiten Weltkrieg in einem verschneiten, französischen Bergdorf nahe der Deutschen Grenze. Eigentlich wollte der Einsiedler Brodeck in der dörflichen Kneipe nur Butter besorgen. Dabei gerät er jedoch in eine brenzliche Situation. Kurz vor Brodecks Eintreffen haben die Männer des Dorfes in der Kneipe einen Fremden gemeuchelt.

Brodeck, der eigentlich für eine weit entfernte Behörde Berichte über Flur und Forst schreibt, wird als Chronist beauftragt. Er soll einen Bericht verfassen in dem erklärt wie es zu dem Mord kam. Dabei wird schnell deutlich, dass die Dorfgemeinschaft die Wahrheit als relativ betrachtet und den Bericht lediglich als Erleichterung für ihr eigenes Gewissen braucht. Brodeck gerät dadurch in einen Gewissenskonflikt. Das Dorf hat ihm deutlich gemacht, dass es für ihn und seine Familie besser sei, eine Version zu schreiben die das Dorf letzten Endes in ein gutes Licht rückt. Brodeck hat jedoch das dringende Bedürfnis die Wahrheit zu erzählen. Er beginnt mit einem zweiten Bericht und muss jederzeit mit der Angst leben, dass ihm das Dorf auf die Schliche kommt. Doch auch seine eigene Vergangenheit holt ihn langsam ein. Nach und nach findet er heraus, dass das Dorf mehrere Leichen im Keller hat und Brodeck steht knietief in den Intrigen der Dorfbewohner.

Ein wandelbarer Künstler

Manu Larcenet ist ein äußerst wandelbarer Künstler. So unterscheiden sich seine Zeichnungen von Band zu Band sehr stark. Diese Vielfältigkeit überträgt sich auch auf die Storys die er visualisiert. Diese reichen von klassischer Satire bis zu ernsten und tiefgründigen Themen. Einem Genre kann man ihm nicht zuordnen. Auf jeden Fall ist er stets in der Lage seine Stilistik dem jeweiligen Thema entsprechend anzupassen.
In „Brodecks Bericht“ erschafft Larcenet mit seinen Tuschezeichnungen eine düstere und kalte Winterwelt. Dabei orientiert er sich eher an einer realitätsnahen Darstellung. Dabei wirkt sein Stil aber auf keinen Fall flach oder steif. Durch die Verwendung verschiedener Techniken, erzeugt er für das jeweilige Panel immer die passende Stimmung. So scheint es als nutze er nicht nur Pinsel und Feder, sondern auch mal einen Schwamm oder einen groben Borstenpinsel. Dabei kombiniert er extrem ausgearbeitete Zeichnungen mit fast schon fahrlässig groben und zufällig erzeugten Strukturen. Dadurch entsteht ein äußerst lebendiges Gesamtbild. Die Tierzeichnungen und Landschaften fallen dabei besonders ins Auge. Erstaunlich dabei ist mit wie viel Schwarz Larcenet, die sonst eher weißen, Winterlandschaften aufbaut. Die Zeichnungen spiegeln die Bürde wieder, die Brodeck auf seinen Schultern tragen muss.

Die Geschichte wirkt fast schon surrealistisch

Die Geschichte basiert auf dem Roman von Phillippe Claudel. Die Adaption ist mehr als gelungen. Larcenet behandelt das Thema des zweiten Weltkriegs und des Holocaust tiefgründig und mit viel Respekt. Wer jetzt aufstöhnt und dabei an Formate wie „Hitlers Helfer“ denken muss, liegt falsch. Die Thematik wird in einem anderen Licht dargestellt und der Fokus liegt ganz klar auf den Problemen der Nachkriegszeit. Die Story ist eine Art Querschnitt durch das Dorf wodurch deutlich wird das Angst, Armut und Dummheit Menschen zu Tieren werden lässt die nur im Jetzt leben. Das Ganze hat einen deprimierenden Charakter und zieht den Leser förmlich in die Welt des Protagonisten. Der kalte erbarmungslose Winter vervollständigt die Stimmung die nur so vor Tod und Verderben strotzt. Die entmenschlichte Darstellung der Nazis fällt aus der sonst eher naturgemäßen Darstellungsart, Vielmehr erinnern sie an, von einem Virus befallene, Zombies. Dieser Mix entspricht aber anscheinend Larcenets Naturell. Auf eine ähnliche Art ist auch die Geschichte aufgebaut. Zum einen ist die Thematik bitter und sehr wahrhaftig. Auf der anderen Seite wirkt das ganze sehr traumatisch und fast schon surrealistisch.

Abgesehen von den Zeichnungen und der Story, hat der Verlag Reprodukt hier ein besonderes Buch auf den Markt gebracht. Der Schuber, die Bindung und das Papier sind sehr wertig. Auch nach dem ersten Lesen greift man immer wieder gerne zu „Brodecks Bericht“ und blättert durch die düsteren Zeichnungen die dennoch eine gewisse Ruhe ausstrahlen und eine erdende Wirkung haben.

Fazit:

„Brodecks Bericht“ ist definitiv eine besondere Graphic Novel. Die Zeichnungen und die Adaption der Geschichte sind gelungen und begeistern schon auf den ersten Seiten. Mit seiner besonderen Erzählweise öffnet Larcenet ein Fenster durch das man einen erschreckenden Blick auf die, von Hass und Gier gelenkten, Menschen des Dorfes werfen kann. „Brodecks Bericht“ sollte selbst die Leser überzeugen, die Graphic Novels oder Comics eher kritisch betrachten. Eine Absolute Empfehlung.

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Letzte Kommentare:
03.08.2018 12:09:31
Frank

Es ist Winter kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Abseits von einem kleinen Dorf im deutsch-französischen Grenzgebiet lebt Brodeck. Als er eines Abends in das Wirtshaus geht, trifft er auf eine schauerliche Szene: Die Dorfgemeinschaft hat soeben kollektiv einen Fremden ermordet. Brodeck ist entsetzt, doch die Männer zwingen ihn, einen Bericht zu verfassen, der ihre Tat rechtfertigen soll. Widerwillig beginnt er, für die Dorfbewohner zu schreiben, und während er mehr und mehr von den Abgründen der Tat erfährt, gerät er allmählich selbst ins Visier ihrer Drohungen.
In Philippe Claudels Bestseller Brodecks Bericht, mit dem der Autor seine Kriegs-Trilogie abschloss, spiegeln sich die Schrecken des Zwei- ten Weltkriegs in einem kleinen Dorf, fernab vom Kampfgeschehen, unmittelbar nach 1945. Es ist die Zeit der „Säuberungen“. In den letzten Monaten der deutschen Besatzung hatte in Frankreich ein verdeckter, aber grausam geführter Bürgerkrieg getobt – zwischen der Résistance und den „Collabos“. Diese Dinge wirken von fern hinein in das Ge- schehen. Brodericks Bericht ist eine von vielen Rückschauen in die Vergangenheit unterbrochene Gewissenserforschung. Denn Broderick ist ein Ausgestoßener, ein Fremdling, und er ist nach einer Denunziation durch den Dorflehrer von den Deutschen in ein KZ deportiert worden. Manu Larcenet haucht dem tragisch-düsteren Bericht stimmungsvoll Leben ein. In eindrucksvollen Bildern schildert er das archaische Dorfleben vor der rauen Kulisse des Elsass. Der Reiz der Geschichte besteht im Verwischen historischer Konturen. Nur eines wird bald deutlich, Verbrechen und Gewalt sowie das Bedürfnis, den Fremden auszugrenzen und zu verfolgen, existieren überall und zu allen Zeiten. Denn die dunklen Seiten des Menschen treten nicht nur in kriegerischen Zeiten hervor. Brodericks Bericht ist eine düstere Parabel, die auf ver- schiedene Arten gelesen werden kann und geschickt mit Wahrheit, Lüge und Illusion spielt. Und es ist zweifellos eine im literarischen Sinne des Wortes fantastische grafische Erzählung, bei der man nicht recht weiß, was der Wirklichkeit entspricht und was nicht.

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