Comics 101

1 - Ein leichter Einstieg

Auf unserer „Comic-Couch“ berichten wir regelmäßig über aktuelle Neuerscheinungen, fortlaufende Serien, eigenständige Werke und erwähnenswerte Klassiker, die seit Jahren neue Generationen von Lesern begeistern und dementsprechend auch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dabei sind wir bemüht, JEDEN Titel sorgfältig unter die Lupe zu nehmen und uns ausführlich mit ihm und seinen Machern zu beschäftigen. So mancher Comic verschlingt mehrere Jahre intensive Arbeit und Recherche und da wäre es vermessen, ihn nur eines müden Blickes zu würdigen und mit einer aus dem Ärmel geschüttelten Benotung zu versehen. Da sagen wir ganz klar „Nö!“, denn dazu liegt uns dieses Medium viel zu sehr am Herzen. Da wir aber nicht nur bereits comic-affine Leser unseres Online-Magazins bedienen wollen, sondern uns auch sehr über Neulinge in der bunten Welt der Bilder freuen, möchten wir uns in dieser fortlaufenden Reihe mit der Geschichte der Comics, der Erklärung verschiedener Begriffe, politischen Einflüssen und dem Stellenwert in den unterschiedlichen Teilen der Welt befassen. Das „101“ im Titel ist übrigens nicht die Notruf-Nummer der Comic-Seelsorge, sondern bezieht sich auf das Nummern-System an amerikanischen Universitäten, an denen Kurse mit der Endung „101“ als Einführungskurse gekennzeichnet sind und das grundlegende Basis-Wissen im jeweiligen Bereich vermitteln sollen.

Wir werden uns hier also in unregelmäßiger Regelmäßigkeit wiedersehen, um möglichst locker und beschwingt aus dem Comic-Nähkästchen zu plaudern. Egal, ob Ihr weiblich oder männlich seid, alt oder jung, hü oder hott, grün oder blau (Prost!)… auf dem erfreulicherweise stetig wachsenden Markt gibt es mit 99,9%iger Sicherheit genau das richtige Werk für Euch! Wenn Ihr alte Hasen im Metier seid, erzähle ich Euch garantiert nichts Neues, doch die interessierte Leserschaft, die mal einen Blick riskieren möchte wird sehen, dass Comics nicht nur aus „Micky Maus“, „Fix und Foxi“ und (bestenfalls) noch „Asterix“ bestehen. Ein weit verbreiteter Irrglaube, denn die Comic-Landschaft ist weitaus vielfältiger und besteht aus mehr, als dem oft vermuteten „Kinderkram“. Ich habe selber Leute im Freundeskreis, die gerne mal neckisch fragen „Na? Liest du wieder Bilderbücher?“. Dem antworte ich gerne „Nein… ich schaue sie mir an. Lesen tue ich sie, wenn ich es gelernt habe.“ Ich (zarte 39) weiß zwar, dass es augenzwinkernd gemeint ist, dennoch schwingt immer der Gedanke mit, dass viele Leute einfach noch nicht über den Tellerrand hinausgeblickt haben und gar nicht wissen, welche unglaubliche, facettenreiche Welt ihnen verborgen bleibt.

Ausufernde Science Fiction, abenteuerliche Fantasy, Musiker- und Künstler-Biografien, Reise-Tagebücher, Literatur-Adaptionen, erschütternde Holocaust-Dramen, persönliche Erzählungen, leichtfüßige Slice-of-Life-Stories, Horror-Thriller auf Top-Niveau, berührende Coming-of-Age-Geschichten, humorvolle Cartoons, zum Heulen schöne Erzählungen über die große Liebe, Erlebnisberichte aus Krisengebieten und natürlich… die Superhelden!

Ganz klar, dass wir auch auf die kostümierten Kollegen aus den Häusern Marvel und DC einen Blick werfen und über ihre Herkunft und Entstehungsgeschichten plaudern. Auch hier sei gesagt: Wer bei „Batman“ immer noch an „BÄM!“, „PAFF!“ und „ZONG!“ denkt und sich den Dunklen Ritter aus Gotham als den Typen vorstellt, der seine im Schritt kneifende Unterbuchse über der Leggings trägt und mit einem Minderjährigen in seiner Villa wohnt (was sich schon seeehr abstrus anhört, wenn man es sich mal genau überlegt), wo sich beide regelmäßig knallbunt verkleiden und nachts gemeinsam um die Häuser ziehen (gut… DAS ist noch abstruser), liegt meilenweit daneben… oder ist in den 60ern bei Adam West und Burt Ward schon entnervt ausgestiegen. Nein, da hat sich in den letzten Jahrzehnten so einiges getan. Werke wie Frank Millers „Die Rückkehr des Dunklen Ritters“ oder auch Alan Moores „Watchmen“ veränderten den Superhelden-Kosmos über Nacht… und das nachhaltig. Der Ton wurde rauer und erwachsener. Die Psyche der Charaktere rückte in den Vordergrund und es wurde kritisch und aufschlussreich hinter die Masken der einst strahlenden Helden geschaut. Die augenscheinlichen Übermenschen wurden demontiert, um sie neu zu definieren.

Wer sich heute (beispielsweise) mal ein „Spider-Man“-Comic aus dem Regal fischt, um mal „reinzuschnuppern“, könnte schnell heillos überfordert sein… vor allem, wenn er zufällig mitten in ein „Groß-Event“ wie „Spider-Island“ oder „Spider-Verse“ platzt, das meist umfangreiche Vorkenntnisse erfordert. Ein aktuelles Beispiel wäre hier DCs „Batman Metal“. Die Reihe besteht aus fünf Einzelheften… so weit, so gut. Aber das war’s noch nicht… oooooh nein! Will man die volle Ladung „Metal“, muss man noch zur zweiteiligen „Vorgeschichte“ greifen, sollte die beiden „Batman Metal-Specials“ lesen und zudem noch „Sonderband 1+2“ besitzen. Der „Vorgeschichte“ ging übrigens noch der Einzelband „Der Tod von Hawkman“ voran, den man zwar nicht zwingend gelesen haben MUSS, der aber den ganzen Bums quasi einleitet. Kompliziert? Ja… aber nur auf den ersten Blick. Wenn man wirklich interessiert ist, findet man in diversen Foren freundliche Hilfe und auch von der Verlagsseite wird man immer an die Hand genommen. So findet man die empfohlenen Lese-Reihenfolgen meist online und auch in den hauseigenen Vorschau-Katalogen, die beim Comic-Händler Eures Vertrauens ausliegen… im Fall von Marvel und DC ist dies übrigens der Panini Verlag.

Die meisten Reihen spielen in einer großen Gesamt-Kontinuität, die nicht selten mehrere Einzel-Serien mit einbezieht. So kann es schon mal vorkommen, dass ihr mitten in „Civil War“, „Infinity War“ oder „Secret Empire“ reinschneit und nur Bahnhof versteht, da die Ereignisse derart ausufernd sind, dass sie sich quer durch die marvelsche Produkt-Palette ziehen. Daran ändern auch die häufigen Neustarts der Verlage nichts, die zwar ihre jeweiligen Reihen mit einer neuen Nummer 1 starten, den Status Quo aber oftmals nicht über den Haufen werfen. So hat der DC Verlag zum Beispiel vor einigen Jahren sein „altes“ Universum eingemottet und mit der „New 52“-Reihe verjüngt. Viele bekannte Charaktere blieben dabei vollkommen auf der Strecke und verschwanden von der Bildfläche. Nur wenige Jahre später sollte hier der „Rebirth“-Kosmos übernehmen, der die „alten“ Ereignisse und Figuren aus der Versenkung holte und mit den „New 52“-Helden verschmolz. Dies gelang zugegebenermaßen auch verdammt gut, denn die Ko-Existenz von zwei „Supermännern“ muss man erstmal schlüssig erklären können… Hut ab.

Im Zuge der Superhelden werden wir auch auf Begriffe wie „Goldenes Zeitalter/Golden Age“, „Silbernes Zeitalter/Silver Age“ und (wie sollte es anders sein) „Bronzenes Zeitalter/Bronze Age“ stoßen, die der Eine oder Andere bestimmt schon mal gehört hat, aber wenig damit anzufangen weiß… nun, das werden wir ändern. Aber alles nach und nach.

Abseits von Fledermaus-Männern, freundlichen Wandkrabblern und grünen Laternen werfen wir einen Blick nach Belgien und Frankreich, wo der Stellenwert der Comics dem unseren noch meilenweit voraus ist. Von den dortigen Auflagenzahlen können deutsche Verlage nur träumen. Die sogenannten „frankobelgischen“ Comics haben eine lange Tradition und sind längst als eigene Kunstform in ihren Herkunftsländern anerkannt. „Asterix“, „Tim und Struppi“, „Lucky Luke“, „Die Schlümpfe“, „Boule und Bill“ und „Spirou und Fantasio“ (sowie die daraus entstandenen „Gaston“ und „Das Marsupilami“) sind nicht nur in ihrer Heimat bekannt, sondern begeistern seit Generationen ein weltweites Publikum. Auch hier werden wir noch ein bisschen tiefer graben. So tief, bis wir in Japan angekommen sind…

Der Manga-Hype ist auch in Deutschland seit Jahren ungebrochen und kreative Cosplayer sind mit ihren aufwändigen Kostüm-Kreationen von den Messen nicht mehr wegzudenken. Mangas füllen ganze Wände von Bahnhofs-Buchhandlungen und ein Blick ins Regal des lokalen Comic-Händlers verursacht bei unvorbereiteten Kunden einen Farben-Flash. Kein Thema, welches hier nicht behandelt wird… wobei es auch schon mal unter die Gürtellinie gehen darf. „Pokémon“, „One Piece“, „Dragon Ball“, „Naruto“, „Death Note“ und „Sailor Moon“ sind auch hier nur die Spitze des Eisberges. Auf Meisterwerke wie „Akira“ oder „Crying Freeman“ werden wir mit Sicherheit auch noch zu sprechen kommen.

So… nun wisst Ihr schon mal grob, was Euch in nächster Zeit hier erwarten wird. Wir freuen uns, wenn Ihr gemeinsam mit uns in die abenteuerlich-bunten Bilderwelten der Comics und Graphic Novels abtauchen möchtet, um gemeinsam deren Geschichten zu beleuchten. Auf bald!

Fortsetzung folgt…

"Comics 101" - Marcel Scharrenbroich, September 2018
Cover Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von Panini Verlags GmbH, CARLSEN Verlag GmbH